So sehen sie aus: gesunde und gefrorene Spätburgundertrauben. Foto: Bohnert-Seidel

4 Uhr morgens, sternenklarer Himmel und minus fünf Grad: Während andere noch eingekuschelt in den Betten liegen, sind Hobbywinzerin Bianca Eichner und ihre Helfer schon im Weinberg unterwegs. Die LZ war bei der Eiswein-Lese mit dabei.

Friesenheim - Beleuchtet von den Stirnlampen glänzten am Donnerstagmorgen die Spätburgundertrauben wie kostbare Kristalle. Bei minus fünf Grad traf sich Hobbywinzerin Bianca Eichner mit ihren Helfern in den frühen Morgenstunden im Weinberg. 400 Kilo dunkelrote Trauben wollten gelesen werden. Viel geredet wurde nicht. Es war eine sternenklare Nacht. Erst später sollte der Nebel sich über den Weinberg im Gewann "Ob der Lahrgaß" legen.

Um vier Uhr war Treffpunkt auf dem Lahrweg oben auf der Kuppe. Mit der Temperatur war Eichner nicht ganz zufrieden. "Eigentlich braucht es minus sieben Grad", erklärt die 36-Jährige. Dennoch war sie optimistisch. Vater Martin Eichner, Bierbrauer und leidenschaftlicher Winzer, war begeistert vom Zustand der Früchte: "Edelfäule, herrliche Trauben, einfach beste Qualität", brachte er seine Freude zum Ausdruck. Tochter Bianca wollte es probieren. Erstmals in der Familie, in der sich schon der Urgroßvater dem Weinanbau gewidmet hat, soll eine Rarität angebaut werden. Ihr Erfolgsmodell bleibt kurz in der Beschreibung: "Ich habe diese Trauben, in bestem gesundheitlichen Zustand einfach hängen lassen und abgewartet", erklärt die 36-Jährige gegenüber der Lahrer Zeitung.

Weil sich für die kommende Woche wieder zweistellige Plusgrade ankündigen, hat sie kurzen Prozess gemacht und sich für die Lese entschieden. Vier frostige Nächte, hintereinander bezeichnet sie als die beste Voraussetzung, zur Tat zu schreiten. In den vergangenen Jahren sei auf die dauerhaft frostigen Nächte kein Verlass gewesen.

"Noch länger warten, gar bis in den Januar oder Februar wollte ich nicht", sagt die Friesenheimerin. Sechs Reihen wurden geerntet – mehr nicht. Netze sicherten die Leckerbissen vor den gierigen Vögel.

Nur in Gemeinschaft lassen sich die 400 Kilo zügig ernten. "Bianca, der Eimer ist wieder voll", rief Simon Schreiner in gebückter Haltung. Flugs eilte sie hinzu und leerte das Gut in den Bottich. Zwischendrin war auch ihre Rebschere im Einsatz. Ausgestattet mit Stirnlampen waren die Eltern Elvira und Martin Eichner, Hubert Reichenbach, Simon Schreiner sowie Marius Herzog.

Von ihrem Vater, Martin Eichner, hat die Tochter den Weinberg übernommen. Seit mehr als 100 Jahren wird in der Familie Wein ausgebaut und erstmals sollte Eiswein gelingen. Die Trauben wirkten im Geschmack wie ein natürliches Fruchteis und waren zuckersüß im Abgang. Fast schon ölig schmolz der geeiste Fruchtsaft auf der Zunge. 115 Öchsle verkündete der Refraktometer. Gegen 5 Uhr waren schon die ersten Mähdrescher aus der Ebene zu hören. Die restlichen Maisfelder wurden abgeräumt. Nach gut zwei Stunden waren alle Trauben im Bottich und der Rebensaft wurde sofort getrottet. Am Ende reifen 95 Liter im Fass. Ganz egal, welches Prädikat der Wein am Ende haben wird. "Es wird ein gutes Tröpfle", weiß Vater Martin Eichner heute schon.

Bianca Eichner ist eines von 65 Mitglieder der Winzergenossenschaft Friesenheim. Sie gehört zu den kleinen Hobbywinzerinnen, die mit sehr viel Leidenschaft ihren Wein anbauen. Von 130 Hektar Gesamtfläche bewirtschaften sechs Großwinzer 115 Hektar und die restlichen 15 Hektar teilen sich die 59 Mitglieder im Hobby- oder Nebenerwerb auf.

Oft lassen Winzer bewusst einige Trauben nach der Herbstlese am Rebstock hängen und hoffen auf frostige Nächte – so auch die Hobbywinzerin Bianca Eichner. Bei eisigen, frostigen Temperaturen geerntet, haben die Trauben eine dichte Textur und erhalten ganz besondere Aromen. Eiswein ist also ein Wein, der aus gefrorenen Trauben bereitet wird. Durch den Frost kristallisiert das Wasser in den Weinbeeren aus und der so konzentrierte Saft ist süßer als im Herbst.