Steffen Hauswald hat als Coach am Skiinternat Furtwangen zahlreiche Weltklasse-Biathleten entwickelt. Im Interview spricht er über Lukas und Julia Tannheimer, den Alltag am Skiinternat und die Zukunft des Biathlon-Sports in Deutschland.
Wir treffen Steffen Hauswald im Skiinternat Furtwangen. Hier betreut er in der aktuellen Saison gemeinsam mit Trainerkollegin Ina Metzler sieben Biathleten – ziemlich erfolgreich, wie die jüngsten Ergebnisse zeigen.
Hallo, Herr Hauswald. Lukas Tannheimer ist im schwedischen Östersund Jugend-Weltmeister geworden. Waren Sie davon überrascht?
Man hofft als Trainer natürlich immer, dass das Beste herauskommt. Dies ist für uns eine Top 6- oder eine Podestplatzierung. Dass Lukas Weltmeister geworden ist, ist natürlich umso schöner. Beim Junior-Cup starten die Schweden, Franzosen und die Norweger – die Finnen nicht. Bei einer WM kommen andere Nationen dazu. Da ist man schon gespannt, was die Leistung wert ist. Wir haben schon damit geliebäugelt, aber er war drei Wochen vor der WM für anderthalb Wochen krank. Deswegen gab es schon die Befürchtung, dass es vom Aufbau doch nicht ganz reicht. Wir sind natürlich froh darüber, dass es letztendlich doch noch gereicht hat.
Lukas Tannheimers Schwester Julia, die bis zum vergangenen Jahr ebenfalls SKIF-Schülerin war, hat den Sprung in den Weltcup geschafft. Das Talent scheint in der Familie zu liegen.
Die Familie Tannheimer ist generell sehr sportlich unterwegs, sein Vater hat ja auch Biathlon gemacht. Julia haben wir drei Jahre hier gehabt, sie ist dann im vergangenen Jahr nach Freiburg gegangen. Ja, in der Familie liegt das schon.
Melina Gaupp
Die erst 16-jährige Melina Gaupp gewann Gold und Silber in den Staffeln. Wie hoch ist das einzuordnen, in diesem Alter schon solche Leistungen zu vollbringen?
Sie ist mit die Beste in ihrer Klasse. Im Massenstart war sie als Vierte ja schon nah dran an einer Medaille. Das ist eine super Leistung. Wir sind mit ihr sehr glücklich darüber, was sie geleistet hat.
Das alles klingt danach, als dass es eine neue Welle mit starken Talenten heranwächst. Welche Gründe sehen Sie dafür?
Wir machen insgesamt eine gute Nachwuchsarbeit – der Stützpunkt Ulm auch. Talente haben wir deshalb einige. Darauf zielt ja unser Nachwuchssystem auch ab, die Besten ab der Jugend 17 hier ans Skiinternat zu holen und sie im Verbund Schule, Internat und Sport weiter zu fördern – bis in die Jugend-Weltspitze. Funktioniert hat das eigentlich immer. Es gibt aber immer gewisse Wellen in der Entwicklung, weil es Unterschiede bei der Geburtenzahl und der Leistungsstärke der Jahrgänge gibt. Im vergangenen Jahr war der 05er-Jahrgang mit Julia Tannheimer zum Beispiel sehr stark – auch mit einem Jannis Dold und einem David Schmutz. Sie haben es dann auch in den Profibereich geschafft.
Wäre es auch eine Möglichkeit, gezielt an den Schulen nach Talenten zu suchen?
Gezielt an den Schulen arbeiten wir aktuell nicht. Wir machen kleinere Nachwuchsveranstaltungen. Aber in Ulm machen sie das sehr stark, weil Ulm als Großstadt natürlich auch die Möglichkeiten bietet. Es muss eine gewisse Man-Power vorhanden sein, um solche Aktionen in den Schulen zu machen – und die haben wir hier im Schwarzwald ein bisschen weniger. Wir haben versucht, so etwas in Freiburg anzukurbeln, aber es ist einfach anders als in Ulm. Unser Nachwuchs rekrutiert sich eher über eine Mund-zu-Mund-Propaganda und über die Leistung, die wir erbringen. Die biathlon-interessierten Kinder kommen hier von sich aus ins Training.
Das Erfolgsrezept
Sie sind seit 1993 Trainer am SKIF. Wie hat sich der Biathlon-Sport verändert?
