Seit der Pandemie laufen die Stationen für Essstörungen der Kinder- und Jugendpsychiatrien über. Ein Mädchen erzählt, wie sie in die Essstörung hineinglitt – und wieder langsam heraus findet.
Diese Kämpfe am Familientisch. Drei Nudeln auf Emmas Teller, bisschen Gemüse. Hin und her schiebt sie die Brocken unter Beobachtung. „Jetzt iss doch wenigstens eine Gabel!“ Geht einfach nicht. Emma, 16, weint, der Rest am Tisch schluckt.
Erst mal langes Telefonieren mit der besten Freundin. „Du schaffst das!“ Bis Emma dann doch ein paar Teelöffelchen runterwürgt. Danach hoch ins Zimmer. 15 Minuten Full Body HIIT-Workout vor dem Computer. Lunge Kicks, Squat Jumps, Half Burpees, bis sie kalorienmäßig wieder im Minus ist. 50 Kilo wiegt sie bei 1,70 Meter. Aber das Gewicht ist da schon im freien Fall.
Vor eineinhalb Jahren war das. Im Coronaherbst 2020. Auch zum Erzählen sitzt Emma heute an diesem Familientisch, an dem sich in der sanierten Doppelhaushälfte am Rande Stuttgarts plötzlich ein Spalt auftat. Zwischen Emma, die immer weniger in sich hineinbekam. Und ihrer Familie, die nicht herausbekam, warum sie in dieser Pandemie nicht mehr essen wollte. Heute sehen alle immerhin klarer. Deshalb will Emma auch ihre Geschichte für andere Mädchen erzählen, allerdings unter geändertem Namen.
Alles fühlt sich unsicher an in der Krise
Die heute 18-Jährige – langes dunkelblondes Haar, Kapuzenpulli – ist so ein aktives Mädchen. Tanzen, Tennis, Theater, Schülermitverwaltung, Freundinnen treffen. Als im März 2020 der erste Lockdown kommt, setzt sie sich hochmotiviert an die ausgedruckten Arbeitsblätter. Schule, sehr gut sein in den Dingen, das ist wichtig. Aber je länger der Heimunterricht dauert, umso weniger macht sie mit. Sie geht mit der Freundin spazieren und fühlt sich trotzdem eingesperrt. „Depri-Phase“ nennt sie das. Alles fühlt sich unsicher an. Auch im Sommer noch, als die Inzidenzkurve so ruhig daliegt wie die Wasserfläche eines Baggersees. Sie habe es auf die Pubertät geschoben, sagt ihre Mutter im Rückblick.
Im Herbst ist zwar die Schule wieder offen, aber Emma konzentriert sich jetzt aufs Kalorienzählen. Daheim sagt sie, sie habe sich schon in der Stadt was gekauft. Frühstück nimmt sie mit aufs Zimmer und lässt es verschwinden. Beim Abendessen werden die Portionen kleiner. „Du hast doch Hunger“, sagt ihre Mutter. „Nein“, sagt Emma. Wenn sie Hunger hat, fühlt es sich an, als habe sie etwas gut gemacht. Zwölf Kilo verliert sie bis Ende des Jahres.
Zwei Gürkchen
Sie versucht, maximal 300 Kalorien pro Tag zu sich zu nehmen. Ein Brot, zwei Gürkchen, eine Handvoll Nudeln, Obst, Gemüse. Dazu die Workouts mit den Videos, die angeben, wie viele Kalorien verbrannt werden. Ab dem 16. Dezember 2020 sind die Schulen wieder zu und werden es fast bis Pfingsten bleiben. Am 17. Dezember ruft Emmas beste Freundin bei deren Mutter an und sagt: „Ich mach mir Sorgen um Emma.“ Da ist es raus. Die Kinderärztin diagnostiziert Anorexia nervosa: Magersucht. Die Organ- und Blutwerte sind schlecht. Ein paar Wochen später hat Emma noch mal drei Kilo abgenommen. „Freier Fall“, sagt die Ärztin und dass Emma in eine Klinik muss. Die hat nicht das Gefühl, dass diese Diagnose etwas mit ihr zu tun hat.
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Emma ist eines von vielen Mädchen, die in der Pandemie eine Essstörung entwickelt haben. Jungen gibt es auch, auf zehn Mädchen kommt einer. Die Beratungsstellen für Essstörungen in Tübingen und Stuttgart sagen, dass die Zahl derer, die Hilfe bei ihnen suchen, um die Hälfte gestiegen ist. 2020 haben sie in der Tübinger Präventions- und Beratungsstelle Lebenshunger 112 Jugendliche beraten und 2021 schon 173, der Großteil war zwischen zwölf und 15 Jahren alt, sagt die Leiterin Regine Kottmann. Nicht nur Anorexia nervosa spielt eine Rolle, sondern auch Bulimie, also Ess-Brech-Sucht, und Binge Eating, unkontrolliertes Essen. Die Welle der Hilfesuchenden sei ungebrochen.
