Manches Tier nahm die Schur gelassen hin, andere hingegen spuckten die Frisuere missbilligend an. Foto: Decoux-Kone

Alpakas in Ettenheimweiler werden für den Sommer geschoren.

Ettenheimweiler - Zum Sommer muss die Wolle weg. Nicht nur Menschen schätzen bei hohen Temperaturen einen kurzen Haarschnitt, sondern auch die Alpakas. Die elf Tiere des Ettenheimweilerer Hofs Alpa-Waki hatten deshalb einen Friseurtermin.

Nein, einen tagesaktuellen Corona-Schnelltest mussten sie für diesen Friseurtermin dort oben auf dem Weilermer Kreuzbuck nicht vorlegen – zumal sie sich auch nicht die Augenbrauen zupfen lassen wollten. Aber die Alpakas teilten das Bedürfnis, ihre "Wolle" endlich loszuwerden mit so vielen von uns Menschenkindern, für die die Schere des Friseurs oftmals während der Pandemie-Zeiten in der Kiste liegen bleiben musste.

Es war also ein besonderer Tag – ob für Frau Antje, Alma, Clara, Brunhilde, Amigo oder Keks, ob für Molly, Scarlett, Stella, Lotte, Napoleon oder wie sie alle heißen; und es war auch ein besonderer Tag für das Ehepaar Petsch, dem die elf Alpakas und sechs Lamas gehören, die auf der Anhöhe über Ettenheims Weiler auf Alpa-Waki ihre neue Heimat gefunden haben.

Neue Frisur und Maniküre

Heike Petsch hat den Friseurbesuch fest terminiert, kam aber kurz ins Rotieren, als ihr der gewohnte Friseur kurz zuvor absagte. Ersatz fand sich dann aber doch noch, und zwar im nördlichen Teil des Bundeslands. Das Fell der ursprünglich aus den südamerikanischen Anden stammenden Paarhufer wird zu Beginn des Sommers zur Hitzebelastung. Zudem muss das Fell rechtzeitig bis zum Einbruch der kühleren Monate im Herbst wieder nachwachsen können.

Für den Außenstehenden mag die Vorgehensweise beim Scheren brutal wirken. Die Alpakas und Lamas werden nach und nach aus dem Stall geholt, wo sie sich morgens freiwillig versammelt hatten. Michael Petsch und "Friseur" Rafael hieven die einen Zentner und mehr wiegenden Tiere auf einen körperlangen Tisch. Das Helferteam bindet die vier Beine auf Höhe der Hufe fest und drückt den Kopf des Tieres gleichermaßen entschlossen wie liebevoll auf die Tischplatte. Nun kann der Scherer mit seiner breiten Schermaschine die Wolle vom Tierkörper lösen. Eindrucksvoll, mit welcher Routine und Geschwindigkeit er das macht. Kaum kommt die Helferin Siggi, (sie ist Alpaka Brunhildes Patin) nach. Sie hat es übernommen, die Wolle in gesonderte Säcke zu füllen. In Bauch- und Rückenbereich ist sie am wertvollsten. Zudem: je jünger das Tier, umso begehrter die Wolle.

Interessiert schauen die Artgenossen des eben Gestutzten aus dem Stall zu; ebenso die Nandus von einer höheren Geländeterrasse und die Herdenschutzhunde, von denen man aber keinen Mucks hört. Aha: eine Maniküre gibt es gleich auch noch dazu. Michael Petsch schneidet, während der Friseur zu Gange ist, jedem Tier gleich noch die Nägel. So ruhig liegen die Tiere ja sonst selten.

Manche sind wagemutig, andere sind scheu oder spucken den Friseur an

Um den Mut der Tiere ist es ebenso bestellt wie um den der Kinder beim Friseur – die einen tapfer, andere ängstlicher. Luca zum Beispiel unterzieht sich ganz gelassen der Prozedur, wagt sich als erster auf den Friseurtisch. Frau Antje dagegen scheint zuerst in Schockstarre – und was Alma von der ganzen Sache hält, zeigt ihr Spucken. Grünliches Nass tropft vom Arm der Assistentin Marion. Alpakas ernähren sich halt fast ausschließlich von Gräsern. Aus welchem Teil des dreiteiligen Magens ihre verdaute Pflanzennahrung kommt, die sie da ausspuckt: keine Ahnung.

Nach getaner Tat trotten die geschorenen Tiere, denen der Scherer noch lustige individuelle Kopf- und Schwanzfrisuren verabreicht, von dannen – die einen hinauf auf die Weide, andere zurück zu der noch ungeschorenen Meute im Stall. Am Ende ziert den "Friseursalon" auf dem Kreuzbuck eine Vielzahl von Säcken, in denen jeweils die Wolle der einzelnen Tiere auf die nun weitere Verarbeitung wartet. Sie ist wertvoll. Ihre Faser ist eine weiche, seidig-glänzende Naturfaser und hat einen vergleichsweise geringen Fettgehalt.

"Bettdecken, Kopfkissen, Schlafsackfüllung, Garn zum Stricken", zählt Heike Petsch einige der Verwendungsmöglichkeiten auf. Die minderwertigeren kleinen Büschel, die beim Scheren zwangsläufig auch anfallen, kann man beispielsweise zum Filzen verwenden.

So kamen die Alpakas zum Hof

Vier der Alpakas nennen den Kreuzbuck bereits seit 2009 ihr Zuhause. Ihre Mitbewohner kamen im Laufe der Jahre aus dem Mundenhof, dem Karlsruher Zoo, der Eifel, dem Lahrer Stadtpark oder von andernorts dazu – und Cornflake, Popcorn und Lotte sind auf Alpa-WaKi zur Welt gekommen. Dass sich die größeren Lamas mit den kleineren Alpakas so gut verstehen, ist so verwunderlich nicht. Beide zählen zur Art der Kamele, beide gelten als friedliche Herdentiere. Da sind dann auch die vier Herdenhunde Ben, Bella, Aimée und Babe genau richtig am Platz. Sie schlagen zwar bei jedem Fremden beschützend-tüchtig an, geben aber auch schnell wieder Ruhe, wenn sie merken, dass man da oben niemandem etwas will. Den Lamas nichts, den Alpakas nichts, den Nandus nichts, den Seidenhühnern nichts.

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