Ein Hubschrauber einer Spezialfirma aus Österreich ist in diesen Tagen bei den Sanierungsarbeiten an einem Schramberger Strommast im Einsatz. Unsere Redaktion begleitete den ersten Flug am Donnerstag.
Das Heli-Spektakel beginnt recht unspektakulär auf einer flachen Wiese. Hier, am Paradieshof am Rande von Sulgen, ist es am Donnerstagvormittag um halb elf noch ruhig. Von unwegsamem Gelände ist keine Spur – im Gegenteil, die Grünfläche könnte frisch gemäht problemlos als Fußballfeld dienen.
Lediglich die Fahrzeuge der Netze BW, die neben dem Feldweg parken, deuten darauf hin, dass hier gleich ein außergewöhnlicher Einsatz starten wird. Sieben Mitarbeiter des zum EnBW-Konzern gehörenden Netzbetreibers haben sich auf der Wiese versammelt, tragen Sicherheitsschuhe, Helme und gelbe Warnschutzjacken. Sie sind gekommen, um bei einem Projekt dabei zu sein, das sie teils schon seit Jahren beschäftigt.
Spannung ist spürbar
Die Spannung ist ihnen anzumerken. „So etwas kommt nicht so häufig vor“, erklärt Andreas Kohler, zuständig für die Projektkommunikation bei der Netze BW in Stuttgart. Was er meint: Gleich soll ein Hubschrauber eintreffen, der extra für den Einsatz aus Tirol von der Spezialfirma Heli Austria eingeflogen wird. Das Projektteam braucht den Hubschrauber, um Material zu einem Hochspannungsmast zu transportieren, der saniert wird.
„Normalerweise machen die so etwas im Gebirge“, sagt Kohler über die österreichische Spezialfirma. In Schramberg wartet nun zwar kein Gebirge auf den Piloten, allerdings ähnlich unwegsames Gelände, das es praktisch unmöglich macht, die schweren Materialien und Maschinen auf herkömmliche Weise zu dem Mast zu transportieren. Was das Gelände so anspruchsvoll macht, wird noch hautnah zu erleben sein.
Noch fehlt von dem Hubschrauber allerdings jede Spur. Die Mitarbeiter rätseln derweil darüber, ob er tatsächlich an Ort und Stelle auf der Wiese landet oder weiter unten am Hang. Dann fährt ein Sprinter der Heli Tirol an – das Tankfahrzeug für den Hubschrauber, wie das Team der Netze BW vermutet. Der Heli habe keinen so großen Tank wegen des Gewichts, müsse also immer wieder aufgetankt werden, erklärt Kohler.
Dann sind plötzlich Rotorengeräusche zu hören. „Er landet hier“, lautet die Info an das Team. Und tatsächlich: Kurz darauf taucht der rote Hubschrauber am Himmel auf, dreht eine Runde über das Waldstück und landet schließlich auf dem Feldweg, nur wenige Meter von den parkenden Autos entfernt, umgeben von einer regelrechten Staubwolke.
Erfahrener Pilot
Pilot Christoph Braun und sein Team steigen aus der Maschine aus. Braun trägt eine dunkle Fleecejacke, die Kapuze über die Cap gezogen. Er wirkt entspannt – was angesichts der Aufgabe, die ihm bevorsteht, keine allzu schlechte Eigenschaft ist. Zentimetergenau muss er den Hubschrauber manövrieren, um einen reibungslosen Transport des Materials in das dicht bewachsene Gelände zu gewährleisten.
Dafür brauche es viel Erfahrung und Übung, sagt Braun im Gespräch. „Deswegen spricht man in Pilotenkreisen immer von Flugstunden.“ Noch wichtiger sei aus seiner Sicht jedoch, wie viele Flugstunden man in welchen Gebieten habe. Für Braun sind Einsätze wie dieser jedenfalls Routine. Und er verfügt über das passende Arbeitsgerät: Den H125 von Airbus Helicopters bezeichnet Braun als ein „sehr gutes Allzweck-Arbeitstier“. Der leichte Mehrzweckhubschrauber „hebt problemlos eine Tonne“.