Echter Hunger ersetzt Lebenshunger
Sie spüre eine große Not in den Familien, sagt Marianne Sieler von der Anlaufstelle Abas in Stuttgart. In jeder zweiten Beratung spiele Corona eine Rolle, auch wenn die Krise nie der einzige Grund für eine Essstörung ist. Aber wenn Sport, Musikkurse, Freunde, Ausgehen, Schule wegfallen und damit fast alles, was einem jugendlichen Leben Struktur und auch Sinn gibt, wird die Kontrolle von Kalorien ein Ersatz. Lebenshunger wird von echtem Hunger abgelöst. Und der hört auf, wenn man lange genug fastet.
Auch vor der Pandemie waren die Zahlen steigend. Magersucht ist die psychische Krankheit mit der höchsten Todesrate bei Jugendlichen. Jede und jeder zehnte Betroffene stirbt. Nur etwa die Hälfte wird gesund. Schwere Fälle müssen deshalb schnell stationär behandelt werden. Aber die Kliniken, die minderjährige Essgestörte aufnehmen, liefen in der Pandemie über. In Tübingen hat sich die Zahl der Behandelten zwischen 2019 und 2021 verdreifacht. In Stuttgart hat sich die Zahl „deutlich gesteigert“, in der Filder-klinik um 30 Prozent. In Esslingen könnten sie doppelt so viele aufnehmen, wie sie Plätze haben. Das Land will nun immerhin für zwei Jahre 120 zusätzliche Betten in den Kinder- und Jugendpsychiatrien einrichten, für alle psychischen Erkrankungen, die in der Krise zugenommen haben.
Emma folgt den dünnen Frauen im Internet
Alle, die mit dieser Krankheit zu tun haben – Ärztinnen, Sozialpädagoginnen, Eltern, die jungen Frauen selbst – sagen, dass die sozialen Medien diese Krankheit mindestens begleiten, eher befeuern. Heute zeigen Influencerinnen auf Instagram und Tiktok rund um die Uhr ihre dünnen Körper, werben für strikte Ernährungspläne, harte Sportprogramme, Kleidung, unter der sich jedes Gramm auf den Rippen abzeichnet. Für einen Körper, der durch Disziplin und Kontrolle optimiert wird. Solche Botschaften strömen auf Mädchen ein, die in der Pubertät vielleicht stärker mit den Veränderungen ihrer Körper hadern als Jungen. Hirnforscher sprechen von dieser Phase als einer kompletten Reorganisation des Gehirns.
Auch Emma folgte den dünnen Frauen. Etwa der Karlsruherin Pamela Reif, einer der erfolgreichsten deutschen Influencerinnen, deren Name auch bei den Beratungsstellen in fast jedem Gespräch fällt.
Die Familie kann durchschnaufen
Als die Diagnose gestellt ist, verweigert Emma zwar weiterhin das Essen, die Hilfe aber nicht. Sie hat Glück. Nach wenigen Wochen kann sie in die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Esslingen. Sie denkt, dass sie dort ein paar Wochen „wie Urlaub“ verbringt. Ihre Mutter ahnt, dass es schwer wird. Die erste Woche heult Emma nur und will wieder heim. Sie ist sich selbst, der Krankheit, den Störungen der anderen ausgeliefert. Zu Hause sorgen sie sich, aber können auch endlich mal durchschnaufen. Wieder ohne Kämpfe essen, sagt der jüngere Bruder. Die Mutter geht zur Elterngruppe von Abas und lernt, dass sie nicht die Verantwortung für die Krankheit und Gesundung der Tochter allein tragen kann.
Als Emma nach neun Wochen entlassen wird im Frühsommer 2021, geht es wieder richtig runter. An die Rationen hält sich die Tochter nicht. Ein DIN-A5 großes Pizzastück essen: undenkbar. Nach kurzer Zeit wiegt sie weniger als vor der Klinik. 43 Kilo. Der Tiefpunkt, den sie gebraucht hat, wie sie heute sagt. „Ich will wieder zur Schule. Ich will leben. Dafür kämpfe ich jetzt“, sagt sie sich. Mit hochkalorischer Astronautennahrung, regelmäßigen Mahlzeiten, kaum Bewegung, zwei Mal die Woche Therapie kämpft Emma sich hoch auf der Waagenanzeige. Als Wende sieht sie den September 2021 als die Schulen aufmachen – und offen bleiben.
Die Krankheit ist nicht weg. Noch immer kämpft Emma mit Portionsgrößen und Nahrungsmitteln. Manchmal schiebt sie wieder drei Nudeln hin und her. Die Mutter kommentiert es nicht mehr. Sie hat Vertrauen in Emma. Die sagt: „Ich höre jetzt nicht mehr zu essen auf.“
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