Scheues Wesen, große Augen, das Fell rostbraun bis schwarz, die Beine mit Zebrastreifen. Das Okapi Lumara im schattigen Außengehege der Wilhelma, wenige Tage vor dem Abschied. Foto: David Sahay

Wie gelingt Zoos die Zucht von seltenen Arten? Durch ein europaweites Tauschprogramm, das festlegt, welche Tiere am besten zusammenpassen. Eine Okapi-Kuh aus der Wilhelma soll jetzt mit einem irischen Okapi-Bullen eine Familie gründen.

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Stuttgart - An einem Tag im Mai war er einfach da: ein hölzerner Anbau am Stall, drei Schritte lang, drei Schritte breit. Mit Schlitzen, durch die man das Treiben im Außengehege des Giraffenhauses im Stuttgarter Zoo gut beobachten konnte. In der Box hing täglich ein Korb mit frischen Blättern und Knospen. Die braune Kiste, die sich so nahtlos an den gewohnten Stall fügte, muss der Okapi-Dame Lumara vorgekommen sein wie ein Geschenk.

Als sie kurz vor Pfingsten ein letztes Mal in den Kasten trottete, ahnte sie nicht, was ihr bevorstand: Die Transportbox sah zu Unrecht unverdächtig aus. Denn mit ihr begann der Umzug in den Zoo von Dublin, 1500 Kilometer von der Heimat entfernt.

Fast jeden zweiten Tag werden Tiere aus der Wilhelma in Zoos auf der ganzen Welt gebracht. Genauso oft kommen Tiertransporte aus anderen Zoos hier an. Wann welches Tier wohin geht, bestimmen die Zoos kaum mehr selbst. Auch Lumaras Weg ­wurde vor langer Zeit woanders festgelegt.

Wie alle Okapis sieht die Kuh aus wie eine Mischung aus bekannteren Tieren: Sie hat die Höhe eines Pferds mit einem langen Hals. Ihr Fell ist rostbraun, fast schwarz, bis auf die Beine. Da erinnern die schwarz-weißen Streifen an ein Zebra. Große Augen lassen die Tiere ständig aufgeschreckt wirken, und meistens sind sie das auch. Weil Okapis sehr scheu sind, wurden sie trotz ihrer ­Größe erst 1901 im Kongo entdeckt.

Seitdem bemühen sich Zoos in aller Welt, die ungewöhnlichen Tiere zu zeigen. In der freien Wildbahn werden sie immer seltener. Seit einigen Jahren bewertet die Weltnaturschutzunion die Art als stark vom Aussterben bedroht, weil ihr ohnehin winziger Lebensraum im zentralafrikanischen Regenwald weiter schrumpft. Die Menschen dort jagen die Tiere wegen ihres Fleisches und ihrer Haut.

In der Wilhelma leben fünf Okapis

In der Wilhelma findet man fünf von europaweit rund 60 Okapis. Sie wohnen im Giraffenhaus. Der Tierpfleger Gerd Lorenz sorgt für sie. Zwei Tage vor Lumaras Abreise steht der 57-Jährige neben ihr im Stall. Drinnen mischt sich der Geruch von nas­sem Gras mit Schweiß. Von draußen hört man, wie das laute Krähen eines Pfaus zwitschernde Rotkehlchen verstummen lässt. Lumara lässt sich nicht von jedem Pfleger anfassen, aber Lorenz vertraut sie. Er ist klein, kräftig und strahlt eine Gelassenheit aus, die auf das Geschöpf überzugehen scheint. „Es muss halt weitergehen“, sagt Lorenz und fährt mit den Fingern über Lumaras glänzendes Fell. „Wenn sie nicht ­umzieht, würde es nicht weitergehen.“

Dass er nun eines der Tiere abgeben muss, die er täglich füttert, putzt und streichelt, bringt ihn nicht aus der Fassung. Seit 1975 arbeitet er in der Wilhelma, seit 20 Jahren im Giraffenhaus. Das Kommen und Gehen war schon Normalität, bevor er als Tierpfleger in der Wilhelma anfing.

Heute gibt es nur noch wenige, die dabei waren, als alles begann. Der ehemalige Direktor des Kölner Zoos, Gunther Nogge, gehört dazu. „In den 60er Jahren beschloss der Dachverband der Zoos in aller Welt, auf Wildfänge besonders bedrohter Arten zu verzichten“, erzählt der 75-Jährige. Schon lange Zeit hätten die Menschen die Lebensräumen von Nashörnern, Gorillas oder Okapis bedrohlich beschnitten.

Der Lebensraum von Lumara ist seit je der Stuttgarter Zoo. Hier wurde sie vor zwei Jahren als Kalb eines Baseler Bullen und einer Berliner Kuh geboren. Hier ist sie bei ihrem Pfleger Gerd Lorenz aufgewachsen. Im Halbschatten des Außengeheges hat das Aussehen der Okapi-Kuh plötzlich einen Sinn: Wo die Sonne durch die Bäume fällt, ist die helle Schnauze schwer zu erkennen. Ihr Körper bleibt ebenso gut getarnt. Der lange Hals verschafft ihr Zugang zu den Zweigen. Mit einer Zunge lang wie ein Unterarm zieht sie das Grünzeug in den Mund. Gerd Lorenz steht am Rand und bewundert das Tier. Als er sich nähert, trippelt Lumara, Augen und Ohren rückwärtsgerichtet, wieder Richtung Stall.

