In der Marktstraße vollzieht sich derzeit ein Generationen- und Branchenwechsel: Aus dem traditionsreichen Schreibwarengeschäft Thomas wird peux-à-peux ein bunt gemischter Kiosk- und Postbetrieb.
Frisch umgebaut ist das Ladengeschäft in der Marktstraße 18, das jetzt „SchiSchi’s Kiosk“ heißt.
Bei Nadir Sismann, genannt „SchiSchi“, gibt es alles, was das Herz begehrt: eine breite Auswahl an Tabakwaren, Lottoscheine, Zeitschriften, Snacks und Getränke. Nicht zu vergessen: der Postservice. Hier kann man nicht nur Pakete abholen, hier kann man auch Briefe und Päckchen aufgeben.
Der Büro- und Bastelbedarf, der viele Jahre zuvor Kunden ins Geschäft gelockt hat, ist verkleinert eine Etage hochgewandert. An den Fenstern ist deutlich der Schriftzug „Thomas Schreibwaren, Bürobedarf und Bastelkunst“ erkennbar. Doch damit soll nun bald Schluss sein.
23 Jahre lang Schreibwaren Thomas
Eine Treppe führt in das Reich von Helga Huonker, die seit 23 Jahre bei Schreibwaren Thomas alles rund um Papier, Stifte und Schulhefte verkauft: zuerst am Marktplatz, wo mittlerweile der Kindershop Lollipop ist, dann in der Kirchstraße, in den jetzigen Geschäftsräumen vom Stoffgeschäft Seemann, in den letzten acht Jahren am aktuellen Standort in der Markstraße, erweitert durch Bastelartikel. Jetzt sei es allmählich an der Zeit, aufzuhören. „Wir lassen es auslaufen“, sagt Huonker, die zusammen mit ihrem Mann Olivier Thomas das Geschäft führt. Und das habe mehrere Gründe.
Pandemie mit zweierlei Facetten
Grundsätzlich sei der Büro- und Bastelbedarf „sehr, sehr rückläufig“. 2016 ist das Schreibwarengeschäft von der Kirch- in die Marktstraße gezogen – pünktlich zur Sanierung des Marktplatzes, dessen Baustelle auch die Händler in der Marktstraße betroffen hatte.
Die Umsatzverluste seien enorm gewesen, weswegen das Angebot um Post- und Lottoservice sowie um den Zigarettenverkauf erweitert wurde, berichtet Helga Huonker. Diese Komponenten waren auch während der Corona-Pandemie hilfreich: Während viele Geschäfte schließen mussten, hätte man in der Marktstraße weiter öffnen dürfen. „Das hat uns gerettet“, sagt die gelernte Einzelhandelskauffrau. Auf den Schreibwarenverkauf hätte sich die Pandemie aber wiederum negativ ausgewirkt: Die Kunden hätten im Internet gekauft, und jetzt seien viele dabei auch geblieben.
Suche nach neuer Lösung
Dann ist die Schreibwarenfachfrau krank geworden. „Ich konnte den Betrieb nicht mehr stemmen“, erinnert sie sich. Daraufhin habe ihr Mann, eigentlich stiller Gesellschafter, selber hinter der Verkaufstheke gestanden und gemerkt, dass eine neue Lösung her muss. Doch die Suche nach Ersatz habe sich als schwierig erwiesen. Nadir Sismann habe also „der Himmel geschickt“, erzählt Huonker mit einem Lächeln. Ihn kannte man im Geschäft schon seit längerem, war er doch anderthalb Jahre lang als Außendienstmitarbeiter zuständig für die Tabaklieferung in der Marktstraße.
Neuer Kioskbetrieb seit Anfang 2023
Anfang 2023 sei man ins Gespräch gekommen – „ich war grundsätzlich nicht abgeneigt und hatte immer schon den Gedanken, mich selbstständig zu machen“, berichtet Nadir Sismann. Bei ihm habe man „einfach ein gutes Gefühl gehabt“, sagt Helga Huonker. Schnell sei man sich einig geworden, und Sismann habe den Ladenraum im Erdgeschoss gemietet und einige Möbel übernommen. Neugestaltet hat Sismann, der gebürtig aus Schorndorf bei Stuttgart kommt und seit rund zwei Jahren in Villingen wohnt, “SchiSchi’s Kiosk“ vor Kurzem. Er ist sich bewusst, dass die Kombination aus Post, Lotto, Tabak und Snacks viel Leute anzieht. Eine 80-Stunden-Woche ist für ihn derzeit normal.
Postservice als Herausforderung
Umso mehr weiß Sismann es zu schätzen, dass Helga Huonker ihm stundenweise unter die Arme greift – bei Bedarf im Obergeschoss bei den Büro- und Bastelwaren, aber auch beim Postservice. Als er eingestiegen ist, sei er selber über das breite Post-Spektrum überrascht gewesen, zumal vonseiten der Post keinerlei Schulungen angeboten würden. Zusammen mit der Hauptpost in der Friedrich-Ebert-Straße, die stets von Personalmangel geprägt ist, und der Filiale im Kiosk im Mühlweg bilde sein Geschäft den gesamten Postservice von ganz Schwenningen ab. Dass das ohne langfristige Unterstützung nicht geht, ist dem 35-Jährigen klar: Derzeit sei er auf der Suche nach neuen Mitarbeitern.
„Der Laden war mein Leben“
Wie lange die Schreibwarensparte im Obergeschoss noch geöffnet sein wird, weiß Helga Huonker noch nicht genau. Auch, wenn sie das Geschäft mit seinem neuen Schwerpunkt in guten Händen weiß, blickt sie doch etwas wehmütig auf die Einzelhandelsentwicklung zurück. 1964 habe sie ihre Lehre als Einzelhandelskauffrau begonnen – „was wir da an Schreibwarenläden in Schwenningen hatten!“. Und heute sei quasi nichts mehr: 2016 hat das Bastelgeschäft Bali in der Sturmbühlstraße geschlossen, in den nächsten Wochen macht auch der Schreibwarenhändler Harald Mager Auf Rinelen für immer seine Türen zu. Thomas Schreibwaren wird folgen. „Ich habe es immer mit Herzblut gemacht, der Laden war mein Leben“, sagt Helga Huonker.