Die Filmindustrie wird den Einbruch in den Louvre sicher erfolgreich vermarkten. Aber warum sind Diebe, die Kulturschätze aller klauen, so beliebt?
George Clooney brachte es auf den Punkt. Der Einbruch in den Pariser Louvre, sagte der Schauspieler dieser Tage, sei „echt cool“ gewesen. Er muss es wissen, schließlich spielte Clooney in der Filmreihe „Ocean’s“ einen cleveren Meisterdieb, der versiert Casinos ausraubt. Der Schauspieler schaute sich also quasi mit dem Blick eines Profis die Videos an, die im Netz über den spektakulären Raub kursieren, und er war begeistert, wie die Diebe mit einem schlichten Lastenaufzug in den ersten Stock des Museums fuhren, um die Vitrinen dort ruckzuck mit dem Trennschleifer zu öffnen. Das sei schon „ziemlich lustig, weil es wirklich am helllichten Tag passierte“, meinte George Clooney, „mit all den Touristen dort.“
Auch wenn Filmexperten schon behauptet haben, dass dieser reale Einbruch in den Louvre für ein gutes Drehbuch viel zu schnell gegangen sei, kann man sich fast sicher sein, dass der Raub am Morgen des 19. Oktobers in Paris verfilmt werden wird. Einbrüche in Museen sind ein dankbarer Stoff und beim Publikum mindestens so gern gesehen wie Banküberfälle. Wenn Kunst- oder Bankräuber zuschlagen und wie in Paris mal eben Schmuck im Wert von 88 Millionen Euro erbeuten, dann ist ihnen die Aufmerksamkeit sicher.
Das kann man verstehen, denn die Tricks und präzise durchgeplanten Szenarien sind oft mehr als beeindruckend. Als ein Handwerker 1911 die Mona Lisa aus dem Louvre stahl, ließ er sich am Abend einfach in dem Museum einschließen, nahm das Bild aus dem Rahmen, steckte es unter seinen Malerkittel und spazierte unbehelligt aus dem Gebäude. In Boston verkleideten sich die Diebe 1990 als Polizisten, überrumpelten die Nachtwärter und stahlen millionenschwere Werke von Rembrandt, Vermeer und Manet, die bis heute nicht wieder aufgetaucht sind. Die Dresdner Täter von 2019 kappten in der Innenstadt die Stromversorgung, bevor sie den Schmuck aus dem Grünen Gewölbe der Dresdner Residenz an sich rissen. Da muss man erst mal drauf kommen.
Psychologen behaupten, dass Kontrolle ein menschliches Grundbedürfnis sei. Und weil diese Täter vorab wirklich jedes Detail durchdacht zu haben scheinen, werden solche spektakulären Einbrüche mit einer Mischung aus Bewunderung, Erheiterung und Genugtuung verfolgt. Sofern keine Menschen verletzt oder gar getötet werden, bleibt die Empörung und moralische Verurteilung häufig aus. Mancher zeigt klammheimlich oder sogar offene Sympathie für die Kriminellen. Bankräuber etwa werden seit jeher von Umverteilungsmythen umwabert. Man unterstellt ihnen, nicht aus reiner Gier zu handeln, sondern Gerechtigkeit herzustellen. Sie befreiten das schmutzige Geld der kapitalistischen Ausbeuter aus den Tresoren, das diese auf Kosten der Armen und Ausgebeuteten erwirtschaftet haben.
Dem Kunstdieb unterstellt man wiederum gern eine Liebe zu Kunst und Kultur. Ob es „The Thomas Crown Affair“ ist oder die erfolgreiche Netflix-Serie „Lupin“, in der das Collier von Marie-Antoinette aus dem Louvre gestohlen wird, – Literatur und Film haben einen sehr großen Anteil daran, dass die kriminellen Machenschaften des kultivierten und raffinierten Kunstdiebs fast schon als Kavaliersdelikt abgetan werden. Der Glanz und die Bedeutung ihrer kulturell angesehenen Beute scheinen unmittelbar auf sie und ihre Motive abzufärben.