Wunschzettel für Zoo-Attraktionen

In den 60ern kam man in Zoos allmählich zum Schluss, die Zahl frei lebender Tiere auf der Welt nicht immer weiter zu reduzieren. Bis dahin war es noch üblich, internationalen Tierhändlern einen Wunschzettel in die Hand zu drücken, der dann auf Fang-Safaris abgearbeitet wurde. „Wir wussten, dass wir uns was Neues überlegen mussten, sonst hätten wir bald keine Tiere mehr zum Zeigen gehabt“, sagt Gunther Nogge und verschränkt seine neun Finger. Den rechten Mittelfinger hat ihm ein wild gewordener Schimpanse abgebissen.

Die Direktoren befanden, dass die Tiere, die man bisher aus der Wildnis geholt und in europäische Zoos gesteckt hatte, ausreichen. Dass bei einer organisierten Zucht kein Nachschub aus der Wildnis mehr notwendig wäre. Erst Jahre später wurde das Washingtoner Artenschutzübereinkommen verabschiedet, dass den Handel mit stark bedrohten Arten verbietet.

Um Inzucht zu vermeiden und sicherzustellen, dass die gezüchteten Tiere gesund zur Welt kommen, wurden fortan alle Exemplare einer Art gemeinsam verwaltet. Kuratoren aus ganz Europa führen seither Zuchtbücher, in denen Geschlecht, Standort und Stammbaum aller Tiere einer Art angegeben sind. Ihre Empfehlungen an die Zoos bestimmen, welche Paare zusammengeführt werden. Das Tauschprogramm wurde auf immer mehr Arten ausgeweitet und 1985 als Europäisches Erhaltungszuchtprogramm offiziell vorgestellt.

Gerd Lorenz verbringt den Tag, an dem Lumara die Wilhelma verlässt, zunächst mit Warten. Eigentlich sollte das Tier in den Morgenstunden auf die Reise gehen, doch es ist zu warm. Erst gegen Abend rollt der Transporter auf den Innenhof. Lumara trottet, ohne Verdacht zu schöpfen, in die Kiste zum Futter. Doch dieses Mal schiebt Lorenz eine Rückwand ein, lädt die Box mit einem Gabelstapler, scheppernd, aber sicher, in den Laster. Dann geht’s auf große Reise nach Dublin. Mehr als 20 Stunden.

Feilschen wie auf dem Viehmarkt

Um Tiere zu paaren, die genetisch möglichst weit auseinanderliegen, müssen jährlich Hunderte Tiere umziehen. Bis in die 90er Jahre wurde in aufwendigen Leihverträgen festgehalten, wem das Tier eigentlich gehörte, wie lange es fernbleiben durfte und an wen der Nachwuchs ging. Gunther Nogge erinnert sich noch an den schier unermesslichen Verwaltungsaufwand. „Die Zoodirektoren rechneten sich gegenseitig vor, was die Tiere wert sein mussten.“ Da wurde gefeilscht wie auf dem Viehmarkt – mit Anschaffungspreis, Alter, Geschlecht, Zuchtfähigkeit.

Der Direktor des Tierparks in Rotterdam, Dick van Dam, war es, der eine ganze Generation von Zoodirektoren zum Umdenken animierte. Damals wurde Gunther Nogges erstes großes Bauprojekt als Direktor des Kölner Zoos fertig: ein Menschenaffenhaus. Doch ein Gorilla-Männchen fehlte noch für die Zucht.

Eines Tages stand van Dam mit einem Gorilla auf dem Arm vor Nogges Büro. Als der ihn nach dem Preis fragte, war van Dam fast beleidigt. „Tiere waren für ihn keine Handelsware, sondern Leihgaben der Natur“, erinnert sich Nogge. „Diese Haltung hat sich glücklicherweise durchgesetzt.“

Nach und nach wurden auch andere Zoodirektoren von diesem Verhalten inspiriert. Statt ihre Tiere zu kaufen und zu verkaufen, wurden sie getauscht. Heute sprechen die Direktoren von Leihgaben auf unbestimmte Zeit. Wer ein Exemplar abgibt, erwartet dafür keine Gegenleistung. Jeder tut, was für die Art am besten scheint. Seltene Geschöpfe wie Okapis sind damit auf dem Papier wertlos. Oder unbezahlbar.

Shomari, der Okapi-Bulle aus Manchester

„Heute versteht man die Tiere vor allem als Botschafter für den Artenschutz“, sagt Gunther Nogge. Zoos versuchen mit ihren Einnahmen deshalb auch Projekte zu finanzieren, die den verbleibenden Tieren in der Natur helfen. Vor fünf Jahren wurde etwa die Okapi-Station im Regenwald des Kongo von Rebellen angegriffen und durch ein Feuer zerstört. Der Zuchtkoordinator für Okapis, ein Belgier, sorgte für Unterstützung aus der ganzen Welt, um die Station wiederaufbauen zu können.

Die Stuttgarter Wilhelma unterstützt unter anderem den Schutz von Gorillas im Kongo, Nashörnern in Indonesien und Grevy-Zebras in Kenia. Von hier aus betreuen Kuratoren heute die Zuchtbücher für die Mangshan-Viper, das Bilby und die Ägyptische Landschildkröte. Man ist bestens vernetzt mit Zoos auf der ganzen Welt.

Eine Woche nachdem Lumara in Dublin aus der Kiste in ihre neue Heimat entlassen wird, steigt der Okapi-Bulle Shomari in einem Vorort von Manchester in eine braune Transportbox. 1250 Kilometer später zieht ein Pfleger die Rückwand der Kiste weg. Im Stall ruft Gerd Lorenz aus einer Ecke: „Welcome in Germany!“

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