Mehr als 20 000 Afghaninnen und Afghanen sind seit der Machtergreifung der Taliban vor einem Jahr nach Deutschland gekommen – Ortskräfte ebenso wie besonders Schutzbedürftige. Nilab T. ist eine davon.
An dem Tag, an dem die Taliban Kabul einnahmen, schien es Nilab T., als würde jemand die Zeit anhalten. Sie erinnert sich genau: an den besorgten Anruf ihrer Eltern, weil sie nicht zu Hause war. An die verstopften Straßen, das Geräusch von Schüssen, an Ladenbesitzer, die hastig die Rollläden herunterließen, an die Menschen, die in Richtung Flughafen strömten. Und die Frage, was nun werden würde aus ihrem Leben , ob es das war mit ihrer Zukunft . Ein Jahr später sitzt Nilab mit ihrem Bruder Elham in einem Café in der Innenstadt von Schwäbisch Hall, ihrer neuen Heimat. „Heute steht uns die Zukunft offen“, sagt die 23-Jährige und zieht ihr Kopftuch zurecht.
Dass ihre Familie aus Afghanistan nach Deutschland kommen konnte, ist wohl auch Nilabs Hartnäckigkeit zu verdanken. In den Tagen nach der Machtübernahme der Taliban schrieb die Studentin Dutzende E-Mails, so viele, dass sie gar nicht mehr genau sagen kann, an wen. Der Vater hatte in Kabul für eine große Menschenrechtsorganisation gearbeitet, die Sorge, ins Visier der Taliban zu geraten, war groß. Irgendjemand, dachte Nilab, müsste doch helfen.
Tausende warten in Afghanistan noch immer auf eine Evakuierung
Die Mail mit der Zusage aus Deutschland kam Wochen später, als die Familie fast schon nicht mehr daran glaubte. Eine ehrenamtliche Helferin der Organisation Kabul Luftbrücke kümmerte sich um die Formalitäten der Evakuierung. Im Dezember dann konnten Nilab und ihre Eltern in die pakistanische Hauptstadt Islamabad reisen, stellten sich dort in der deutschen Botschaft vor und erhielten schließlich das Visum für Deutschland. „Der Moment, als wir in Düsseldorf aus dem Flugzeug gestiegen sind, war der größte Moment in meinem Leben“, sagt Nilab.
Rund 23 360 Afghaninnen und Afghanen sind seit der Machtergreifung der Taliban vor einem Jahr nach Deutschland gekommen. Darunter sind ehemalige Ortskräfte der Bundeswehr und anderer Institutionen ebenso wie als besonders gefährdet identifizierte Personen, Menschenrechtler wie Nilabs Vater etwa, und ihre Kernfamilien.
Doch es warten noch immer Tausende in Afghanistan auf Hilfe aus Deutschland. Rund 9200 Menschen stehen laut dem Auswärtigen Amt noch auf der Liste derjenigen, denen Deutschland bereits eine Aufnahmezusage gemacht hat, die also evakuiert werden könnten. Hinzu kommen viele, die es gar nicht erst auf eine der Listen geschafft haben – weil sie nicht rechtzeitig für die sogenannte Menschenrechtsliste gemeldet wurden, die Ende August 2021 geschlossen wurde. Oder weil sie nicht direkt bei der Bundeswehr beschäftigt waren, sondern bei Subunternehmern.
Hilfe für Ortskräfte aus Bad Liebenzell im Schwarzwald
„Viele Menschen sind extrem enttäuscht, dass die zugesagte Hilfe nicht kommt“, sagt Lucas Wehner. Der Bundeswehr-Reservist setzt sich von Bad Liebenzell im Schwarzwald aus ehrenamtlich für die Flucht ehemaliger Helfer in Afghanistan ein. In den vergangenen Monaten haben er und sein Team Hunderte besorgte Ortskräfte in Afghanistan beraten, mit Verbindungsleuten gesprochen, Fluchtrouten geplant, bei der Organisation von Reisepässen und Visa geholfen und Spenden eingesammelt. Das ehemals kleine Patenschaftsnetzwerk ist deutlich gewachsen. Inzwischen hat die Organisation privat 334 Menschen aus Afghanistan evakuiert, ohne staatliche Unterstützung. 300 stehen noch auf der Warteliste. „Die könnten wir evakuieren, wenn wir die finanziellen Mittel hätten“, sagt Wehner. Aus seiner Sicht ist das aber nur ein kleiner Teil derer, denen noch Hilfe zustehen würde. „Wer vor 2013 für die Bundesregierung gearbeitet hat oder wer nicht aktiv eine Bedrohung angezeigt hat, darf nach wie vor nicht ins Ortskräfte-Verfahren“, sagt Wehner. Wie er hatten viele Aktive in Deutschland darauf gehofft, dass es unter der neuen Bundesregierungen Lösungen für solche Details geben würde, vielleicht auch eigene Ortskräfte-Beauftragte. Doch auch die neue Bundesregierung, sagt Wehner, übernehme „zu wenig Verantwortung“.
