Jens Buckenberger löst sein Lebenswerk auf. Er glaubt nicht, dass sein Hobby noch Zukunft hat. Der Senior hat sich deshalb ein Ultimatum gesetzt.
Wenn man das Wohnzimmer von Jens Buckenberger betritt, muss man aufpassen, dass man nicht über einen der vielen Kartons stolpert, die sich hier stapeln. Kisten mit dutzenden von Alben stehen im ganzen Raum verteilt. Es riecht nach Dachboden und altem Papier.
Der große Tisch in der Mitte ist nur zur Hälfte frei geräumt, auf der anderen türmen sich Kataloge mit abgegriffenen Seiten, Lupen und silbernen Münzkoffern. Hier steht lediglich ein Teil von Buckenbergers Sammlung. Und was nach Umzug aussieht, ist in Wahrheit die schrittweise Auflösung eines Sammler-Lebenswerks. In sieben Jahren soll alles verkauft sein.
Seit über 50 Jahren sammelt Jens Buckenberger Briefmarken. Durch einen Nachbarn fing er schon als Kind an, diese zu sortieren und aufzuheben. Beim damaligen Donaueschinger Briefmarkenverein trat er später in die Jugendgruppe ein. „Jeder hat zwei Alben dabeigehabt und die doppelten hat man dann getauscht“, erinnert sich der 63-Jährige. Auch Münzen gehörten schnell zu seiner Sammlung dazu. Heute handelt Buckenberger mit beidem.
Briefmarken hält er allerdings für vielseitiger. „Alle Gebiete, die die Deutschen mal besetzt haben, hatten eigene Marken“, erzählt er, während er durch eines seiner Briefmarkenalben blättert. Das Saarland beispielsweise habe Marken im französischen Stil, als es zu Frankreich gehörte und sogar eigene aus den Jahren 1947 bis 1956, als es teilautonom war. Der geschichtliche und politische Hintergrund, den ein Motiv verrät, ist für Buckenberger das Interessante am Sammeln der Marken.
Es kommt auf Nachfrage an
Wie viele er hat, kann er lediglich schätzen. „Tausende bestimmt“, sagt er. Besonders hängt er an alten Karten und Briefen, auf denen Marken speziell eingedruckt wurden. „Sowas ist nicht sehr häufig. Das hebe ich auf, denn das würde ich wahrscheinlich heute kein zweites Mal finden.“ Der Wert eines Sammlerstücks hänge aber nicht von dessen Alter ab, erklärt Buckenberger. „Der eine Punkt ist, wie viel es gibt und der andere, wie hoch die Nachfrage ist. Rein wirtschaftlich betrachtet.“
Die Expertise des 63-Jährigen kommt auch vom Handeln. Seit vielen Jahren verkauft er ganze Sammlungen über das Internet, vorrangig über Ebay. Auch ins Ausland schickt er Pakete, meistens im Wert zwischen 20 und 40 Euro.
Um erfolgreich zu verkaufen, ist Fachwissen nötig. „Einstellen kann jeder. Aber man muss Alben auch fotografieren und beschreiben können“, sagt Buckenberger. Er selbst habe viel durch den Kontakt mit anderen Händlern und Sammlern gelernt. Gleichzeitig hat der Handel Buckenberger auch zu einem radikalen Schritt bewogen. Bis zu seinem 70. Geburtstag will er alle seine Sammlungen verkauft haben. „Ich weiß, die Briefmarken will bei mir keiner. Die Kinder wollen das nicht“, begründet der 63-Jährige die Entscheidung. Aus Erfahrung wisse er, wie es woanders laufe und dass Erben oft nicht wüssten, was sie mit Sammlungen machen sollten. „Bevor sie sich dann darum streiten, ist es besser, wenn man es selber verkauft.“
Auch die Wertvollsten gibt er her
Sogar seine wertvollsten Stücke will Buckenberger loswerden, wenn auch erst als allerletztes. „Ich kann damit leben“, sagt er und zuckt mit den Schultern. „Durch das Handeln ist die Perspektive einfach realistischer.“ Briefmarkensammeln sei nun mal ein aussterbendes Hobby.
Aber ist es auch realistisch, in sieben Jahren alles verkauft zu haben? „Ja“, erwidert der Sammler selbstbewusst. „Nein“, ruft seine Frau aus der Küche. „Ganz ohne Briefmarken kannst du nicht leben.“ Jens Buckenberger zeigt sich trotzig. „Ja, vielleicht würde was fehlen. Aber es bleibt wenigstens nichts übrig.“
Es mangelt an Nachwuchs
Buckenbergers Entscheidung scheint auch von dem Wissen zu kommen, dass es an Nachwuchs mangelt. Im Verein der Münzen-, Ansichtskarten- und Briefmarkenfreunde Donaueschingen-Blumberg, der seit 1921 besteht, ist er seit Jahren erster Vorsitzender. Die Vereinsarbeit sei wichtig, um Wissen auszutauschen und sich beispielsweise mit Fälschungen besser auszukennen.
Der Verein schrumpft
Aber der Verein ist erheblich geschrumpft. Von ehemals 130 Mitgliedern sind es aktuell nur noch 40. Jugendgruppen gäbe es fast gar keine mehr. „Wir haben im Landesverband vielleicht noch zwei.“ Hoffnung, dass sein Hobby langfristig eine Zukunft hat, hat Jens Buckenberger deshalb nicht – er ist pragmatisch. Die Gesellschaft habe sich zu sehr gewandelt, findet er. „Man braucht zum Briefeverschicken ja heute gar keine gedruckte Marke mehr. Briefe schreibt generell niemand mehr, das passiert alles übers Handy statt über Papier.“
Junge Menschen wüssten irgendwann nicht mehr, was eine Briefmarke überhaupt sei, meint der 63-Jährige. „Und wenn ich was nicht kenne, kann ich es nicht sammeln.“
Dass sein geliebtes Hobby immer mehr verdrängt wird und in der Bedeutungslosigkeit versinkt, beschäftigt ihn. „Der Tag hat nur 24 Stunden. Wenn andere Hobbys kommen, muss irgendetwas auf der Strecke bleiben.“ Darüber denke er oft nach. „Das ist eine traurige Geschichte, ich weiß“, sagt er, während er auf seine Sammlungen im Wohnzimmer blickt. „Aber ich kann damit leben. Und die, die sich viel damit beschäftigen, wissen auch, dass das ausstirbt. Die Sammler, die wissen das.“
Nachfrage stabil
Briefmarken
Laut der Deutschen Post ist die Philatelie, so der Fachbegriff, in Deutschland ein verbreitetes Hobby mit einer sechsstelligen Anzahl an Abonnenten. Trotz sinkender Briefmengen und digitalen Frankierungsmöglichkeiten bleibe die Nachfrage nach Sondermarken stabil, teilt der Konzern mit. Der Bund Deutscher Philatelisten zählt heute noch rund 18 000 Mitglieder und geht insgesamt von etwa 20 000 organisierten Sammlern aus. Zwar sei die organisierte Sammlerschaft seit den 1990er-Jahren stark geschrumpft, das Feld sei heute aber spezialisierter, so der Verband. Als reines Portoobjekt verliere die Briefmarke an Bedeutung, als kulturell gestaltetes Sammelmedium bleibe sie aber zeitgemäß.