Den Franzosen war zunächst freilich nicht nach Bewunderung und gar Lachen zumute, als sich herausstellte, was da aus dem Louvre verschwunden war. Stattdessen wurden in den ersten Tagen nach dem Einbruch in den Louvre Tränen der Wut und wohl auch des Schmerzes vergossen. Die Menschen waren „schockiert“, „fassungslos“ oder „erschüttert“ und sparten nicht an Pathos, wenn sie erklärten, dass das „Herz von Paris“ getroffen und die französische Nation „gedemütigt“ worden seien. Der Ex-Präsident François Hollande sah sogar „fremde Kräfte“ am Werk, „die unser Land destabilisieren wollen“.
Damit war der Ton gesetzt: Dieser Diebstahl sei ein Angriff auf die nationale Identität der Franzosen, auf das französische Erbe und die französische Kultur in ihrer Gänze. Schließlich handle es sich bei den gestohlenen Kronjuwelen um den „französischen Familienschmuck“. Mehr noch: „Es ist, als sei der Schmuck der Großmutter gestohlen worden“, wie man sagte.
Dabei wurde freilich verschwiegen, dass diese Großmutter zu Lebzeiten alles andere als wohlgelitten war. Vermutlich hätten einige Zeitgenossen sogar allzu gern die Häupter derer abgeschlagen, denen der Schmuck einst gehörte. Wenn jemals eine Nation äußerst blutig und radikal gegen die Monarchie vorging, so zweifellos die französische. Deshalb musste die Königin Marie Amélie de Bourbon, um deren Diadem und Halskette nun getrauert wird, nach dem Sturz des Königs, ihres Manns, vor den tobenden Franzosen ins Exil nach England fliehen. Auch Marie Louise von Österreich, die zweite Ehefrau von Napoleon I., war alles andere als beliebt. Und Hortense de Beauharnais, deren Schmuck nun pathetisch als Teil der eigenen Identität gepriesen wird, musste als Kind zuschauen, wie ihr Vater auf der Guillotine geköpft wurde.
Aber der Mensch neigt eben zu Widersprüchen – vor allem, wenn es um die Vergangenheit geht. Die Monarchie ist dabei die Staatsform, die besonders gern verklärt wird. Der Pariser Juwelenraub ist auf vielerlei Weise ein Paradebeispiel dafür, wie selbstverständlich Widersprüche zu den Diskursen einer Gesellschaft gehören – oder anders gesagt: wie willig wir Menschen uns in die Tasche lügen. Das zeigt gerade auch die Empörungswelle, die nach dem ersten Schock losbrach. Während zunächst Hohn und Spott gerade in den sozialen Netzwerken zum Ausdruck gebracht wurde und zahlreiche mit KI gefertigte Videos die Runde machten, wurde zunehmend Ärger laut. Schon bald berichteten Journalisten, dass viele Pariserinnen und Pariser sehr „wütend“ seien und den Staat beschuldigten, seine Pflicht zum Schutz der Kunstschätze des Landes dramatisch vernachlässigt zu haben.
Vermutlich wäre die Empörung allerdings genauso groß, wenn der Staat ein milliardenschweres Sanierungspaket verabschieden würde, um die 2400 Fenster des denkmalgeschützten Louvres so zu sichern, wie lautstark gefordert wird. Wer würde ernsthaft den gigantischen Kosten zustimmen, um die 73 000 Quadratmeter Fläche des Museums komplett mit Kameras auszustatten? Und wenn demnächst die ersten Rechnungen auf dem Tisch kommen für die zusätzlichen Polizisten in Zivil, die nun eingesetzt werden sollen, um die 35 000 ausgestellten Kunstwerke besser zu schützen, kann man sicher sein, dass ein Streit darüber entbrennt, ob diese Zusatzausgaben tatsächlich nötig sind. Man ahnt schon den Vorwurf, die Verantwortlichen im Louvre und die Kulturverwaltung verschleuderten öffentliche Mittel in unverantwortlicher Weise.