Taliban werden in Afghanistan immer restriktiver
Für die Menschen am Hindukusch wird eine Ausreise nach Deutschland indes immer schwieriger, auch mit Aufnahmezusage. „Die Taliban zeigen hierbei eine zunehmend restriktive Praxis“, sagt die Sprecherin des Auswärtigen Amts. Ausreisen ohne Reisepass werden verhindert, gleichzeitig werden kaum Pässe ausgestellt. Evakuierungen der Kabul Luftbrücke oder des Patenschaftsnetzwerks laufen trotzdem weiter, oft über den Landweg nach Islamabad. Doch es geht nur noch langsam voran.
„Die Lage für ehemalige Ortskräfte und Menschenrechtler in Afghanistan ist sehr schlecht, viele fühlen sich bedroht“, sagt Lucas Wehner. Jene, die für ausländische Organisationen oder das alte Regime gearbeitet haben, würden drangsaliert, es spricht aber auch über fehlenden Zugang zu Bildung und Hungerkatastrophen in Teilen des Landes. Es tue weh, sagt Wehner, diesen Menschen sagen zu müssen, dass man aktuell nichts tun könne. „Wir können nur hoffen und beten, dass sich politisch etwas tut und den Menschen doch noch geholfen werden kann.“
Hoffen auf das Aufnahmeprogramm der Bundesregierung
Manche Menschen machen sich inzwischen auf eigene Faust auf den Weg nach Deutschland, mehr als 2000 Asylanträge gibt es seit der Machtübernahme der Taliban jeden Monat. Andere hoffen nach wie vor auf Hilfe von außen, zum Beispiel über das humanitäre Aufnahmeprogramm, dass die neue Bundesregierung versprochen hat. Bis zu 20 000 Menschen soll dieses Programm die Aufnahme gewähren, der Haushaltsausschuss des Bundestags hat dafür im Juli 25 Millionen Euro ausgewiesen. Doch das Programm steht noch immer nicht, die Ministerien stimmen sich derzeit dazu ab, die Verhandlungen scheinen zu stocken. Offen ist etwa, welche Aufnahmekriterien angelegt werden oder wer die Auswahl derjenigen trifft, die kommen dürfen. Ende August soll die Bundesregierung einen Bericht zum geplanten Programm vorlegen.
Nilab T. ist dankbar, dass ihre Familie und sie es noch nach Deutschland geschafft haben. Sie schätzt die Pünktlichkeit, die Landschaft, die Chancen, die sie als junge Frau hier hat. Die Angst der Familie, von den Taliban aufgespürt zu werden, ist weg. Nach ein paar Monaten in Flüchtlingsheimen wohnen sie inzwischen in einer Mietwohnung, lernen Deutsch. In den Ferien arbeitet Nilab in einer Firma als Aushilfe. Seit sie in Deutschland ist, sagt sie, rennt die Zeit nur so vorbei. „Vielleicht, weil die Zukunft mich jetzt eingeholt hat.“
Hintergrund: Aufnahmen in Baden-Württemberg
Ortskräfte
Bis Ende Juli hat Baden-Württemberg nach Angaben des Ministeriums für Justiz und für Migration im Land 3194 ehemalige Ortskräfte und besonders Schutzbedürftige aus Afghanistan aufgenommen. Diese Menschen müssen kein Asylverfahren durchlaufen, deshalb kommen sie in der Regel direkt in eine Unterkunft der Stadtkreise und Landratsämtern. „Nach maximal sechs Monaten erfolgt die Verteilung in die kommunale Anschlussunterbringung bei den Städten und Gemeinden in Baden-Württemberg“, heißt es aus dem Justizministerium. Ein großer Teil der Personen befinde sich daher bereits in der kommunalen Anschlussunterbringung.
Appell
Baden-Württemberg appelliert an den Bund, „die massiven Belastungen für die Stadt- und Landkreise sowie Städte und Gemeinden durch die gestiegenen Zugänge beim Handeln im Blick zu behalten“, so der Migrationsstaatssekretär Sigfried Lorek. Die Arbeit in Afghanistan sei noch lange nicht getan.