Es ist ein bewegendes Familienschicksal: Eine Französin und ihr in Kanada lebender Sohn sind seit Jahrzehnten dabei, ihre wahren Wurzeln zu entdecken.
Es war kurz vor ihrer eigenen Hochzeit im Jahr 1969, als im Leben von Marie-Hélène ein Fragezeichen auftauchte.
Sie und ihr Bräutigam Claude waren gerade dabei, die notwendigen Unterlagen zusammenzustellen. Dabei mussten Geburts- beziehungsweise Taufurkunden vorgelegt werden.
Allerdings: Das Dokument der Braut, das beantragt werden sollte, war nicht auffindbar. Im ganzen Bistum Verdun, wo die beiden damals lebten, fand sich keine Spur davon.
Pascal Lantreibecq, der später als Sohn des Paares zur Welt kam, weiß heute aus Erzählungen: „Meinen Vater verwunderte das sehr. Damals hatte er einen Freund bei der Polizei, und von diesem erfuhr er aus zuverlässiger Quelle, dass meine Mutter adoptiert worden war“.
Eine Erschütterung
Bis dahin hatte sie in der Überzeugung gelebt, dass ihre Adoptiveltern ihre leiblichen Eltern seien. Aufgewachsen war sie bei diesen in Verdun im französischen Département Meuse. Die Nachricht von der Adoption muss eine Erschütterung im Leben der jungen Frau gewesen sein.
Nachdem die Adoptionsgeschichte auf diese Weise ans Licht gekommen war, wusste sie nun, dass ihre Geburtsurkunde in der Präfektur Meuse in Frankreich vorlag, mehr allerdings noch nicht.
Beginn der langen Suche
Die Sache mit dem Nachnamen Das Leben ging danach aber dennoch erst einmal seinen Gang. Wichtiger war zu diesem Zeitpunkt für das junge Paar die Gründung der eigenen Familie und das Aufbauen einer gemeinsamen Zukunft.
Ob sie die Frage nach ihrer Herkunft in den nächsten rund 20 Jahren beschäftigt hat? Sie lässt es offen – viel ist in dieser Zeit geschehen.
1990 aber dann – sie hatte einiges Behördliches zu erledigen – beantragte sie dafür endlich eine vollständige Geburtsurkunde. Als sie sie in ihren Händen hielt, las sie zum ersten Mal den Nachnamen, den ihre Mutter und damit auch sie damals getragen hatte.
„Von diesem Tag an begannen unsere Nachforschungen,“ berichtet ihr Sohn Pascal. Er, damals mittlerweile erwachsen, unterstützte seine Mutter fortan bei ihrer Suche und tut das bis heute unbeirrt.
Plötzlich ist der Vorname bekannt
Erste Puzzleteile: Trennung, Lager, Adoption Es dauerte dann weitere 14 Jahre, bis sie herausfanden, dass die spätere Marie-Hélène zunächst den Vornamen Sigrid Maria-Christina getragen hatte und kurz nach ihrer Geburt in Deutschland ins Lager Sießen bei Bad Saulgau gebracht worden war, offenbar in das Lager, das die Nationalsozialisten im dort beschlagnahmten, gleichnamigen Kloster eingerichtet hatten.
Und: Das Baby Sigrid wurde seinerzeit von der Mutter getrennt. Mehr allerdings konnte ihnen damals niemand sagen, die Familienforschung ging weiter, geriet aber immer wieder ins Stocken.
Der alles verändernde DNA-Test
Der Test, der alles veränderte „Meine Mutter und ich beschlossen, jeweils einen DNA-Test zu machen, und einige Monate später stellten wir fest, dass Mama viele DNA-Übereinstimmungen in Deutschland hatte, aber das waren nur kleine Prozentsätze. Die Enthüllung kam am 20. Mai 2025, als ein hoher Prozentsatz an Übereinstimmungen angezeigt wurde“, berichtet Pascal Lantreibecq. Es war eine junge Frau mit Wurzeln in Frankreich, mit der es diese Übereinstimmung gab. Und siehe da: Sie war tatsächlich eine Blutsverwandte von Marie-Hélène.
Und sie wusste mehr: Dass es einen älteren Halbbruder gab, Jean-Michel, der 1943 geboren wurde. Ihn hatte die Mutter Anfang Februar 1943 in einem Heim bei Paris zurückgelassen und war dann als Freiwillige nach Deutschland gegangen, um dort zu arbeiten. Außerdem gab es noch einen weiteren Bruder oder Halbbruder, der 1946 geboren wurde.
Erst Bremen, dann Berlin
Erkenntnisse über die Mutter – und den Geburtstag Nach und nach kamen weitere Fakten ans Licht: Dass die Mutter Gabrielle Paulette Chassaing hieß, dass sie Jahrgang 1920 war und dass sie 1943 nach Bremen kam, wo sie bis Oktober 1944 lebte. Dass sie in drei recht angesehenen Hotels in Bremen arbeitete, darunter im renommierten Hotel Hillmann. Dass dann Bremen von den Alliierten bombardiert wurde und sie wohl für einen Monat nach Berlin evakuiert wurde. Dass sie anschließend nach Schwenningen am Neckar zog, um – erneut freiwillig – in der Fabrik Emil Speck zu arbeiten.
