Auch Mercedes ist noch mit Russland verbunden. Foto: imago/SNA/imago/Evgeny Odinokov

Die Unternehmen wollen ihre Russland-Strategie am liebsten nicht in der deutschen Öffentlichkeit diskutieren. Kritische Fragen sind aber angebracht, meint Matthias Schiermeyer.

Wenn es um ihre Geschäftsaktivitäten in Russland geht, werden Unternehmen schnell wortkarg. Kaum ein Management lässt sich da gerne in die Karten schauen. Die Zeit nach Kriegsausbruch in der Ukraine hat sie übervorsichtig gemacht – vor allem Firmen, deren Produkte so sehr in der Öffentlichkeit stehen wie Autos oder Schokolade.

 

„Quadratisch. Praktisch. Blut.“ – das saß

Der Fall Ritter Sport ist symptomatisch – einen handfesten Shitstorm mussten die Waldenbucher in den sozialen Medien über sich ergehen lassen, befeuert auch vom früheren ukrainischen Botschafter in Deutschland. „Quadratisch. Praktisch. Blut“, verfremdete Andrij Melnyk den Werbeslogan – das saß. Ritter musste das Schlimmste für sein Image befürchten und hielt sich zunächst einmal zurück, um die öffentliche Erregung nicht zu befördern. So wie sich der Schokoladenproduzent herauszuwinden versuchte, machten es viele Unternehmen, deren Wohlergehen vom russischen Markt abhängt. Den totalen Bruch haben eher wenige vorgenommen.

Nun gibt es Manager, die das Problem aussitzen wollen – und Unternehmen, die dem russischen Markt auf Dauer keine Chancen mehr geben und gerne bald abziehen würden, ohne aber Totalverluste zu erleiden oder die Belegschaften vor Ort radikal im Stich zu lassen. So gilt es, die Lage differenziert zu betrachten: Mit einem Staat, der von einem menschenverachtenden Diktator beherrscht wird, macht man möglichst wenig Geschäfte. Doch Moskau erschwert permanent die Bedingungen für einen Abschied, auch mit höchst unfairen Mitteln. In zentralen Fällen wie etwa Bankenbeteiligungen geht offenbar nichts ohne Zustimmung von Präsident Putin. Dass in dieser nebulösen Gemengelage die Russland-Strategie der deutschen Unternehmen auch hierzulande hinterfragt wird, sollte diese nicht wundern. Besser als abzutauchen wäre es daher, sich der Diskussion offen zu stellen.