„Eine Original Chicago Deep Dish Pizza im 99. Stock des ‚Willis Tower‘ zu essen und dabei auf das nächtliche Chicago zu schauen ist ein Erlebnis der besonderen Art.“ Foto: Gühring

Seit gut sieben Monaten lebt der Sulzer Hans Gühring mit seiner Familie in St. Charles/Illinois. Mit eindrücklichen Beispielen stellt er das „Ländle“ und die Staaten gegenüber.

„Alles passiert voll digitalisiert und durchgeplant“, kommt Hans Gühring auf sein neues Leben im US-Bundesstaat Illinois zu sprechen.

 

Seit mittlerweile sieben Monaten lebt der ehemalige Vorsitzende des Musikvereins Sulz in St. Charles, das sich gut eine Autostunde westlich von Downtown Chicago befindet. Als Eltern werde in der staatlichen Highschool man geradezu mit Angeboten und Veranstaltungen bombardiert, die die Schule anbiete – „die aber gleichzeitig auch Engagement verlangen“, betont der Vater.

Einiges geht schneller

Gleichzeitig sei alles größer und die Entfernungen viel weiter – ohne Autos gehe somit gar nichts. Und da die Führerscheinausbildung ein Schulfach ist, können die Jugendlichen mit 16 Jahren die Fahrerlaubnis in der Highschool machen. „Vieles erscheint  viel unbürokratischer als in Deutschland – verlangt aber auch viel mehr Eigeninitiative vom Einzelnen“, laute sein Fazit.

An eines wird er sich in Sachen Entbürokratisierung noch lange erinnern können. So könne man als deutscher Staatsbürger in nur zwei Stunden für wenig Geld einen Führerschein für den Staat Illinois erwerben. „Und zwar inklusive theoretischer und praktischer Prüfung, nichtbiometrischem Passbild und Erhalt des fertigen Dokuments, das man auch als ID-Card verwenden kann“, hebt er hervor.

Essen im Wolkenkratzer

Eine Besonderheit ist Gühring jedoch trotz der allgegenwärtigen Digitalisierung aufgefallen. „Jeder hat in den USA noch ein klassisches Scheckbuch“, erklärt er. Schließlich gebe es noch zahlreiche Zahlungsvorgänge, die mittels eines Schecks abgewickelt werden. 

„Vom beschaulichen Neckartal in den Ballungsraum um eine Weltmetropole war für die Kinder und mich unglaublich beeindruckend“, beschreibt er den Standortwechsel. Oder ganz konkret: „Eine Original Chicago Deep Dish Pizza im 99. Stock des ‚Willis Tower‘ zu essen und dabei auf das nächtliche Chicago zu schauen ist ein Erlebnis der besonderen Art.“

Eine aktive Zivilgesellschaft

Die Menschen seien immer und überall offen und freundlich. Und im Gespräch mit Amerikanern merke man schnell, dass die Wertschätzung für Deutschland, deutsche Produkte und auch das deutsche Sozialsystem nach wie vor ungebrochen sei.

Denn: „Beim Gesundheitssystem ist so ziemlich alles anders“, skizziert Gühring die Rahmenbedingungen im „Land der unbegrenzten Freiheit“. Aber auch: „Hier zeigt sich sehr deutlich der Freiheitsgedanke, der in den USA sehr viel intensiver und kreativer ausgelebt wird“, spricht er die aktive Zivilgesellschaft – auch in Zeiten eines Donald Trumps – an.

Manches macht fassungslos

„Ziviler Ungehorsam gehört zur DNA der Amerikaner“, hält er fest. Bevor in Deutschland jemand auf die Straße gehe, um für seine freiheitlichen Rechte einzustehen, gehe man zuerst zum Ordnungsamt, um sich eine Genehmigung abzuholen, stellt er die zwei Lebenseinstellungen gegenüber. Das sei ein Verhalten, das in den USA schlichtweg niemandem einfallen würde.

Über die Geschehnisse in Sulz sei die Familie trotz der Entfernung natürlich immer bestens informiert. „Fassungslos nimmt man zur Kenntnis, dass man sich in Sulz Auftragskiller mieten kann und dass schamlose Wichtigmacher KI-generierte Podcasts darüber erstellen und diese dann viral gehen“, gesteht er.

Demokratie vor dem Kollaps?

Als ehemaligen Stadtrat freue es ihn natürlich, dass die Kommune ein Haus in der Altstadt gekauft habe, sagt er mit Blick auf die frühere Tanzschule Gayer. Doch auch die Landtagswahl sei für ihn ein bewegendes Thema gewesen.

„Angesichts der Ergebnisse der letzten Wahlen kann man hier nicht mehr von ‚Protestwählern‘ sprechen“, ordnet Gühring die AfD-Erfolge ein. Damit sägten sie den Ast der freiheitlich-demokratischen Grundordnung ab, auf dem alle säßen.

„Eigentlich müsste jetzt noch ein ermutigender Schlusssatz kommen – aber mir fällt keiner ein“, gibt er offen zu. Wer sehen wolle, wie schnell eine demokratisch gewählte Regierung ein zuvor funktionierendes demokratisches Staatsgebilde an den Rand des Kollapses bringen könne, möge in die USA schauen und seine Lehren für Deutschland daraus ziehen, fordert er.