Bild-Vizechef Paul Ronzheimer ist noch schnell nach Kabul geflogen: Der neue Sender hat einen großen Aufreger und fragwürdige Rechtschreibung. Foto: dpa/Jörg Carstensen

Bild-TV ist seit etwas mehr als einer Woche auf Sendung. Aus der Vielzahl aktueller Themen werden gnadenlos wenige ausgewählt: Bild-Vize Paul Ronzheimer in Kabul etwa.

Stuttgart - Einfallsloser und zugleich großmäuliger kann man einen Nachrichtensender kaum positionieren. „Wir zeigen, was wirklich ist“, verspricht Bild-TV, das große Zukunftsprojekt des Axel-Springer-Verlags. Weil das eigentlich eine Selbstverständlichkeit für jede Nachrichtenredaktion sein sollte, bekommt das Herausstellen einen Unterton. Den, andere täten das nicht. Wer das Treiben der „Bild“-Zeitung während der Coronakrise verfolgt hat, ihr Ranschmeißen unter Chefredakteur Julian Reichelt an Querdenker und Solidaritätsverweigerer, den wird die Unterstellung nicht wundern.

 

Man macht gern Politik

Gemessen an der lautstarken Radaufreude, die man von Bild-TV vorab erwartete, wurde der Start am Sonntag vor einer Woche geradezu verstolpert. Es ging los mit Quasselrunden zur Bundesliga, ziemlich zum Auftakt wurde ein Sportkommentar aus der Printausgabe vorgelesen. Sonntagabends aber hatte Bild-TV seinen ersten Knüller. Nacheinander kamen Armin Laschet und Olaf Scholz ins Studio, um sich „knallharten Fragen“, so die penetrante Eigenwerbung des Senders, zu stellen.

Bemerkenswert war weniger die Bereitschaft der Kanzlerkandidaten, Springer beim Sendestart zu helfen – im Wahlkampf nimmt man eben alles mit – als die dreiste Agendasetzung. Annalena Baerbock wurde von vornherein aus der Gruppe der erwägenswerten Spitzenkandidaten ausgeschlossen. Bild-TV mache Schlagzeilen, dieses Versprechen darf man klar erweitern: Bild-TV macht Politik.

Die Frage nach der Hymne

Nachgefragt wurde tatsächlich hartnäckiger als bei vergleichbaren öffentlich-rechtlichen Interviews. Aber das Nachhaken diente nicht der Ausleuchtung wichtiger Problemzonen. Man konnte den stets auch fürs Boulevardblatt mitproduzierenden Journalisten dabei zusehen, wie sie versuchten, emotionalisierbaren Firlefanz herauszukitzeln. Also löcherten sie Laschet und Scholz, welche Emotionen Nationalhymne und Nationalflagge bei ihnen auslösten.

Die substanzarmen Interviews wurden in der Folge in Kommentaren und Runden ausgequetscht, zitiert und durchgehechelt. Bild-TV konzentriert sich auf wenige Themen am Tag, und die produziert es gerne selbst. Zentralaufreger ist immer das, was Bild-TV angeblich aufgedeckt hat, was hier gesagt wurde, was Bild-TV-Moderatoren denken, fühlen, worüber sie sich empören. Auch „Ich fordere“ ist eine wichtige Phrase.

Jeder Maßstab geht verloren

Mitte der Woche fasste die Redaktion dann voll Tritt. Bild-Vize Paul Ronzheimer war noch schnell mitten hineingeflogen ins tragische Chaos des Flughafens von Kabul, um via wackliger Leitungen aufgeregt so vom Elend zu berichten, als habe das noch keiner vor ihm erwähnt. Im Kanon wurde im heimischen Studio bejubelt, wie erschütternd, wichtig, ergreifend und augenöffnend sei, was der „Paul“ da berichte.

Das Abenteuer nahm eine absehbare Wendung. Die Amerikaner setzten Ronzheimer wie andere Journalisten auch in ein Flugzeug nach Qatar. Der Evakuierte spielte das stundenlang zum noch nie dagewesenen Eingriff in die Pressefreiheit hoch, und im heimischen Studio gaben ihm Moderatoren und Talkgäste recht. Völlig verstiegen wurde gefordert, nun müsse sich die Bundeskanzlerin einschalten. Im Laufe eines Tages verschoben sich im Bild-TV-Studio alle Maßstäbe. So was sieht man dort als Erfolg. Einen eigenen, windschiefen Nachrichtenkosmos als Filterblase für die Nutzer schaffen: damit ist in den USA Fox News groß geworden.

Der neue Stammtisch

In der abendlichen Talkrunde „Viertel nach Acht“ wird es besonders intensiv betrieben: das Überschreiben einer verwirrenden Realität mit der fassbaren Empörung von Bild-TV. „Viertel nach Acht“ soll nicht irgendeine Talkrunde werden, sondern der Stammtisch der Republik, Bügelfernsehen mit Rammbockprojekten. Derzeit kämpft Bild-TV etwa darum, Corona-Schutzmaßnahmen wegzubekommen.

Damit der Stammtisch funktioniert, müssen zusätzlich zu Bild-TV-Journalisten Gäste von draußen kommen. Es ist schon erstaunlich, wer da keine Berührscheu hat: Showleute wie Thomas Gottschalk und Oliver Pocher, aber auch andere Journalisten wie Hans-Ulrich Jörges, früher beim „Stern“, und Franca Lehfeldt, die politische Chefreporterin von RTL, die eigentlich hoffen sollte, dass die Deutschen gerade nicht Bild-TV schauen.

Frisch geschlüpftes Monster

Noch beunruhigender allerdings ist, mit welcher Frequenz die Berliner Politikprominenz sich bei Bild-TV blicken lässt. So steht die Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, während die Bundeswehr ihren heikelsten Einsatz hat und man die Dienstherrin im Lagezentrum vermutet, vormittags im Bild-Studio am Tisch. Auch hier zeichnet sich das Fox-Phänomen ab: Die Gier nach Reichweite und die Angst vor Kampagnen bringen die Politik dazu, den Sender mit exklusiven Auftritten zu mästen.

Noch ist manches linkisch, noch sind viele Dokus über Seenot, Ersthelfer und Männer mit kräftigen Baumaschinen im Programm, die Springer bislang sowieso schon über den Kanal Welt, früher N24, ausstrahlt. Aber das wird sich wohl bald ändern. Das Monster Bild-TV ist gerade erst aus dem Ei geschlüpft.

Bild TV

Programm
Für einen Newssender bietet Bild-TV bislang erstaunlich wenig Nachrichten. Zu den Ecksteinen des Programms gehört die werktägliche Talkshow „Viertel nach acht“. Auch die Bundesliga nimmt viel Raum ein. Die TV-Redaktion und die Printmacher von „Bild“ arbeiten Hand in Hand, Themen werden synchron gesetzt.

Verfügbarkeit
Zum Start ist das bezahlfreie Bild-TV bereits in vielen Kabelangeboten enthalten und via Satellit zu empfangen. Außerdem ist der Sender als Livestream im Netz: www.bild.tv.Die sogenannte Mediathek dort bietet aber kein komplettes Programmarchiv, sondern ausgewählte, wechselnde Häppchen.