Auch Haustiere altern oder werden krank. Irgendwann müssen dann ihre Besitzer meist eine schwere Entscheidung treffen. (Symbolbild) Foto: Christin Lola/Shutterstock

Der Tod gehört zum Leben dazu. Das ist bei Haustieren nicht anders als bei uns Menschen. Bei Haustieren aber liegt es oft beim Besitzer, die Entscheidung zu treffen, ob und wann ein altes oder krankes Tier eingeschläfert werden muss. Ein Weg, den viele Tierbesitzer früher oder später gehen müssen – auch unser Autor.  [Archiv]

Als Josh zu uns kam, war er bereits zwölf Jahre alt - für einen Hund bereits ein gehobenes Alter. Josh war schon damals nahezu taub und zeigte erste Anzeichen einer Arthrose. Bevor er zu meiner Frau und mir zog, war Josh über zehn Jahre der Hund meiner Eltern gewesen. Bei uns, so viel war klar, würde er seine letzten Jahre verbringen.

 

Wann ist der Zeitpunkt gekommen, sich von seinem Haustier zu verabschieden? Diese Frage will sich wohl niemand stellen – schließlich ist das Tier ein Begleiter, Freund und Teil der Familie. Aber gerade deswegen ist es notwendig, sich mit der Realität auseinanderzusetzen.

Das findet beispielsweise der Tierarzt Andreas Roeckl, Geschäftsführer der AniCura Tierklinik in Bad Dürrheim: „Wann der geeignete Zeitpunkt gekommen ist, von seinem Haustier Abschied zu nehmen ist nie eine leichte Frage, aber vielleicht eine der wichtigsten, die man sich in dem Fall stellen muss.“

Frage nach der Lebensqualität

Für den langjährigen Tierarzt Roeckl ist die entscheidende Frage die nach der Lebensqualität des Tieres. „Bei einem alten oder kranken Tier muss man sich mit der Realität auseinandersetzen, ob das noch ein schönes Tierleben ist.“ Beispielsweise, wenn ein Hund so stark Arthrose hat, dass er nicht mehr ohne Hilfe seine Geschäfte erledigen kann oder wenn bei einer Katze die Nieren versagen. „Manche Baustellen werden einfach nicht mehr besser“, meint Roeckl, „und als Tierarzt muss man da dann ehrlich sein.“


In den letzten Monaten baute Josh zunehmend ab. Er konnte nur noch mit Hilfe gehen, war unsicher und schlief viel. Er war noch immer sehr kuschelbedürftig, fraß und trank auch noch gierig, auch wenn man ihm sein Futter und Trinken anreichen musste und kam gerne mit seinem Hundewagen mit ins Büro. Aber seine vielen Leiden waren nicht mehr zu übersehen. Wir mussten uns damit abfinden, dass es dem Ende entgegen ging - egal wie schmerzhaft das für uns sein würde.


Niemand muss die Entscheidung alleine treffen

Die Entscheidung für die Einschläferung eines alten oder kranken Tieres muss niemand alleine fällen. „Wir machen das immer in enger Absprache mit den Besitzern“, meint Roeckl. Tierärzte könnten ja nicht in die häusliche Umgebung eines Tieres sehen. „Die Tierarztpraxis ist für die meisten unserer Patienten natürlich eine extreme Stresssituation und daher nicht mit der vertrauten Umgebung des Tieres zu vergleichen.“ Daher sei auch das Verhalten der Tiere unter diesen Umständen nicht mit dem im eigenen Wohnzimmer gleichzusetzen. In dem Fall braucht es natürlich Ehrlichkeit der Besitzer über ihr Tier.

Josh, wenige Wochen bevor unser Redakteur und seine Frau ihn gehen ließen. Foto: Marius Lang

„Dass es dem Ende zugeht“, führt Roeckl weiter aus, „erkennt man oft daran, dass die Tiere sich zurückziehen, nicht mehr so viel spielen oder nicht mehr normal fressen.“ Manche Tierhalter wären teilweise übereifrig, wollten ihrem Liebling jeden Schmerz ersparen, aber „nur weil ein Hund Schmerzen hat und eine Weile Medikamente nehmen muss, schläfert man ihn nicht gleich ein“, sagt Roeckl. Bei Menschen würde man so etwas auch nicht machen.

Einige Besitzer wollen nicht loslassen

Andere würden die Leiden ihrer Tiere ausblenden, wollten nicht Abschied nehmen, am liebsten gar nicht daran denken und erst recht nicht darüber reden. „Sie tun dem Tier nichts Gutes. Da ist es wichtig, den Besitzern vorsichtig vor Augen zu führen, dass es letztlich das Tier ist, das darunter am meisten leidet.“ Scherzhaft fügt Roeckl hinzu: „Manchmal denke ich, dass unsere Kollegen in der Humanmedizin es leichter haben. Da stellt sich diese Frage nicht in der Form.“


Nach einem Besuch bei unserem Tierarzt war klar, dass es Josh nicht mehr besser gehen würde. Wir machten einen Termin aus, in angemessener Entfernung, damit Freunde und Familie sich die Zeit nehmen konnten, sich zu verabschieden. Der Tierarzt gab uns für die letzte Fahrt ein Beruhigungsmittel mit, das wir Josh geben konnten, damit er kurz vor dem Ende nicht unnötig gestresst würde.


Am Ende sollten Besitzer bei ihrem Tier sein

Wenn es an den letzten Weg geht, wird den Patienten und ihren Besitzern in Andreas Roeckls Praxis ausreichend Zeit und Platz eingeräumt. In einzelnen Fällen wären auch Einschläferungen zu Hause, im Kofferraum oder im Sommer auch draußen möglich. Die Einschläferung selbst ist für die Tiere friedlich und völlig schmerzfrei. Zunächst werde das Tier in einen Dämmerschlaf versetzt, dann würde eine Narkose eingeleitet. Aus dieser erwache das Tier letztlich nicht mehr.

Grundsätzlich empfiehlt Roeckl den Besitzern immer, am Ende bei ihrem Tier zu sein. Das sei wichtig, zum einen für die Tiere. Denn diese hören und spüren selbst im Dämmerschlaf und teilweise auch noch in der Narkose ihre Vertrauten, die bei ihnen sind.

Zum anderen aber sei es auch für die Menschen wichtig, um Abschied zu nehmen und einen Abschluss zu finden. Trotz der Schmerzen, die der Abschied jedes Mal mit sich bringt, ermuntert Roeckl seine Kunden immer, sich wieder Haustiere anzuschaffen. „Viele wollen da nie wieder durch. Aber das gehört zum Leben dazu.“


Wir ließen Josh, nach einem kleinen Spaziergang mit ihm, an einem schönen Tag im Juli 2023 gehen. Meine Frau und ich waren bis zum Ende bei ihm. Das Letzte, was er sah, waren unsere Gesichter. Das Letzte, was er spürte, waren unsere Hände, die ihn hielten. Es geht ihm jetzt besser.

Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel erschien erstmals am 23. Oktober 2023.