Zehn Jahre lang hat Jürgen Rust den Wochenmarkt in Calw organisiert, ihn auf komplett neue Beine gestellt. Nun gibt er diese Aufgabe ab. Und blickt im Gespräch mit unserer Redaktion auf erlebnisreiche Jahre zurück.
Calw - Minus elf Grad Celsius hat es an diesem Samstagmorgen, als Jürgen Rust zu seinem letzten "richtigen", von ihm organisierten Wochenmarkt, aufbricht. An Heiligabend ist er noch einmal vor Ort, als die Kunden ihre vorbestellten Waren abholen. Doch der offizielle Abschied findet bereits vorher statt. Viel Lob gibt es von Oberbürgermeister Florian Kling für sein Engagement.
Tatsächlich steckte der Calwer Wochenmarkt vor zehn Jahren in einer Krise. Die Händler klagten über extreme Umsatzverluste. Ihr Vorschlag an den damaligen OB Ralf Eggert: den Wochenmarkt ans Untere Ledereck verlegen. Eggert entschied sich jedoch gegen diesen Vorstoß. Stattdessen fragte er Rust, ob er sich nicht vorstellen könne, sich des "Problemkinds" anzunehmen. Schließlich organisierte der damals schon den Weihnachtsmarkt, war also kein Unbekannter.
Rust übernahm. Er erstellte zunächst ein umfangreiches Konzept für den Wochenmarkt, um ihm ein "neues Gesicht" zu geben, wie er erzählt. Dazu gehörten unter anderem ein eigenes Logo (für den Wiedererkennungswert), eine Bonuskarte mit einem Marktfrühstück als Belohnung (für die Kundenbindung und die Erhöhung der Verweildauer) sowie mehrere Themenmärkte im Jahr (für den Event-Charakter). Kurzum: "Man muss ein Einkaufserlebnis vermitteln", ist Rust überzeugt.
Kostenlose Papiertüten
Dazu gehören seiner Meinung nach auch die Markt-Rezepte, die er Woche für Woche eigenhändig zusammenstellt. Alle Zutaten, die man dafür braucht, gibt es auf dem Wochenmarkt zu kaufen, erklärt er. Darauf ist er stolz. "Das gibt es bei keinem anderen Wochenmarkt, den ich kenne." Seit sechs Jahren gibt es nun kostenlose Papiertüten. "Einkaufen ohne Plastik" ist nämlich ein weiterer Ansatzpunkt des Organisators.
Im Mittelpunkt des Marktes stehe aber die Beratung und der Kontakt zu den Kunden. "Niemand kauft die Katze im Sack, man kann immer vorher probieren". Dadurch entstehe mit der Zeit eine Bindung zu den Kunden, die wiederum regelmäßig bei "ihrem" Händler vorbeischauen. Erlebnis, erinnert Rust an seine Devise. Nicht nur Einkauf.
Dieser Leitspruch hat offenbar gefruchtet. Die Umsätze der Händler sind gestiegen – manche sprachen zwei Jahre, nachdem Rust übernommen hatte, von einem Plus von 30 Prozent. Und auch manche Gastronomen in der Innenstadt berichten von mehr Zulauf. Nicht alle der Besucher und Kunden kommen aus Calw, weiß Rust durch eine Auswertung. Mehr als 30 Prozent der Besucher stammen aus der Region, nicht direkt aus Calw. Er kennt sogar einige, die extra aus Stuttgart kommen, um auf dem Calwer Wochenmarkt einzukaufen. Der Plan, die Leute über den Markt in die Stadt zu locken, sieht er daher als geglückt an.
Markt als Treffpunkt
Für Rust gehört der wöchentliche Markt am Samstag mit seinen zwölf bis 15 Ständen einfach zur Stadt Calw dazu. Er selbst habe schon immer dort eingekauft. Es ist ein Treffpunkt, meint er. Zum Quatschen, zum Austausch. "Je digitaler die Welt, desto wichtiger wird die analoge Welt des Marktes", meint er. Während der Pandemie hat der Besucherstrom noch einmal zugelegt – einkaufen im Freien war während dieser Zeit besonders angesagt.
Rust selbst ist seit zehn Jahren beinahe jeden Samstag vor Ort, investiert unter der Woche mindestens einen halben Tag für die Organisation. Dementsprechend freut er sich, in Zukunft etwas mehr Freiheit genießen zu können. Wenngleich er natürlich vorhat, weiterhin als Kunde auf dem Wochenmarkt vorbeizuschauen. Der wird künftig wieder vonseiten der Stadt, genauer des Kulturamts auf die Beine gestellt. Der Abschied fällt Rust durchaus schwer, räumt er ein. Der Wochenmarkt ist sein "Baby". Von Kunden und Händlern habe er viel Wertschätzung erfahren.
Am liebsten erinnert er sich an die Themenmärkte, wie beispielsweise jene unter dem Motto "Summer in the City", die Herbstmärkte oder die vor dem Muttertag, bei dem Frauen ein Glas Sekt bekommen haben. Dort konnte man viele Kontakte knüpfen, erinnert er sich. Schwierig war die Lage indes während der Rathaus-Sanierung, insbesondere dann, wenn größere Bereiche rund um das Gebäude wegen der Arbeiten abgesperrt wurden. Dann mussten die Händler mal hierhin ausweichen, mal dahin. Doch schlussendlich seien alle zufrieden und bleiben dem Calwer Wochenmarkt treu. Die Händler untereinander bildeten inzwischen eine Gemeinschaft, betont Rust. "Das spürt der Kunde."
Verständnis erbeten
Doch auch auf dem Calwer Wochenmarkt läuft nicht alles immer perfekt. Verständnis haben dafür nicht alle Kunden, wie Rust beobachtet. Manche Kunden entwickeln immer höhere Erwartungen und immer weniger Verständnis, so seine Beobachtung. "Alles muss perfekt sein.". Doch das könne es nicht. Die Händler seien teils 51 Samstage im Jahr hier – bei Wind und Wetter, bei 35 Grad Celsius und bei minus elf. Wenn einer dann eben mal fünf Minuten später seinen Stand öffne, müsse man dafür Verständnis haben.
Im Gegenzug bekomme man das Flair eines Wochenmarkts, das Rust als "gigantisch" beschreibt. Er habe die Organisation desselben immer mit viel Herzblut vorangetrieben, sagt er. Nur einen Wochenmarkt machen sei zu wenig. "Man muss es leben."