Immer häufiger verzichten Menschen freiwillig auf Fleisch oder sogar komplett auf tierische Produkte. Annette Müller, Ernährungstherapeutin aus Villingen-Schwenningen, erklärt, worauf man dabei achten muss. Und auch Gastronomen haben den Trend auf dem Schirm.
Villingen-Schwenningen - Ist Fleisch essen inzwischen out? Immer mehr Menschen verzichten auf Fleisch und andere tierische Produkte. Als häufige Gründe werden das Tierwohl und die damit einhergehende Ethik aufgeführt, aber auch Umweltschutz, Übergewicht und allgemeines Wohlbefinden werden in diesem Zusammenhang genannt.
Die Auswahl an Produkten als Fleischersatz ist inzwischen jedenfalls groß. Statt Schnitzel, Steak und Bratwurst gibt es auf dem Markt zahlreiche vegane und vegetarische Alternativen, wie beispielsweise Tofu oder Sojafleisch.
Bereit, auch andere Produkte auszuprobieren
Dass der Fleischkonsum im Restaurant abgenommen hat, ist Michael Steiger, Irish-Pub-Inhaber und Vorsitzender des Dehoga-Kreisverbandes Schwarzwald-Baar, jedenfalls nicht aufgefallen. Doch auch er sieht insbesondere in der vegetarischen Ernährung einen Mega-Trend.
"Bei uns sind schon seit Jahrzehnten vegetarische Gerichte auf der Speisekarte", erklärt der Gastronom. Und das nicht nur, um eine bestimmte Gruppe anzusprechen. Man stehe hinter der Idee und finde die Gerichte gut und könne mit dem Angebot auch viele "Normalesser" dazu verleiten, fleischlos zu essen.
Jeder Gastronom sei für seine Speisekarte selbst verantwortlich, merke schnell, was dem Kunden schmeckt, und auch ein Koch müsse bereit sein, andere Produkte auszuprobieren. Auf der Tageskarte sei kürzlich auch ein Salat mit Sojahack gestanden, was bei den Gästen gut angekommen sei. Für Steiger steht fest: Vegetarier und Veganer müssen auf der Karte etwas zu essen finden und zur Not müsse auch der Koch bereit sein, für den Gast etwas entsprechendes zuzubereiten.
Tierische Produkte begünstigen Zivilisationserkrankungen
Dass Fleisch essen inzwischen "out" ist, kann auch Annette Müller, Ernährungstherapeutin aus Villingen-Schwenningen, nicht bestätigen. Dafür betreue sie noch zu viele Fleischesser in ihrer Praxis, die am Tag teils bis zu 300 Gramm Fleisch konsumieren. Die Zufuhr von zu viel tierischen Produkten begünstige häufig die Entstehung von Zivilisationserkrankungen wie beispielsweise Übergewicht, Diabetes Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Rheuma, oder Gicht. Darum entscheiden sich laut der Expertin viele Menschen für eine vegetarische oder vegane Ernährung. Doch diese Ernährungsform bleibt nicht ohne Nachteile. Nährstoffmangel wird in diesem Zusammenhang häufiger genannt. Die Expertin erklärt, worauf man achten muss.
Die vegetarische Ernährung könne sowohl Erwachsenen als auch Kindern empfohlen werden. "Bei einer konsequent durchgeführten ovo-lakto-vegetarischen Ernährung kommt es selten zu einem Nährstoffmangel", so die Ernährungsberaterin. Kritische Nährstoffe seien allerdings Eisen, Ferritin, Vitamin B12 und Chrom.
Risiko eines Nährstoffdefizits bei veganer Ernährung größer
Deutlich kritischer sieht es laut Müller allerdings bei der veganen Ernährung aus. "Da die vegane Ernährung immer das Risiko eines Defizits an Nährstoffen birgt, kann sie für Kleinkinder nicht empfohlen werden", so die Expertin. Für erwachsene Veganer hat Müller eine Reihe von Tipps: Jeder Veganer sollte täglich drei Portionen Getreide, 400 Gramm Gemüse, 60 Gramm Hülsenfrüchte und zwei Portionen Obst (davon eine Portion Nüsse und Samen 30 bis 60 Gramm), pflanzliche Fette oder Öle, ein bis drei Milchalternativen und Nährstoffsupplemente zu sich nehmen, empfiehlt sie.
Calcium, Jod, Vitamin D, Eisen und Vitamin B12, sowie die Zufuhr von Omega 3 Fettsäuren durch vegane Lebensmittel stehen hierbei im Fokus.
Jod, Calcium, Vitamin D und Omega 3 Fettsäuren sollten täglich auf dem Speisezettel stehen, während Eisen und Vitamin B12 im täglichen Wechsel supplementiert werden. Sie würden sich bei gleichseitiger Einnahme behindern, weiß Müller.
Eisen, Folat und Vitamin B12 sollten nicht selbst supplementiert werden, da es dabei zu Überdosierungen kommen kann. Sie rät, diesbezüglich einen Arzt zu Rate zu ziehen.
Ein guter Mittelweg für Fleischkonsum die Lösung
Der Trend der veganen und vegetarischen Ernährung wird insbesondere von jüngeren Generationen angenommen. "Studien zeigen, dass bei jungen Menschen Berichte über Massentierhaltung, Klimaschutz, gesundheitliche Gründe, vegan lebende Freunde, Lebensmittelskandale allgemein (Betrug bei Bioeiern, Gammelfleisch) und religiöse Gründe ausschlaggebend sind, um auf eine vegetarische/vegane Ernährung umzustellen", erklärt die Expertin. Ihrer Ansicht nach, sind junge Menschen besser über soziale Medien informiert und setzen sich mit solchen Themen, die ihre Zukunft betreffen, kritisch auseinander.
Wer nicht auf Fleisch verzichten möchte, für den ist laut Ernährungstherapeutin Müller ein Mittelweg eine gute Lösung. So sei es für "Fleischesser" ein gutes Ziel, den Fleischkonsum nicht unbedingt ganz, jedoch den Empfehlungen der deutschen Gesellschaft für Ernährung entsprechend auf 300 bis 600 Gramm pro Woche zu reduzieren. In diesem Zusammenhang weist sie auch auf die CO2-Bilanz, eine tiergerechte Haltung und die Regionalität der Produkte hin. "Weniger ist mehr", betont sie.
Info: Einfach Essen
In unserer Artikel-Serie "Einfach Essen" ist der Name das Programm. Ernährung und Lebensmittel sind Hauptthema dieser Serie. Schauplatz ist die Doppelstadt, in der wir den Wochenmarkt, regionale Lebensmittel aber auch Restaurantbetreiber unter die Lupe nehmen wollen. Wir machen Selbstversuche und befragen Experten, die Tipps zu Essgewohnheiten sowie Ernährung geben und mit gängigen Klischees aufräumen. In diesem Sinne – lassen Sie sich unsere Geschichten schmecken. Guten Appetit!