Das Verhältnis zur Kultur ist eben doch ein eher ambivalentes. Das wird immer dann deutlich, wenn Sparmaßnahmen anstehen. In den begleitenden Debatten wird selbstverständlich die Kultur als erstes ins Feld geführt. Ihr zufließende Finanzmittel gelten als fakultativ. Nicht nur in Frankreich. In Deutschland wehren sich zur Zeit Kulturschaffende gegen die Kürzungen ihrer Etats, die von vielen Städten und Kommunen beschlossen werden müssen. Auch bei der Diskussion um die seit Jahren verschleppte Sanierung der Stuttgarter Oper wurde von Seiten der Politik schon oft angeführt, dass die zweifellos enormen Kosten der Bevölkerung „nicht vermittelbar“ seien.
Dass der Kultur bis heute das Bild anhaftet, in letzter Konsequenz eben doch verzichtbar zu sein, hat vermutlich historische Gründe. Denn über Jahrhunderte hinweg waren Theaterbesuche und die Beschäftigung mit Kunst ein elitäres Vergnügen, das der gehobenen Klasse vorbehalten blieb. Die europäische Kultur war von Beginn an mit Macht verbunden, denn es waren Kirche, Fürsten, Könige und Kaiser, die über Jahrhunderte dafür sorgten, dass sich unser heutiges üppiges kulturelles Erbe überhaupt entwickeln konnte. Dafür bezahlen musste das Volk mit seiner Hände Arbeit. Es ist durchaus verständlich, dass dadurch Vorbehalte der Kultur gegenüber geschürt wurden. Man finanzierte die schönen Dinge mit seinen Abgaben, obwohl Gemälde und Skulpturen höchstens in der Kirche zu sehen waren, oder gleich in Palästen wie dem Louvre weggesperrt wurden.
George Clooney hat schon Recht – es hat Witz, wie die Diebe nun den einstigen Königspalast von Paris stürmten. Denn die gelben Warnwesten und der schnöde Lastenaufzug machten die Einbrecher unverdächtig. Da die Männer wie gewöhnliche Arbeiter aussahen, unterstellten die Passanten selbstverständlich, dass es sich um nötige Baumaßnahmen handeln würde. Aber womöglich wurde auch zu langsam reagiert, weil man den vermeintlichen Arbeitern einfach nicht zutraut, dass sie ein tieferes, wenn auch kriminelles Interesse an der hehren Kultur haben könnten.
„Lupin hätte keinen Kran benutzt“
In den sozialen Netzwerken wurden zuletzt viele Parallelen zwischen den realen und den fiktiven Kunsträubern gezogen. Dabei wurde munter spekuliert, ob im Louvre vielleicht der smarte Dieb aus der erfolgreichen Netflix-Serie „Lupin“ am Werk gewesen sein könnte. „Ich weiß, dass Sie’s nicht waren. Lupin hätte niemals einen Kran genutzt“, schrieb eine Frau auf Instagram, was deutlich macht, wie stark in den Köpfen noch die Vorstellung verbreitet zu sein scheint, dass Kunstdiebe Kultur liebende Feingeister sind und mit höchster Raffinesse und Intelligenz vorgehen. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Wie in Dresden wollten sich die Pariser Diebe sicher nicht Schönheit und Bedeutung aneignen, sondern waren allein am materiellen Wert interessiert. Kunstdiebstahl ist in der Realität deutlich profaner als bei Netflix. Und während sich Pierce Brosnan in „The Thomas Crown Affair“ als charmanter Kunstdieb ein tolles Katz-und-Maus-Spiel mit der Versicherungsdetektivin liefert, ist man in Frankreich längst in den Niederungen des politischen Alltags angekommen, in denen die vermeintliche Liebe zur Kunst fast unanständig für eigene Interessen instrumentalisiert wird.
Das ist nicht unüblich. In Dresden spielte es rechten Kräften mit rassistischen Ressentiments in die Karten, dass es sich beim Einbruch ins Grüne Gewölbe um einen Fall von Clankriminalität gehandelt hatte. In Paris nutzt man den Einbruch nun, um die Regierung weiter zu destabilisieren. „Wie weit muss das Versagen des Staates noch gehen?“, wird da so empört wie populistisch gefragt. Letztlich könnte es, wer weiß, manchem sogar sehr gelegen kommen, wenn Großmutters ach so geliebter Schmuck nicht mehr auftauchen würde.