Sie gilt als Moskaus Schattenarmee: Söldner der Gruppe Wagner sollen der Militärjunta in Mali im Kampf gegen Islamisten helfen. Frankreich und Deutschland blicken ebenso besorgt auf die Lage im Land wie die westafrikanische Staatengemeinschaft.
Johannesburg. - Sie sind da. Zumindest die Ersten von ihnen. Eingetroffen mit einer russischen Transportmaschine aus Libyen, wo sie bisher im Einsatz waren. Einige sind schon in der legendären Wüstenstadt Timbuktu stationiert, wie Malis Armee-Sprecher bestätigte.
Die Rede ist von den Kämpfern der Wagner-Truppe, der berüchtigten russischen Söldnereinheit, die – wo sie auch immer auftaucht – negative Schlagzeilen macht. Im ukrainischen Donbas, in Syrien, immer öfters auch in Afrika: in Mosambik, im Sudan, in der Zentralafrikanischen Republik und jetzt auch in Mali. Die Wagner-Truppe gilt als „Russlands Schattenarmee“.
Der westafrikanische Staatenbund verhängt weitere Sanktionen
Schon vor ihrer Ankunft in dem Unruhestaat haben die käuflichen Legionäre Aufregung verursacht: Frankreichs Verteidigungsministerin Florence Parly warf Malis Militärregime vor, mit der Einladung der Söldnertruppe „im Blut französischer Soldaten“ zu trampeln. Malis Premierminister Choguel Maïga konterte: Frankreich wolle seine ehemalige Kolonie wie die USA kürzlich Afghanistan im Stich lassen – hilflos islamistischen Extremisten ausgeliefert. Sie hatten das Land vor zehn Jahren bereits zur Hälfte besetzt.
Indessen sucht Oberst Assimi Goïta seine durch einen Putsch an sich gerissene Macht gegen den Willen des westafrikanischen Staatenbunds Ecowas auf fünf Jahre auszudehnen. Wegen der Verschiebung demokratischer Wahlen hat die Ecowas ihre Sanktionen gegen Mali bereits deutlich verschärft. Sie beschloss am Sonntag, die Grenzen zu Mali zu schließen, Finanztransaktionen weitgehend auszusetzen sowie Vermögen und Guthaben des Landes einzufrieren. Und mitten in dem Schlamassel sitzen fast 1000 Bundeswehrsoldaten: Sie bilden im Rahmen der EU-Mission EUTM malische Soldaten aus und sind Teil der UN-Truppe Minusma.
Dschihadisten auf dem Vormarsch
Ausgelöst wurde die jüngste Krise der Staatsruine durch den Militärputsch im August 2020 und die spätere Ankündigung der französischen Regierung, ihre Truppenpräsenz in der Sahelzone von mehr als 5000 Soldaten um fast die Hälfte zu verringern. Der Coup und der französische Teilabzug hatten einen gemeinsamen Hintergrund: die Unfähigkeit der im Jahr 2013 gewählten Regierung Ibrahim Boubacar Keïtas sowie der französischen Schutztruppe und der 11 000 Blauhelme der UN-Mission Minusma, dem Ansturm der Dschihadisten in dem gut 20 Millionen Einwohner zählenden Staat Herr zu werden.
Statt die Umtriebe der Extremisten seit deren Vertreibung aus dem Norden Malis im Jahr 2013 zu stoppen, konnten die Dschihadisten diese noch deutlich zu steigern und ihren Wirkungsbereich auch auf die Nachbarstaaten Burkina Faso und den Niger ausweiten: Jährlich stieg die Zahl der Terroranschläge an, zwischen 2017 und 2021 versiebenfachte sich ihre Zahl sogar. „Ich glaube nicht, dass wir das Problem in den nächsten zehn oder 15 Jahren in den Griff bekommen“, räumte Frankreichs Generalstabschef François Lecointre kleinlaut ein, „wenn überhaupt“.
UN-Mission mit 200 Soldaten – darunter zwei Bundeswehrsoldaten
Nach der Vertreibung aus ihrem Kalifat in Malis Norden gelang es den verschiedenen Extremistengruppen, die sich teils mit dem Islamischen Staat, teils mit Al-Kaida im Maghreb (Aqim) verbündet hatten, aus ihren Verstecken in der Sahara und den Weiten der Sahelzone zurückzuschlagen: Frankreich verlor 52 Soldaten, Minusma entwickelte sich mit mehr als 200 Toten (darunter zwei Bundeswehrsoldaten) zur tödlichsten Mission der UN, die malischen Streitkräfte sollen weit über 800 Uniformierte verloren haben.
Immer lauter wurden die Klagen der malischen Bevölkerung gegenüber der französischen Schutzmacht, die sie einst begeistert willkommen hieß: Sie werfen ihr nicht nur Versagen, sondern sogar Unterstützung der Dschihadisten vor. Ihre Präsenz soll den Islamisten neue Rekruten in die Hände treiben, ihre Luftschläge treffen immer wieder die Falschen. Schon vor zwei Jahren kam es zu Massenprotesten in der Hauptstadt Bamako, die außer der Regierung Keïtas auch der ehemaligen Kolonialmacht galten: Der Aufstand wurde von einem ersten Coup Goïtas beendet. Das Problem war damit nicht gelöst. Auch Goïtas Männer ziehen im Kampf gegen die Extremisten ständig den Kürzeren und lassen ihren Frust an der Bevölkerung aus. Ihr Training durch europäische Soldaten machte sie offensichtlich nicht wesentlich kampfkräftiger.
Macrons Geduld ist am Ende
Irgendwann war Emmanuel Macrons Geduld zu Ende. Mitte 2021 gab der französische Präsident die Truppenreduzierung der Mission bekannt: Andere europäische Staaten sollten das entstandene Loch mit der Task-Force „Takuba“ (Säbel) füllen. Allerdings: außer Estland und Tschechien zieren sich die meisten Europäer – auch die Bundeswehr: Sie bräuchte für einen derartigen Kampfeinsatz ein neues Mandat.
Und nun sind die Russen da. Moskau unterhalte zu Mali schon seit dessen Unabhängigkeit 1960 gute Beziehungen: Sowohl Premierminister Maïga wie der Verteidigungsminister haben in der Sowjetunion studiert. Dass die Söldner, die auf 500 Mann wachsen und den malischen Staat monatlich zehn Millionen US-Dollar kosten sollen, besser mit den Dschihadisten fertig werden als die zehnfache Zahl an Franzosen, glaubt wohl auch Goïta nicht. Eher wolle er damit ein zweites Afghanistan, den Totalabzug der Franzosen und deren europäischer Verbündeten verhindern, sagen Kenner des Landes. Der riskante Schuss des Putschistenführers droht allerdings nach hinten loszugehen: Derzeit wird sowohl in Paris wie in Berlin ebenjener Totalabzug erwogen.