Tänzerinnen der Tübinger Tanzgruppe „YC Dance“ zeigen Ausdruckstänze. Foto: Angela Baum

Ein Schweigemarsch in Baisingen anlässlich der Reichspogromnacht blickt in die Vergangenheit, hält aber auch der Gegenwart den Spiegel vor.

Mit einem Schweigemarsch begann eine Aktion gegen Antisemitismus. Zur Gedenkveranstaltung für die Reichspogromnacht kamen rund 30 Teilnehmer. Zunächst traf man sich am jüdischen Friedhof, von wo der Marsch zur ehemaligen jüdischen Synagoge in Baisingen ging.

 

Dort gab es eine Ansprache von Janina Andries, die einiges zur jüdischen Geschichte Baisingens zu berichten hatte. Etwa, dass 60 jüdische Bürger in Konzentrationslager verschleppt wurden, oder dass der Viehhändler Harry Kahn neun Konzentrationslager überlebte und sogar aus dem Zweiten Weltkrieg heimkehrte. „Das jüdische Leben wurde in der Reichspogromnacht total zerstört“, mahnte Andries. Sie betonte, dass man nicht schweigen wolle, sondern ein Zeichen gegen Antisemitismus und Judenhass setzen will. Sechs Millionen Juden seien während der Nazizeit ermordet worden. Mit der Veranstaltung am Montagabend wolle man eine Brücke vom dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte in die Gegenwart schlagen.

Angriff der Hamas

Andries betonte, dass der Angriff der Hamas auf Israel gezeigt habe, dass Antisemitismus noch kein Ende gefunden habe. Doch mit der Rückkehr einiger Geiseln und der Übergabe der Getöteten gehe eine Phase der Hoffnungslosigkeit zu Ende. Dennoch fordere man die Rückführung aller Leichen. Damals habe sich die Fratze des Judenhasses gezeigt – wegsehen sei keine Option. „Schweigen ist ein Alarmsignal“, erklärte Andries. Antisemitismus lebe auch vom Schweigen der Mehrheit. Jüdische Menschen lebten heute in einer Zeit, in der sie Angst haben müssen, ihr Gesicht zu zeigen. Sie sagte, dass die Welt bedroht werde, „von Menschen, die das Böse zulassen“. Mit der Veranstaltung wolle man den Blick in die Vergangenheit wagen, aber auch der Gegenwart den Spiegel vorhalten. Der Schweigemarsch sei Ausrufezeichen und Ausdruck einer Haltung – er stehe nicht zuletzt für Solidarität.

Anna Rager (links) singt mehrere jüdische Lieder. Foto: Angela Baum

Jüdische Lieder

Anna Rager sang mehrere jüdische Lieder, die sehr berührend waren, ob ihrer traurigen, melancholischen Melodie. David Reiner legte an der jüdischen Synagoge drei weiße Rosen nieder. Zudem berichtete er aus seiner Familiengeschichte – seine Urgroßväter waren etwa in NS-Verbrechen und in die NS-Zeit verstrickt. Tänzer der Tübinger Tanzgruppe „YC Dance“ zeigten Ausdruckstänze, die der Veranstaltung einen eindrucksvollen Rahmen gaben.