Im Urlaubsort Pattaya an der östlichen Golfküste Thailands verbringen zahlreiche deutsche Männer ihren Ruhestand. Foto: dpa/Barbara Walton

Viele deutsche Rentner wandern nach Thailand aus. Weil es dort warm ist, das Bier billig und der käufliche Sex erst recht. Oder gibt es noch andere Gründe? Der Tübinger Kulturwissenschaftler Raphael Reichel hat es erforscht.

Mehrmals haben die Rentner Raphael Reichel eingeladen, sie ins Nachtleben der Küstenstadt Pattaya zu begleiten. Ob er mit ihnen einen Massagesalon oder Go-Go-Club besuchen wolle? Mit dorthin gehen, wo junge Thailänderinnen Sex für Geld anbieten? „Dann siehst du mal, wie das so ist“, sagten die Rentner. Für viele von ihnen gehören solche Besuche zur gewohnten Abendgestaltung in ihrer Wahlheimat in Südostasien. Und Reichel wollte schließlich ganz genau wissen, was einen Ruhestand in Thailand für zahlreiche deutsche Männer so reizvoll macht.

 

Reichel, 36, ist Kulturwissenschaftler und arbeitet an der Universität Tübingen. Nach Thailand war er oft gereist, erstmals als kleiner Junge mit seinen Eltern. Die Auswanderer aus dem Westen jenseits der 60 fielen auf. „Man sieht sie am Flughafen, in der Stadt, in den Restaurants. Überall sind ältere allein reisende weiße Männer unterwegs“, sagt er.

Genaue Zahlen gibt es nicht, Schätzungen gehen auseinander. Zwischen 10 000 und 60 000 deutsche Rentner sollen sich in Thailand niedergelassen haben. Sie sind Stoff zahlreicher knallige Fernsehdokus. Deren Deutung geht oft so: In Thailand gibt es Palmenstrände und günstiges Bier, der Zugang zum Sexgewerbe ist niederschwellig, die Kontaktaufnahme zu jungen Frauen einfach – schon klar, dass es alleinstehenden deutschen Rentnern dort gefällt.

Bordelle in jeder Straße und an jeder Ecke

Reichel fand diese Erklärung zu oberflächlich. Das Bier und den Sex könnte man schließlich auch im Rahmen eines Urlaubs kriegen, findet er. „Viele der Rentner haben in Deutschland Haus und Auto verkauft, alle Zelte abgebrochen und sind an einen Ort gezogen, an dem sie fast niemanden kennen. Da muss ja vorher etwas passiert sein.“ Also flog er für mehrere Monate selbst nach Thailand und erforschte für seine Doktorarbeit, was das Land für deutsche Ruhestandsmigranten zum Faszinosum macht. „Männerparadies“, das Buch über seine Feldforschung, ist jüngst erschienen.

In Pattaya flirrt die Luft. Das Klima ist tropisch, in den Straßen leuchten Neonreklamen, Nachtclub reiht sich an Nachtclub. Die Stadt am Golf von Thailand gilt als modernes Sodom und Gomorrha, Deutsche vor Ort nennen sie den „größten Freilichtpuff der Welt“, die Tourismusindustrie bewirbt sie als Badeort. Bis in die 1960er-Jahre war Pattaya ein Fischerdorf, heute leben dort 120 000 Menschen. Raphael Reichel sagt, in Pattaya herrsche eine Monokultur, die ganze Großstadt habe sich rund um das Sexgewerbe entwickelt. Ein Rotlichtviertel gibt es nicht, das Rotlicht ist überall, eine Reeperbahn ohne Anfang und Ende, die Bordelle sind in jeder Straße und an jeder Ecke.

Wobei sie gar nicht „Bordelle“ heißen: Prostitution ist in Thailand verboten, aber laut Reichel einer der größten Wirtschaftszweige des Landes. Statt Bordellen gibt es also Shows mit Stangentanz, sogenannte Bierbars, in denen Sexarbeiterinnen hinter dem Tresen erst Drinks ausschenken und dann mit aufs Stundenhotelzimmer gehen, oder Massagesalons, die Ähnliches versprechen.

