Wenn es um die Demokratie, die Vielfalt und Toleranz geht, sind sich die Fraktionen im Burladinger Gemeinderat einig. Sie zeigen gemeinsam jeden zweiten Mittwoch bei der Mahnwache Flagge.
Wir wollten wissen, warum es in der Fehlastadt etwas anders läuft, als in Hechingen und Balingen, wo sich unlängst ob eines Aufrufes zu Demonstrationen und Kundgebungen die Parteien zerstritten. In Balingen hatten SPD und Grüne zur Kundgebung aufgerufen. CDU, Freie Wähler und FDP winkten ab und nahmen nicht teil. Auch in Hechingen, als vor einigen Tagen über 400 Teilnehmer friedlich dem Aufruf zu einer Demonstration gegen rechts folgten, scherte die CDU aus, obwohl sie ein Jahr davor noch selber zu einer solchen Kundgebung eingeladen hatte. Da taten sich mitten im Wahlkampf schon in kleinen Städten im Zollernalbkreis die Gräben auf.
Menschen aus der Mitte der Gesellschaft
Menschen aus der Mitte der Gesellschaft
Warum es in Burladingen denn bis auf die AfD alle Fraktionen und Parteien sind, die sich da regelmäßig an der Mittwochs-Mahnwache beteiligen? Das wollten wir von einigen der Teilnehmer anlässlich des jüngsten Zusammentreffens auf dem Marktplatz wissen. Da hatten sich wieder einige Teilnehmer bei Kerzenschein und Windlichtern trotz klirrender Kälte um das Schild mit der Aufschrift „Für Demokratie, Toleranz und Vielfalt“ versammelt.
Eine alleinerziehende Erzieherin ist dabei, ein Revierleiter, ein Arzt, eine Apothekenmitarbeiterin, eine Rentnerin. Gelegentlich ist auch Bürgermeister Davide Licht vor Ort. Alles Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die jene Vielfalt widerspiegeln, für die sie da eintreten.
Grünen-Fraktionsvorsitzender Peter Thriemer, einer der Mitbegründer der Aktion, die unlängst zum 20. Mal stattfand meint: „In Burladingen spielt die Parteipolitik nicht so eine große Rolle, wir denken pragmatischer.“
Und sein Fraktionskollege, der Schauspieler und Theatermacher Bernhard Hurm, sagt: „Das ist doch in Burladingen gut und da bin ich auch glücklich darüber.“ Er gibt aber auch jenen Recht, die sagen, dass eine Demonstration und eine Mahnwache vielleicht den Unterschied macht. Michael Eisele, Fraktionschef der CDU im Gemeinderat, Lehrer, Kirchenmusiker, Dirigent und chorbegeistert, formulierte schon vor einigen Monaten, warum in Burladingen auch die CDU die Mahnwache unterstützt: „Weil wir durch die Teilnahme ein Zeichen für die Bedeutung und Wichtigkeit der Demokratie setzen wollen.“ Demokratie sei ein wertvolles Gut. „Wir wollen erreichen, dass das Bewusstsein für die Demokratie gestärkt wird und das es dazu in unserem Land keine Alternative geben kann“, sagte er.
Entscheidend: Es wird für etwas demonstriert
Dass die Burladinger Kundgebung sich nicht gegen etwas richte, sondern für Etwas eintrete, so formulierte es einmal Kevin Rieber, Fraktionschef der Freien Wähler, habe den Ausschlag gegeben, mitzumachen. „Das war dann schnell klar“, winkte er ab, als wir nach dem interfraktionellen Prozedere fragten.
Und er wurde deutlich: „Große Teile der Gesellschaft haben keine Ahnung, was Demokratie eigentlich bedeutet“, kritisiert der Unternehmer und ehrenamtliche Kommunalpolitiker. Er sprach über Menschen mit einer Mentalität, die hauptsächlich davon ausgehen „der Staat hat mir zu dienen“, die aber andererseits Staatsentscheidungen oder Institutionen, Mehrheitsbeschlüsse und demokratische Spielregeln gar nicht akzeptieren.
Und dann mag da noch der Burladingen-Faktor sein. Die Zeit in der Stadt, als sie von einem AfD-Bürgermeister regiert wurde, dem ersten in der Bundesrepublik und in der abfällige Bemerkungen, Beleidigungen, Pöbeleien und Streit im Gemeinderat an der Tagesordnung waren. Viele der Kommunalpolitiker erinnern sich noch gut an jene Zeit – und wollen das nicht noch einmal erleben.