Die Calwer Firma Essig erhält einen Preis vom Zentralverband des Deutschen Handwerks – als eine von vier in ganz Deutschland.
Der in vierter Generation von Jana Brenner geführte Betrieb wurde in Berlin für das mit dem Kreisgeschichtsverein (KGV) Calw herausgegebene Werk „Das Tagebuch von Heinrich Essig (1862-1934)“ geehrt. Die Aufschriebe wurden von Jürgen Rauser transkribiert.
Eine ganz besondere Auszeichnung hat damit der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) an den Calwer Fachbetrieb für Flaschnerei und Sanitärtechnik Essig verliehen. Der Firma wurde der Preis für Handwerksgeschichte zugedacht, mit dem 2026 vier quer über Deutschland verteilte Unternehmen ausgezeichnet wurden. Er gilt in diesem Fall dem 2020 vom (KGV) herausgegebenen Band „Das Tagebuch von Heinrich Essig (1862-1934)“. „Mit dem Preis wollen wir zeigen, wie lebendig die historische Auseinandersetzung in Betrieben und Organisationen ist und zugleich die Forschung zum Handwerk weiter anregen”, sagte ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke bei der Preisverleihung in Berlin.
Auch der Kreisgeschichtsverein ist stolz
In den Preis einbezogen darf sich der dort auch genannte KGV fühlen. Deshalb wurde bei dessen öffentlicher Mitgliederversammlung jüngst im Kurpark-Restaurant Foxy-Bräu in Bad Wildbad im Anschluss an die Regularien und nach zwei Forscher-Berichten in Form von Kurzvorträgen in Wort und Bild auf die Preisverleihung eingegangen.
Die Urenkelin des ersten von vier Heinrich Essig und Betriebsgründers, Heidi Brenner, nahm in Berlin in festlicher Runde die Ehrenurkunde entgegen. Die Auszeichnung sei auch für sie und die von ihrer Tochter Jana Brenner in vierter Generation als Ur-Urenkelin des Gründers geführte Firma eine Überraschung gewesen, sagt Heidi Brenner. Die Laudatio auf „das zufällig entdeckte Werk“ hielt als Jury-Mitglied die Wiener Historikerin Senta Herkle.
Bewusstsein für Rolle des Handwerks
Mit der Auszeichnung würdigt der ZDH Handwerksbetriebe und Handwerksorganisationen, die mit besonderem Engagement das Bewusstsein für die Geschichte, die kulturelle Bedeutung und den gesellschaftlichen Beitrag des Handwerks in Deutschland stärken. Schwannecke betonte bei der Preisverleihung: “Hinter jedem Betrieb steckt ein Stück deutscher Kulturgeschichte, die es wert ist, erforscht und erzählt zu werden. Genau das machen wir mit dem Preis für Handwerksgeschichte deutlich.”
Ab 2028 dotierter Wissenschaftspreis
Der Preis wurde vom ZDH laut dessen Homepage gemeinsam mit dem Interdisziplinären Arbeitskreis für Handwerksgeschichte entwickelt und wird alle zwei Jahre verliehen. Er soll die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Handwerksgeschichte und die öffentliche Wahrnehmung des Handwerks stärken. Ab 2028 wird er erstmals auch als dotierter Wissenschaftspreis vergeben.
Das steckt hinter dem jetzt ausgezeichneten Band über den Calwer Betrieb: Heidi Brenner ist auf ein in der alten Deutschen Schrift verfasstes Tagebuch ihres Urgroßvaters gestoßen. Sie hatte das Gefühl, da versteckt sich Interessantes, konnte die alte Schrift aber nicht entziffern. Deshalb wandte sie sich an den früheren Kreisarchivar Jürgen Rauser (1935-2023), der die Aufschriebe 2020 transkribierte.
Rauser regte beim KGV an, die „bunte Mischung familiärer, örtlicher und auch politischer Feststellungen, letztere vor allem ab der Ära des Ersten Weltkriegs bis zum Start der Hitler-Diktatur“, einem interessierten Leserkreis zugänglich zu machen. Wortgewandt vermittle das Tagebuch als Zeitdokument ein Stück Lebenswelt der wilhelminischen Ära im Spiegel eines Zeitgenossen, stellte der Fachmann fest.
Jahr des schärfsten Wirtschaftskriegs
In die Firmengeschichte eingebettet ist beispielsweise festgehalten, wie Gründer-Sohn Heinrich II. durch einen Granatsplitter in Frankreich 1916 verwundet wird und ihm einige Monate später unter dem Knie ein Bein abgenommen werden muss. Vielerlei Schilderungen betreffen die Kriegsjahre, etwa wie 1917 vier Glocken aus der Stadt hinausgefahren werden oder 1918 Könige und Kaiser stürzen. 1921 sei ein Jahr des Kriegs nach dem Krieg, ein Jahr des schärfsten Wirtschaftskrieges gewesen, heißt es Anfang 1922. Im November 1923 sind die die Kosten für einen Liter Milch am 11. mit 18 Milliarden, am 25. mit 220 Milliarden Mark notiert. „Die Papiermark ist so gut wie tot“, hält der Tagebuchschreiber dazu fest.