Reichel bezog für seine Forschung ein Appartement im 150 Kilometer entfernten Bangkok. Wenn man sich die ganze Zeit mit der Sexindustrie konfrontiert sehe, sei man froh, zwischendurch in einer anderen Umgebung zu sein. Nach Pattaya ist er gependelt. Denn Pattaya ist auch das Zentrum der deutschen Rentner-Community in Thailand. In „Little Germany“ gibt es deutsche Kneipen, deutsche Bäcker, deutsche Metzgereien, es erscheinen deutsche Zeitungen, deutsche Gaststätten servieren Sauerbraten mit Knödeln und Labskaus. Auswanderer, die die Exotik ihrer Wahlheimat lieber auf ein Quantum reduzieren, können sich hier wohlfühlen. Und es gibt ein kirchlich getragenes Begegnungszentrum für Deutsche in Pattaya. Es hat eine Bibliothek, eine Boulebahn, ein Shanty-Chor hält dort Singstunden ab.

Raphael Reichel Foto: privat

Reichel nahm an den Computerkursen im Begegnungszentrum teil und spielte mit den Leuten Billard, um Kontakte zu knüpfen. Dann interviewte er ausgewanderte Rentner, ging mit ihnen frühstücken, begleitete sie im Alltag. Die meisten seiner Gesprächspartner waren Mitte 60, ehemalige Finanzbeamte, Bauunternehmer, Handwerker. Akademiker traf er kaum. Thailand gilt seit Jahrzehnten als Hotspot des Sextourismus. Schon in den 1980ern flogen Reiseunternehmen deutsche Männer dorthin, in Maschinen, die alle nur „Bumsbomber“ nannten. Heute leben auch Rentnerinnen und deutsch-deutsche Ehepaare dort, aber eher auf den Inseln. Nach Pattaya reisen die Singles. „Die allermeisten männlichen Rentner, die in Pattaya wohnen, sind zunächst als Sextouristen dorthin gekommen“, sagt Reichel. Viele waren vor ihrem Ruhestand noch nie in dem Land.

In Pattaya tut sich ihnen eine andere Welt auf. Der käufliche Sex ist nicht schambehaftet in Industriegebieten versteckt, die populäre Moral in der Stadt eine ganz eigene. „Wenn die Männer herkommen, merken sie: Ich kann mich hier austoben und sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen, ohne dass mich jemand komisch anguckt und ohne dass das extrem teuer wird“, sagt Reichel. Wenn aus dem Sexurlaub ein Daueraufenthalt wird, ist häufig die Partnerschaft zu einer thailändischen Frau ein Grund. So kann etwa aus dem Besuch im Massagesalon ein „Girlfriend Experience“ entstehen, ein Arrangement, bei dem die Sexarbeiterinnen gegen Bezahlung über Wochen mit den Männern liiert bleiben, mit ihnen schlafen, verreisen, für sie kochen, ihre Freundin spielen.

Nicht alle deutschen Rentner haben ihre thailändische Partnerin im Sexgewerbe kennengelernt. Laut Reichel betonen jene das dann explizit. Manche Beziehungen dauern Jahre. Aber gleichberechtigt scheinen sie nach westlichen Maßstäben häufig nicht, die Grenzen zwischen Prostitution und Liebesbeziehung verschwimmen. Denn die Männer sind jene, die das Geld haben. Selbst eine nicht ganz so hohe deutsche Rente ist mehr wert als ein thailändisches Durchschnittseinkommen. Laut Reichel stammen viele der oft deutlich jüngeren Frauen aus landwirtschaftlich geprägten Regionen. Ihre Familien erwarten finanzielle Unterstützung. Die Töchter ziehen in die Touristenzentren, in der Hoffnung, einen „Farang“, einen weißen Mann, zu treffen. Der Farang begleicht die Rechnung, wenn der Kühlschrank der Schwiegereltern den Geist aufgeben, und bekommt umgekehrt den Sex und den Abwasch gemacht. „Win-win“, nennen die Männer diesen Beziehungsdeal gern. Reichel zweifelt an dieser Einschätzung, weil die Frauen sich häufig wegen ihres prekären Hintergrunds darauf einlassen.