Pascal Lantreibecq und seine Mutter fanden aber noch mehr heraus. Sie konnten – mittlerweile bestand ein sehr guter Kontakt ins städtische Archiv von Villingen-Schwenningen – die damalige Wohnadresse der Fremdarbeiterin Gabrielle Paulette Chassaing in der Werastraße 105 ausfindig machen und dann auch mit Gewissheit feststellen: Sie hatte am 19. Februar 1945 um 20.45 Uhr im Städtischen Krankenhaus Schwenningen ihr Kind zur Welt gebracht, kurz bevor die Stadt am Neckar durch die Bombenangriffe der Royal Air Force teilweise zerstört wurde.
So erfuhr Marie-Hélène alias Sigrid Maria-Christina erst im Alter von sage und schreibe 80 Jahren ihren eigentlichen Geburtstag – den 19. Februar anstelle des 12. Februar – und mit endgültiger Sicherheit ihren tatsächlichen Geburtsort.
Die Suche geht weiter „Jetzt versuchen wir zu verstehen, unter welchen Umständen meine Mutter in Schwenningen von ihrer Mutter getrennt wurde“, sagt Pascal Lantreibecq.
Fest steht: Der Säugling kam damals nach Sießen, ob allein oder gemeinsam mit ihrer Mutter, das ist momentan noch unklar. Es gibt Hinweise darauf, dass das kleine Mädchen im Kloster Sießen betreut und ihre Mutter ins Konzentrationslager Mattenberg deportiert wurde, weil die Franzosen damals Ermittlungen gegen französische Staatsbürger vornahmen, die sich freiwillig zum Arbeitsdienst gemeldet hatten oder diesen leisteten.
1946 zur Adoption freigegeben
Aus den Akten geht unterdessen gesichert hervor, dass Gabrielle Paulette Chassaing, die Mutter Marie-Hélénes, im März 1946 allein nach Frankreich repatriiert wurde. Ihre kleine Tochter verbrachte einige Monate im Waisenhaus in Tübingen und wurde dann am 5. August 1946 mit dem Zug nach Commercy an der Maas gebracht, wo sie zur Adoption freigegeben wurde. Sohn Pascal äußert derweil noch eine These: „Logischerweise wurde meine Mutter in Bremen gezeugt, daher gehen wir davon aus, dass ihr Vater Deutscher war, wahrscheinlich Soldat. Wir werden unsere Forschung fortsetzen, um seine Spur, seinen Nachnamen und hoffentlich auch seine Familie zu finden.“
Und er versichert: „Wir sind sehr stolz darauf, diese Geschichte zu teilen, in der Hoffnung, dass sie auch anderen Menschen helfen kann, die im Zweiten Weltkrieg Ähnliches erlebt haben.“ Darauf hofft ganz inständig insbesondere seine Mama, die heute in einem kleinen Dorf namens Brabant-sur-Meuse 15 Kilometer nördlich von Verdun lebt.
Besuch in Schwenningen geplant
Die Reise Nun plant Sohn Pascal, der schon lange in Kanada zuhause ist und dort auch regelmäßig von seiner mittlerweile 81-jährigen Mutter besucht wird, im Frühjahr erneut nach Europa zu reisen. In dieser Zeit planen sie auch einen Besuch in Schwenningen - dem bislang noch ganz unbekannten Ort der Geburt von Marie-Hélène, der damals kleinen Sigrid Maria-Christina.
Die Mail aus Kanada
Internet macht’s möglich
Wie kam es dazu, dass Pascal Lantreibecq und seine Mutter Marie-Hélène uns ihre Geschichte erzählten? Der Grund ist ein Artikel, der dank weltweitem Internet auch in Übersee gelesen werden konnte. Dort, in Québec in Kanada, lebt Pascal Lantreibecq – und er wandte sich schließlich per Mail an die Redaktion. „Ich schreibe Ihnen diese E-Mail, weil wir im Rahmen unserer Recherchen zu meiner Großmutter, die während des Zweiten Weltkriegs als französische Freiwillige in Deutschland arbeitete, nun wissen, dass sie in Schwenningen am Neckar in der Uhrenfabrik Emil Speck beschäftigt war. Während dieser Zeit war sie mit meiner Mutter schwanger und brachte sie am 19. Februar 1945 zur Welt“, schrieb er. Auf diese Zeitung wiederum war er nun gestoßen, weil hier im vergangenen Jahr ein Artikel über die Bombardierung Schwenningens am 22. Februar 1945 erschienen war. Zwischen der Geburt seiner Mutter in Schwenningen und diesem schweren Bombardement lagen also nur wenige Tage. In dem Artikel wurde auch berichtet, dass unter den Opfern der insgesamt fünf Luftangriffe der Royal Air Force auf Schwenningen auch etliche Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter waren. Pascal Lantreibecq erhoffte sich von der Kontaktaufnahme nun, eventuell noch mögliche Zeitzeugen kontaktieren zu können, solange das noch möglich ist, und generell zu erfahren, was über die französischen Fremdarbeiterinnen bekannt sein könnte. Daraus, so seine Hoffnung, könnten vielleicht auch Rückschlüsse auf seine Großmutter Gabrielle Paulette Chassaing gezogen werden.