Der Besuch teurer Konzerte wird immer mehr zu einem Statussymbol. Manche Klage über das teure Leben wirkt nach einer solchen Ausgabe nicht mehr glaubwürdig, meint unser Kommentator.
Am Freitag ist Bruce Springsteen in Gelsenkirchen aufgetreten – ausverkauft. Am Samstag und Sonntag Ed Sheeran in der Stuttgarter MHP-Arena – zweimal ausverkauft. An diesem Montag nun Robbie Williams in Hannover – offiziell ausverkauft, praktisch gibt es noch einige Restkarten ab 190 Euro. Was sich in diesen Sommertagen zeigt, ist keine Ausnahme. Die Musikfans können sich kaum noch retten vor der Flut an Live-Auftritten, fast jedes Wochenende macht irgendwo in Deutschland ein Top Act Halt. Die Preise sind horrend, die Menschen pilgern trotzdem in Scharen in die Hallen und Stadien.
Live-Erlebnis schafft Gemeinschaftsgefühl
Natürlich ist es ein besonderes Erlebnis, seinen Lieblingskünstler einmal live zu erleben. Denn seine Stimme auf dem Smartphone über Spotify zu hören – schön und gut. Aber den Menschen zu sehen, seine Emotionen mit Zehntausenden Gleichgesinnten zu teilen, das ist ein Erlebnis, das wie kaum ein anderes ein Gemeinschaftsgefühl stiften kann.
Das allein erklärt den aktuellen Festival-Hype nicht. Es ist ja durchaus bemerkenswert, dass die Menschen sich fürchterlich darüber aufregen, wenn die Butter 20 Cent teurer wird. Wenn aber die Veranstalter von Rock im Park die ohnehin schon saftigen Preise für drei Tage Festival noch einmal um zehn Euro auf mittlerweile 258 Euro erhöhen, greifen die Menschen trotzdem zu. Binnen 24 Stunden waren bereits mehr als 25 000 Tickets für das kommende Jahr vergriffen. Der Ansturm war so groß, dass es sich die Veranstalter erlauben konnten, noch am ersten Tag des Vorverkaufs die zweite Preisstufe zu zünden. Die liegt bei 298 Euro.
Wenn es um Konzert- und Festivaltickets geht, scheint Geld bei den Fans keine Rolle zu spielen. Inflation, hohe Lebenshaltungskosten, Angst vor Wohlstandsverlusten – war da etwas? Kaum kündigt sich ein großer Künstler an, bricht schnell der Kampf um die Tickets aus. Da wartet man dann stundenlang vor dem Rechner, bis der Vorverkauf startet – und ärgert sich, wenn man am Ende doch leer ausgegangen ist.
Neue Form von Exklusivität
Es ist eine neue Form von Exklusivität, die mit der Jagd nach Eintrittskarten einhergeht. Wer ein Ticket für Taylor Swift, Coldplay oder andere Superstars ergattert hat, wird von seinem Umfeld mit Aufmerksamkeit und Anerkennung bedacht. Als wäre es eine besondere Leistung, 419 Euro für Adele bezahlt zu haben. Früher war es das Auto, das in Deutschland als Zeichen des Wohlstands galt. Heute sind es die Urlaube und Veranstaltungen, mit denen man zeigen kann, was man hat. Konzerttickets sind heute mehr denn je zu einem Statussymbol geworden.
Zu der Entwicklung beigetragen haben die sozialen Medien. Früher konnte man Freunden und Kollegen erzählen, dass man die Rolling Stones live gesehen hat. Dann kamen vielleicht ein paar anerkennende Bemerkungen, bestenfalls die Frage nach einem Video vom Auftritt.
Heutzutage postet man das Video gleich in seiner Insta-Story und erreicht damit Hunderte. Das zeigt einmal mehr, dass Aufmerksamkeit die wichtigste Währung des digitalen Zeitalters ist.
Jeder kann mit seinem Geld machen, was er will
Man muss keine Debatte darüber eröffnen, ob die Menschen sich diese Form von Exklusivität leisten dürfen oder sollten. Jeder kann mit seinem Geld machen, was er will. Aber beschweren über 1,80 Euro für den Liter Benzin kann man sich eben auch nicht, wenn man gleichzeitig 150 Euro für Linkin Park ausgibt. Das, was die US-Rockband auf der Bühne treibt, sieht man in der Fußballarena ohnehin nur über die Bildschirme. Wer nach dem Konzert über die hohen Kosten für ein Bier klagt, setzt sich dem Vorwurf der Heuchelei aus.