Wolfram Holzner in seinem Wohnzimmer. An der Wand hat er viele Fotos von seiner Familie aufgehängt. Foto: Andreas Reiner/

Wolfram Blasius Holzner war ein Gewalttäter und Extrem-Alkoholiker. Sieben Jahre saß er hinter Gitter. Heute ist er ein anderer Mensch.

Bopfingen - Nach dem Aufstehen macht er als Erstes einen Kaffee mit sechs Stück Würfelzucker. Frühstücken hat er sich im Knast abgewöhnt, morgens um sechs kann ein Mensch doch nichts essen.

 

Nach dem Duschen hält er ein Schwätzchen mit Helga, seinem Wellensittich. Dann macht er die Haustür auf, irgendjemand kommt jetzt im Sommer immer vorbei. Nachmittags besucht er seine Mutter und seinen Bruder, die wohnen nicht weit weg. Dann holt er sich ein Essen vom Metzger Mayer – Schweinebraten oder Schaschlikspieß. Abends geht er noch eine halbe Stunde spazieren, an dem alten Haus vorbei, wo früher das Löwenstüble war und ihm einer mal einen Revolver in den Mund steckte. Dann Richtung Schule, die Treppen hoch. Immer die gleiche Runde. Ein ruhiges Leben.

Hier im Bopfinger Stadtteil Schlossberg ist er aufgewachsen. Hier ging er zur Schule, „aber nicht so oft“. Hier trank er als 13-Jähriger schon zwei Dosen Bier am Tag, mit 18 fast einen ganzen Kasten. Irgendwann wachte er morgens mit Bauchweh auf. Ein Glas Whisky linderte den Schmerz. Von da an startete mit Jim Beam in den Tag. Am Ende seines Säuferlebens brauchte er drei Flaschen täglich, manchmal war schon die vierte offen. In der Klinik stellte man mal 3,6 Promille fest.

Die Narbe von einer Rasiermesser-Attacke

Wolfram Blasius Holzner, den alle nur „Blase“ nennen, ist mit seinen 49 Jahren Frührentner. Ein 1,88-Meter-Hüne, blaue Augen und Hände groß wie eine Holsteiner Schaufel. Sein Handy meldet sich mit „Eine weiße Rose“ von den Kastelruther Spatzen. Er hat eine Narbe unter dem Kinn, da hielt ihm mal einer ein Rasiermesser hin, „und dann ist der eiskalt drübergefahren“. Ein halbes Jahr später schlug Blase zurück. Man sieht sich immer zweimal. Es endete vor Gericht.

Er trägt eine lange Goldkette von seinem Vater. Daran hängt ein Kreuz, das nicht nur Dekoration ist, wie Blase sagt. Er hat einen Sensenmann tätowiert. Die Rose auf dem Unterarm ist nicht gut geworden. Ein gescheiterter Knastversuch mit einem zur Tattoomaschine umgebauten Elektrorasierer.

Bei Blase herrschte rohe Gewalt

Bei Blase herrschte die rohe Gewalt. Sein Kumpel Michael, der an diesem Vormittag vorbeischaut, erinnert sich noch an ein Fußballspiel, C-Klasse. Blase wurde eingewechselt. „Er hatte sich zehn Minuten warm gemacht, kam aufs Feld und war nach einer Minute wieder draußen. Rote Karte wegen Blutgrätsche.“

In seiner Clique galt Blase als Aufräumer. Wenn ein Kumpel blöd angemacht worden war, reichte ein Wort zu Blase, und der Kerl war platt. Betrat Blase ein Bierzelt, dauert es nicht lange, bis ein Martinshorn ertönte und der Sanka vorfuhr. Da war so eine Wut in ihm. So brachial, wie er in einem Musikgeschäft mit der Faust die Kasse aufbrach, so schlug er auch auf Leute ein. „Wenn mir früher länger einer so in die Augen geschaut hätte wie du jetzt“, sagt er zu dem Reporter, „dann hätte ich schon gespürt, wie es in mir kribbelt, und dann hätte ich dir eine zentriert.“

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Woher kam die Wut? Er hat oft darüber nachgedacht, aber keine gute Antwort gefunden. Es lag wohl auch am Alkohol. Aber damals konnte er das kaum einschätzen. Dazu hätte er ja erst mal wissen müssen, wie er sich selbst anfühlt ohne Alkohol.