Der Biathlon-Sport ist relativ einfach. Man muss jeden Tag fleißig trainieren. Es gibt sicherlich eine Entwicklung in der Weltspitze, diese wollen wir in der Jugend aber nur bedingt umsetzen. Im Jugendbereich geht es um die Basics. Man muss die Jungs und Mädels allgemein ausbilden mit Krafttraining, Gymnastik, Präzisionsschießen und Ausdauertraining. Diese Tendenzen, die es im Schießen zum Beispiel gibt, wo immer schneller geschossen wird, versuchen wir nur bedingt umzusetzen, weil man nicht den zweiten vor dem ersten Schritt machen kann. Über die vielen Jahre hat sich für uns somit wenig verändert.
Es fällt auf, dass im deutschen Biathlon bei den Frauen einiges nachkommt, während die Situation im Männer-Bereich schwieriger erscheint. Wie blicken Sie in die Zukunft?
Ja, ich denke auch, dass sich der Damen-Bereich relativ positiv entwickelt hat mit Tannheimer, Kink und Grotian, so dass man da einen guten Übergang schaffen kann – auch nach Olympia. Im Männer-Bereich ist es uns nicht ganz gelungen. Im Junioren-Bereich haben sicherlich die Einzel-Medaillen gefehlt, aber einzelne Leistungen sind im Anschlussbereich. Jetzt gilt es die vielen Jungen, auch von uns ein Fabian Kaskel oder ein Linus Kesper, der in Freiburg trainiert, in die Weltspitze im Herren-Bereich zu bringen. Ich sehe die Sache nicht als dramatisch an, aber da ist der Deutsche Skiverband schon gefordert diesen Übergang forciert zu gestalten, weil man die Schwäche erkannt hat. Die Norweger und die Franzosen machen es uns vor. Da wollen wir hin.
SKIF-Leiter Niclas Kullmann sprach vor der Saison den Trainer-Mangel im deutschen Wintersport an. Ist dieser auch im Biathlon spürbar?
Es wird immer schwieriger, im Ehrenamt Trainer zu finden. Keiner macht das aus finanziellen Gründen. Vielleicht ist das die neue Zeit. Die Ehemaligen sind immer weniger bereit, etwas zurückzugeben. Im hauptamtlichen Bereich ist das noch schwieriger. Der Trainerberuf ist weiter zu wenig anerkannt. Es sind natürlich auch sehr viele Reisetage und Überstunden erforderlich, die von vielen nicht erbracht werden wollen.
Lassen Sie uns die Perspektive wechseln. Wie können wir uns den Alltag eines SKIF-Sportlers vorstellen?
Der Alltag eines Sportlers am Skiinternat ist von früh bis spät getaktet. Der schulische Part hat eine sehr große Bedeutung. Sie kommen dann um 13 Uhr oder 13.30 Uhr zum Mittagessen. Wenn es Nachmittagsunterricht gibt, geht es direkt danach zum Training. Das dauert 2,5 Stunden. Dann kommen sie um 18 Uhr oder 18.30 Uhr nach Hause und haben dort nach dem Abendessen Zeit für ihre Hausaufgaben – beziehungsweise für das Skiwachsen, die Gymnastik und so weiter. Es ist ein getakteter Tagesablauf, der die jungen Menschen formt. Sie lernen Disziplin und Selbstorganisation. Das ist etwas, was sie auch im Leben brauchen.
Warum sollte man trotz dieses hohen Aufwands als Trainer oder als Sportler Biathlon betreiben?
Man muss es wollen und muss sich angezogen fühlen von der Sportart Biathlon. Es ist eine Sportart, in der es darum geht, zwei Einzelleistungen zu einer Komplexleistung zusammenzufügen. Es ist die Ruhe und die Konzentration und das Auspowern-Wollen. Dies zu kombinieren, ist die Herausforderung und das Schöne.
Über Steffen Hauswald
Steffen Hauswald, 61 Jahre alt, kommt aus dem östlichen Erzgebirge. In seiner aktiven Karriere gewann er für die SG Dynamo Zinnwald vier Bronzemedaillen bei DDR-Meisterschaften. Hauswald trainiert seit 1993 am Skiinternat Furtwangen und war zwischen 2010 und 2013 Nationtrainer der Schweiz. Zu seinen ehemaligen Schützlingen zählen unter anderem Weltmeister wie Simon Schempp und Benedikt Doll.