Ein Mitarbeiter des Friedhofs trägt die Urne nach der Andacht nach draußen. Foto: Boller

Immer mehr Menschen im Ortenaukreis sterben ohne Angehörige. Die Stadt Offenburg sucht nach Wegen, würdevoll zu bestatten – und will gleichzeitig Kosten sparen.

Es herrscht Stille in der Aussegnungshalle des Offenburger Weingartenfriedhofs. In der ersten Reihe haben vier Menschen Platz genommen, dazu die evangelische Pfarrerin Jutta Wellhöner und ein Organist, der die Andacht mit Musik eröffnet.

 

Es erklingt das Lied „Von guten Mächten“, das Dietrich Bonhoeffer 1944 während der Zeit des Nationalsozialismus schrieb – ein Lied, das Trost und Zuversicht selbst in dunkelsten Momenten zu vermitteln versucht. Danach wendet sich Pfarrerin Wellhöner der Verstorbenen zu.

Da sie nichts über deren Leben weiß, bleibt ihre Ansprache bewusst allgemein. Entsprechend wählt sie Worte aus Psalm 139, der mit den Zeilen beginnt: „Herr, du hast mich erforscht und kennst mich.“ Die Wahl des Gebets macht deutlich: Jeder Einzelne, sei er auch noch so einsam, könne sich von Gott geliebt, gesehen und beschützt fühlen – das gelte auch über den Tod hinaus. Im Anschluss betritt ein Friedhofsmitarbeiter die Halle, nimmt die Urne an sich und trägt sie nach draußen. Die übrigen Anwesenden folgen schweigend.

Im Alter wird es für viele Menschen einsam

Die Sonne scheint, doch die Kälte ist beißend. Auf den Wegen ist der Schnee festgefroren, jeder Schritt lässt ihn leise knirschen. An der Grabstelle wird die Urne in den Boden gelassen. Jeder Trauergast gibt etwas Erde ins Grab. Dann ist die Zeremonie zu Ende. Mit der Andacht hat sie nur wenig mehr als 20 Minuten gedauert.

Nach der Beisetzung kommt Pfarrerin Wellhöner mit den vier Teilnehmern ins Gespräch. Dass überhaupt Menschen erschienen sind, um sich von der Verstorbenen zu verabschieden, war zunächst nicht absehbar – umso größer ist ihre Freude über die Anwesenheit.

Bei der Verstorbenen konnten zunächst keine Angehörigen ausfindig gemacht werden, die die Trauung besuchen wollten oder konnten. Doch wenige Tage vor der Beerdigung meldeten sich doch noch eine Nichte sowie eine Bekannte. Die in Paris lebende Tochter der Verstorbenen hatte sie benachrichtigt, sie selbst habe nicht kommen können, lässt sie ausrichten. Das Video der Beisetzung ist für sie bestimmt.

38 Beerdigungen ohne Angehörige verzeichnete die Stadt im Jahr 2025 auf den 13 Offenburger Friedhöfen – die Tendenz ist laut Abteilungsleiter Hans-Jürgen Jäger leicht steigend. Als Ursache nennt Jäger die sich verändernde demografische Zusammensetzung der Gesellschaft. Dass die Menschen in Deutschland immer älter werden und im Alter häufiger vereinsamen, sei nur ein Faktor unter vielen. Beispielsweise wohnten viele Angehörige heute oft weit entfernt und familiäre Bindungen seien mitunter weniger eng als früher. Und auch Migration spiele eine Rolle.

Kosten sparen – aber die Menschenwürde achten

Angehörige ausfindig zu machen, ist dabei durchaus auch im Interesse des Ordnungsamts – nicht zuletzt aus finanziellen Gründen. Denn diese müssen in aller Regel für die Kosten der Bestattung aufkommen. Lassen sich keine Angehörigen ermitteln oder kommen diese ihrer Pflicht nicht nach, wird die verstorbene Person von Amts wegen bestattet.

Die Kosten für die Bestattung selbst teilen sich dann die Stadt Offenburg und die Kirchen, für die Grabpflege kommt die Stadt alleine auf. Trotzdem obliege es oft dem individuellen Engagement der Pfarrer, die etwa in der Nachbarschaft nachfragten, ob es jemanden gebe, der der verstorbenen Person nahestand und von der Beerdigung wissen möchte, kritisiert Wellhöner.

Diesem Anspruch gerecht zu werden, sei im Alltag jedoch nur selten möglich. Entsprechend erführen viele Menschen entweder gar nicht oder erst zu spät von der Beisetzung eines Menschen, zu dem zwar keine enge Verwandtschaft bestand, wohl aber eine persönliche Nähe. „Da gibt es noch Luft nach oben“, sagt die Pfarrerin.

Wenn der Verstorbene konfessionslos ist, fällt auch der Geistliche für die Trauerfeier weg. Dann seien nur ein Organist und ein Mitarbeiter in der Aussegnungshalle, erzählt Jäger. Der Mitarbeiter setze anschließend die Urne an der Grabstelle bei.

Weil er das als trostlos empfand, überlegte sich der Prädikant und Friedhofsmitarbeiter Tobias Schulz, wie den verstorbenen Menschen eine würdigere Verabschiedung zuteil werden könne. Eine erste Idee wurde bereits umgesetzt: Kurz vor Weihnachten gab es eine Gedenkveranstaltung für einsam Gestorbene und Bestattete mit Orgelmusik und dem Kirchenchor St. Sixtus Zunsweier.

Friedhofsverwaltung denkt über Sammeltermine nach

Für die Zukunft denkt die Friedhofsverwaltung über eine Weiterentwicklung des bestehenden Konzepts nach. Dabei gehe es stets um einen Balanceakt, sagt Verwaltungsleiter Jäger: Einerseits spielten Kosten eine Rolle, andererseits wolle man ausdrücklich „kein bloßes Verscharren von Menschen“. Denkbar seien etwa mehrere Sammeltermine im Jahr, bei denen fünf oder mehr Bestattungen gemeinsam stattfinden.

Die Beisetzungen könnten von Orgel- oder Chormusik begleitet werden. Teilnehmen dürften auch Menschen ohne persönlichen Bezug zu den Verstorbenen, die aus einem Gefühl der Nächstenliebe heraus die letzte Ehre erweisen möchten. Spruchreif sei aber noch nichts, so Jäger.

Für Pfarrerin Wellhöner geht es bei all diesen Überlegungen vor allem darum, allen Menschen Würde und Respekt zukommen zu lassen. „Denn letztlich ist es doch so: Wie wir unsere Toten behandeln, das ist ein Abbild unseres Umgangs mit den Lebenden.“

Trauerfeierkalender

Im Trauerfeierkalender werden auf der Internetseite tbo-offenburg.de die Termine der kommenden 14 Tage angezeigt. Aus Datenschutzgründen erscheinen jedoch ausschließlich Grabinformationen und Trauerfeiern, für die eine Einwilligung zur Veröffentlichung vorliegt.