Allein im Haus und keiner schwätzt was – gerade auf dem Land kämpfen viele Senioren mit Einsamkeit. Was tun? Wir treffen Magdalena, Renate, Josef, Lore und Rosa aus Ehingen bei Linsen mit Spätzle. Sie erzählen uns ihre Geschichten.
Rechts neben dem Eingang ist der Parkplatz für Rollatoren; dicht an dicht stehen sie vor den Fenstern wie früher die Fahrräder vor der Grundschule. Ist schon eine Weile her, seit man dort auf den Schulbänken saß. Hier sind die meisten um die 90, und der fahrbare Untersatz hat sich ein bisschen verändert. Die ältesten Bewohner des Viertels Wenzelstein in Ehingen kommen dienstags ins Gemeindezentrum zum Mittagessen.
Josef und Lore sitzen schon auf ihren Plätzen, heut’ gibt’s Linsen mit Spätzle. „Einmal die Woche nicht selber kochen“, sagt Lore, „und nicht spülen“, sagt Josef. Das ist das Ziel. Lore ist 88, Josef 87. Sie sind ein Paar, ja, seit wann eigentlich? Nachdem der Mann von Lore an Krebs gestorben ist und die Frau vom Josef auch. Das war ungefähr zur selben Zeit, Lore überlegt, „vor zwanzig Jahren“. Damals, beide waren Ende 60, haben sie sich beim Albverein verliebt und nie gedacht, dass ihrer Liebe noch zwanzig Jahre und mehr beschieden sein würden.
Die Zeit ist vergangen, und man ist irgendwie übrig
Lore und Josef führen eine wilde Ehe und leben nicht zusammen. „800 Meter auseinander“, schildert Lore die geografische Situation, und Renate ruft dazwischen: „Hosch des ausgmessa?“ Iwo, Lores Schwester hat das ins Handy eingegeben. Die ist 12 Jahre jünger, kann das einfach kurz nachschauen, kennt sich aus.
Lore und Josef führen je einen Haushalt, Singlewohnen sozusagen, dann gibt’s keinen Streit, sagt Lore. So wie ihnen geht es hier fast allen: Der Partner gestorben oder pflegebedürftig, die Kinder und Enkel längst weg gezogen. Laut Mikrozensus lebten in den 40,9 Millionen privaten Hauptwohnsitzhaushalten in Deutschland 2022 rund 46 Prozent der über 65-Jährigen allein. Bei den über 85-Jährigen waren es sogar 62 Prozent.
Die Zeit ist vergangen, und man ist irgendwie übrig. So richtig weit rum kommt man auch nicht mehr, morgens nach dem Aufstehen tun die Knochen weh, und wenn das die einzigen Probleme sind, hat man eigentlich noch Glück gehabt.
Lore und Josef sind früher viel verreist, nach Gran Canaria, Madeira und in die Berge. Da hat Josef Lore überall rauf gejagt: „Da noch nauf, komm.“ „Bin ich dir eigentlich hörig?“, hat Lore dann gefragt, aber ist natürlich hinterher. „Desch leider vorbei“, sagt sie heute. Wenn sie es zum Spazieren schaffen und zum Dienstagsessen, sind sie froh.
Josef war Sattler, dann hat er im Stahlbau gearbeitet, Lore in einer Metallfirma. Das war keine Selbstverwirklichung, die Firma war eben in der Nähe. Lore erklärt das so: „Als Mädle bisch halt ins Nächschde nai, wo’s geba hot.“ Gemeckert wird nicht.
Wenn sie sich sehen, geht es darum, was so ansteht im Ort
Lore, Josef und die anderen sind noch in Kriegszeiten groß geworden, sie haben Hunger gekannt und wie gut man auf sein eines Paar Schuhe aufpassen musste. Vor mehr als zwanzig Jahren haben sie sich aus dem Berufsleben verabschiedet. Ein Smartphone besitzen sie nicht, und dass bei der Kreissparkasse oft keiner mehr am Schalter sitzt, ist ein dummes Ärgernis. Viele geliebte Menschen haben sie schon verloren, manche von ihnen dem Tod selbst nicht nur einmal direkt ins Gesicht geschaut. Und dann ist es doch immer weiter gegangen. Das ist das Leben.
Wenn sie sich sehen, geht es darum, was so ansteht im Ort, erzählt Magdalena. Wann wieder Vesperkirche ist oder Kirbe. Und natürlich, wer gestorben ist, den man kennt. Es geht es auch um die Krankheiten, die alle haben, welche Tabletten sie nehmen. Magdalena öffnet den Mund zu einem breiten Grinsen. 83 ist sie, war früher Krankenschwester und hat drei Kinder großgezogen. Sie ist geschieden, zweimal sogar. „Beide Männer hätte ich nicht heiraten sollen.“
Die Einsicht kam nicht jetzt erst. 1973 war Magdalenas letzte Scheidung, seither lebt sie allein. Hier bemisst sich die Zeit in größeren Bögen. Verfliegt nicht manchmal so ein Jahr fast wie ein Monat? Wann war das noch mit dem Essen losgegangen – vor zehn Jahren? Oder doch vor drei? So was um den Dreh. Fünf waren es, sagt Benjamin Henn, Sozialpädagoge der Caritas und Projektleiter des Quartiersprojekts am Wenzelstein. Das Dienstagmittagessen hat er organisiert, er betreut es jede Woche.