Wie viel Wucht die Maschine hat, wird gleich live zu erleben sein. „Wir würden jetzt starten“, lässt das Heli-Team gegen halb zwölf verlauten. Für den Rest geht es mit Autos auf dem schmalen Waldweg zum Einsatzort. Hier, in einem lichten Waldstück nördlich der Talstadt, liegen die Materialien für die Mastsanierung – darunter Traversen, Betonteile für das Fundament und Maschinen – transportbereit.
Riesiger Planungsaufwand
Dahinter steckt ein riesiger Planungsaufwand, der zum Ziel hatte, den Hubschraubereinsatz möglichst effizient zu gestalten und die Eingriffe in die Natur so gering wie möglich ausfallen zu lassen, wie Thomas Waldraff erzählt, der das Mastsanierungsprojekt als verantwortlicher Manager bei der Netze BW seit gut drei Jahren betreut. Die Netze BW erneuert durch die Firma Powerlines Energy als Generalunternehmer seit März 42 Masten auf der 110-Kilovolt-Hochspannungsleitung zwischen den Umspannwerken Schramberg und Oberndorf. An diesem Tag geht es jedoch nur um einen Mast, der den Planern besonders viel abverlangt hat.
Nun ist aber alles vorbereitet – und das Team der Netze BW schaut gebannt in den Himmel. Über den Bäumen tritt der Hubschrauber hervor, an dem ein langes Seil befestigt ist. Zwei mit Helm, Gehörschutz und Sicherheitsweste ausgerüstete Mitarbeiter greifen das Seil und bringen die erste Ladung an Materialien daran an. Der Abwind des Hubschraubers wirbelt derweil Bäume und Sträucher kräftig durcheinander; teils fliegen sogar armdicke Äste ab. „Man sieht, was für eine Power der hat“, ist Kohler fasziniert. Den Beobachtern bläst der Wind beinahe das Smartphone aus der Hand, mit dem sie das Spektakel aufnehmen. Durch den Lärm hört man kaum das eigene Wort.
Kurz darauf verschwindet der Hubschrauber wieder am Horizont. Auf Höhe des Recyclinghofs am Rappenfelsen wurde eine Plattform errichtet, wo das Material entgegengenommen wird.
Aus Sicherheitsgründen sei die Stromleitung ausgeschaltet, erklärt Patrick Frey, der das Schramberger Netz betreut. Es bleibt jedoch kein Haushalt ohne Strom, da das Netz nach dem Prinzip „N-minus-Eins“ aufgestellt ist, was bedeutet, dass die Versorgung durch bestimmte Schaltungen aufrechterhalten werden kann. Hierfür war Frey zuständig.
Nun steht er neben seinen Kollegen der Netze BW und beobachtet, wie der Hubschrauber beinahe im Minutentakt zwischen den beiden Standorten hin- und herfliegt und das Material abtransportiert. „Das geht ratzfatz“, ist von dem Team zu hören. „Wird langweilig, oder?“, fragt jemand nach einer Weile scherzhaft. Kurz nach 13 Uhr, nach nicht einmal 90 Minuten, heißt es dann: „Das war der letzte Flug!“ Der Hubschrauber verschwindet wieder über dem Wald.
Unwegsames Gelände
Zeit für das Team der Netze BW, den Ort zu besichtigen, für den die ganze Aktion überhaupt notwendig war. Schon auf dem Weg dorthin wird deutlich, warum das Gelände als unwegsam bezeichnet wird. Auf bestenfalls schmalen Pfaden geht es den dicht bewachsenen Hang hinunter, bis an der wohl steilsten Stelle der Strommast zum Vorschein kommt.
Zwischen Bäumen ist ein Seil gespannt, an dem man sich auf dem Weg nach unten festhalten kann. Direkt neben dem Mast steht ein Bagger, bei dem es aussieht, als würde er gleich den Hang hinab rutschen.
Aber hier ist alles sicher. Die anspruchsvollen Arbeiten sind bis ins letzte Detail geplant, mit besonderem Augenmerk auf den Arbeitsschutz. Mit dem ersten Hubschrauberflug ist nun ein Meilenstein des Projekts geschafft. Zufrieden blickt das Team der Netze BW den Hang hinab.