Bis dahin entsprechen Reichels Erkenntnisse den geläufigen Erzählungen. Was meist nicht miterzählt wird: die Vorgeschichten der Rentner. Sie ähneln sich. Manche seien tragisch, sagt Reichel. Oft spielen Trennungen und Tod eine Rolle, viele der Männer haben erwachsene Kinder aus früheren Beziehungen, das Verhältnis zu ihnen ist häufig schwierig, das soziale Netz in Deutschland mehr durchlöchert als behütend, einige haben ihre Arbeit verloren, Firmen gingen pleite. Einer seiner Gesprächspartner fiel beim Streichen von einer Leiter, brach sich mehrere Knochen, lag lange im Krankenhaus, wurde frühverrentet, nahm Schmerzmittel, wurde impotent, seine Ehe scheiterte. Sein Physiotherapeut legte ihm einen Thailandaufenthalt nahe, weil das Klima gegen seine Beschwerden helfe. Er flog, blieb, fand einen Job in der Gastronomie.

Sich neu erfinden in Thailand

Verletzungen und Zurückweisungen, die einige Rentner erlebt haben, kratzen laut Reichel an ihrem Bild von Männlichkeit. „In Thailand haben sie die Möglichkeit, sich noch einmal neu zu erfinden.“ Wieder fitter werden, wieder den Versorger einer Frau geben statt in Deutschland Trübsal blasen. Dinge ausprobieren, von denen sie jahrelang träumten. „Patriarchale Nostalgie“ nennt der Wissenschaftler dieses Konzept.

Die Rentneralltage in Pattaya sind unterschiedlich. Ein Gesprächspartner hatte ein Haus samt gigantischem Garten und mehreren Autos davor. Andere leben in Wohnblocks, in Zimmern in Studentenbudengröße und mit sanitären Anlagen aus der Hölle, wieder andere in Anlagen mit Hotelcharakter, zu denen auch Pool und Zimmerservice gehören. Einige praktizieren einen ewigen Urlaub und hängen den ganzen Tag mit Gitarre im Liegestuhl ab. Viele sind überglücklich, weil die Sonne Südostasiens ihrer Gicht den Garaus macht.

Manche schlittern in den Abgrund. Denn selbst wenn Sex und Alkohol in Pattaya viel günstiger sind als in Deutschland, geht der Konsum ins Geld, wenn man die Kontrolle verliert. Die Selbstmordrate unter deutschen Rentnern in Thailand sei hoch, sagt Raphael Reichel. Manche Auswanderer sprechen fließen Thai, konvertieren zum Buddhismus und beten mit ihrer Partnerin im Tempel. Andere verweigern die Hühnersuppe mit Reis, die Thais gerne frühstücken, beharren auf Toast und Käsewecken und hissen die Deutschlandflagge am Balkon. Der eine engagiert sich für thailändische Waisenkinder, der andere führt Strichliste, mit wie vielen Thailänderinnen er Sex hatte.

Durch den Kauf sexueller Dienste oder Beziehungsvereinbarungen mit thailändischen Sexarbeiterinnen nutzten die Rentner Strukturen globaler Ungleichheit aus, sagt Reichel. Als Wissenschaftler will er untersuchen, nicht werten. Aber das war anstrengend. Persönlich fand er sein Feld oft abstoßend. Seine Gesprächspartner äußerten sich teils rassistisch, sexistisch und rechtsradikal. Manche sprachen abfällig über die „Thai-Mädels“ und „Nutten“ oder prahlten mit Eroberungen. Ein Rentner erzählte ihm, er sei auch deshalb ausgewandert, weil ihm in Deutschland zu viele integrationsunwillige Ausländer seien. Er wolle nicht länger in Biergärten nur noch Arabisch hören. „Während des Gesprächs saßen wir in einem Restaurant in Pattaya und um uns herum sprachen alle Thai“, sagt Reichel. Das Absurde an der Situation sei dem Mann nicht aufgefallen. Aber die Kulturwissenschaft müsse sich auch mit Feldern auseinandersetzen, die einem Forscher als Privatperson nicht sympathisch seien.

Allerdings: Ziemlich cool war es schon, in Thailand zu forschen anstatt nur am Tübinger Institutsschreibtisch zu hocken. Auch zu Reichels Apartmentanlage gehörte ein Pool. Im Meer ist er während seines ganzen Aufenthalts nicht geschwommen, der Strand von Pattaya scheint ihm wegen des benachbarten Güterhafens mehr unappetitlich denn Sehnsuchtsort. Und auch die Einladungen der Rentner, sie in einschlägige Szeneläden zu begleiten, hat er stets ausgeschlagen.