In den Häusern wohnen noch die, die sie in den 60er Jahren gebaut haben
Der Ortsteil Wenzelstein ist durch zwei Bundesstraßen vom Rest der Stadt Ehingen getrennt. Die Wohnblocks und Einfamilienhäuser sind in den 60er und 70er Jahren gebaut, in vielen wohnen noch die Alten, die sie einst neu gebaut oder gekauft haben. Im Viertel gibt es sonst fast nichts, nur ein kleines Café bei der Bäckerei. Während Corona sei man öfter von Haus zu Haus gegangen und habe nach den Älteren geschaut, erzählt Benjamin Henn.
Als das Dienstagessen wieder stattfinden konnte, bekam der Caritas-Mitarbeiter einen besseren Überblick, was die Älteren umtreibt, was ihnen fehlt, wie es ihnen geht. Jede Woche kommen etwa 35 Senioren. Ehrenamtliche helfen bei der Ausgabe, eine diakonische Einrichtung liefert das Essen, das nur sechs Euro kostet. Es soll hier für jeden erschwinglich sein.
Benjamin Henn kündigt den Besuchern heute freudig an: „Nächste Woche gibt’s Dampfnudeln“. „Lecker, lecker“, ruft eine Stimme von hinten. Allgemeines Gelächter für den vorlauten Kommentar. Die Stimmung flirrt, alle wirken aufgekratzt in so einer seltenen Geselligkeit.
Renate sitzt bei Magdalena, Lore und Josef am Tisch. Sie trägt eine praktische Kurzhaarfrisur und ist 75, der Jungspund hier. Vor sechs Jahren ist ihr Mann gestorben, einige Zeit später hat eine Freundin gesagt: „Komm doch mal mit und geh wieder bisschen unter die Leute.“ So hat Renate das Seniorenessen entdeckt. Sie sagt, sie bleibe immer bis zum Schluss. Dann spielt sie noch mit den anderen Rommikub und Elfer raus. Daheim warte ja keiner, schwätzen kann sie da nichts. Und sich selber hat sie ja alles schon hundertmal erzählt. Das ist manchmal so etwas Lästiges, die eigenen Gedanken.
Dann kamen sie auf die Idee mit der Spaziergruppe
Beim Mittagstisch kamen sie auch auf die Idee mit der Spaziergruppe. Einfach mal eine Runde drehen zusammen. Am Anfang ist Benjamin Henn noch mit, hat die Organisation übernommen. Jetzt braucht es das nicht mehr, die Gruppe kümmert sich selbst darum. Genau so etwas wollen Henn und seine Kollegen fördern. „Einsamkeit bearbeiten“, nennt der Sozialpädagoge das, und „aufeinander achten und füreinander da sein“. Es klappt weitgehend in Wenzelstein.
Wenn einer mal nicht komme zum Essen, sage ein anderer: „Komm, ich geh nachher noch bei dem vorbei und bringe ihm ein Essen“. Heute setzt sich eine ältere Dame zu Benjamin Henn und fragt, ob er was wisse über ein Deutschlandticket für Senioren. Henn überlegt, wie er ihr helfen könnte. Das sieht er als seine Aufgabe, wie er sagt, zu schauen, wer was brauche und wer bei einem Problem weiter wissen könnte.
Rose geht gern unter Leute und hat heute ihre violette Bluse angezogen
Rosa schaut auf die Uhr. Ihr Mann hat Parkinson, und sie pflegt ihn, aber dienstags das Mittagessen und die Spiele, „das lässt er mich noch mitmachen“, sagt sie. Dann kommt der Sohn und schaut nach Rosas Mann. Rosa ist selbst schon 85, leicht fällt ihr das daheim nicht. Da ist sie rund um die Uhr Ehefrau und Pflegeservice.
Man spürt, die Gedanken treiben sie um – ob sie alles richtig macht? Es sprudelt nur so aus ihr heraus. Der Mann will sich alleine anziehen, das lässt sie ihn machen. Auch wenn es doch viel schneller ginge, wenn sie das übernehmen würde. Und manchmal klebt er mit den Füßen am Boden fest, er kann dann einfach keinen Schritt tun. Rosa sagt ihm: „Du musch Geduld haben, des kommt wieder“. Dann dauert es fünf Minuten, der Mann sagt: „Des kommt nemme.“ Weil er halt Angst hat, glaubt Rosa. Sie beruhigt ihn: „Des kommt scho wieder.“
Neulich ist ein Rollstuhl geliefert worden, und Rosa hat ihn gleich in die Garage verbannt. Da steht er jetzt neben dem alten Daimler, den doch sowieso keiner mehr fährt. Der Rollstuhl wird aber nur für draußen benutzt, zumindest vorerst, so stellt sich Rosa das vor. Zum Mann hat sie gesagt: „Nai sitza und kutschiera lassa, des macha mir ned.“
Rosa geht gern unter Leute. Heute hat sie ihre violett gemusterte Bluse angezogen und eine passende Hose. Als ob sie sich rechtfertigen müsste, erzählt sie, wenn sie beim Essen war oder mal mit den Jahrgänglern aus, mag sie den Mann hinterher gleich wieder viel lieber. „I bin au no a Mensch“, sagt Rosa.