Dabei wurde Blase in einem liebevollen Elternhaus groß. Die Geschwister hatten nie was mit der Polizei zu tun. Die Eltern redeten oft auf ihn ein: „Wolfram, was machst du denn?“ Sie hielten immer zu ihn, besuchten ihn im Gefängnis, versäumten keine Stunde. Seine Mutter betet seit Ewigkeiten abends für ihn. Die Gebete blieben nicht unerhört.

Schwip Schwap statt Whisky

Heute hat Blase 250 Euro zum Leben, die Miete und sämtliche laufenden Kosten abgezogen. Er wohnt auf 30 Quadratmeter. Im Keller die Dusche. Die Zeichen der Sternsinger über der Eingangstür. Parfümflaschen von Joop, Armani und seinem Lieblingsduft Bruno Banani im Wohnzimmerregal. Daneben Nivea-Körpermilch gegen seine Schuppenflechte. Eine Urkunde vom Motorsägenkurs. Auf dem gefliesten Couchtisch das Zubehör für Fernsehabende: Zigaretten, die Tablettenbox, die TV-Zeitschrift, Bayern-München-Bierdeckel, Bayern-Kekse, Bayern-Aschenbecher, ein paar Dosen Schwip Schwap. Die kauft er gleich in Zehnerpaletten ein. Was ihm früher der Whisky war, ist ihm jetzt das Schwip Schwap. „Vor allem abends krieg ich immer so einen Brand. Dann trink ich eine Dose nach der anderen.“

Er schaut gern Krimis, Actionfilme, Gerichtssendungen. „Aktenzeichen XY“ verpasst er nie. Das ist seine Welt. Er hat mehr als 30 Vorstrafen auf dem Kerbholz. Vor allem schwere Körperverletzung, auch Raub, Erpressung, Diebstahl. Bei einem Prozess im Ellwanger Landgericht fuhr der Gerichtsdiener drei Wägelchen in den Sitzungssaal, voll beladen mit Blases Akten. Allein zwei Verhandlungstage vergingen, bis der Richter die Vorstrafen verlesen hatte. Blase war viermal im Knast, sieben Jahre insgesamt: Adelsheim, Stammheim, Moosbach, Heidenheim, Heimsheim – „der brutalste, ekelhafteste Knast von allen“. Zur Bestattung seines Vaters durfte er raus und am Grab ausnahmsweise die Handschellen abnehmen.

Der erste Tag im Gefängnis

An seinem allerersten Knasttag landete gleich ein Zettel in seiner Zelle. Darauf ein deutlicher Hinweis, an wen er künftig Schutzgeld zu zahlen hat. Blase kapierte nicht, ging zu dem Absender und gab ihm den Zettel zurück. Beim Hofgang am nächsten Tag kam der Typ bereits mit entschlossener Miene auf ihn zu. Aber Blase hatte sich in der freien Wildbahn längst angewöhnt, nicht erst groß rumzudiskutieren, und gab ihm „gleich eine aufs Hirn“. Das regelte einiges. Von nun an war Blase das Knastoberhaupt. Und so etablierte sich das auch in den anderen Gefängnissen. „Meistens genügte ein einziger Schlag.“

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„Ich habe Menschen so arg verletzt, dafür schäme ich mich heute“, sagt Blase. Einmal schlug er einem ein Weizenglas ins Gesicht. Er begegnet dem Mann manchmal im Ort. Jedes Mal sieht er auf die Narben, die er hinterlassen hat. Man grüßt sich, es ist ja schon so lange her, aber dann guckt der Mann immer gleich weg und zieht seine Frau fest in den Arm, als müsse er sie beschützen. „Das tut mir selber weh“, sagt Blase.

Er bekam keinen Job mehr

Auf dem Fenstersims steht eine Madonna aus Plastik. Blase hat sie mal vor dem Sperrmüll gerettet. „So was wirft man nicht weg.“ Ein Foto zeigt ihn mit einem Riesen-Zander, er angelt gerne. Er hat eine ganze Fotowand mit sämtlichen Familienmitgliedern. Sie waren fünf Geschwister, ein Bruder ist schon gestorben. Die beiden Schwestern leben eine halbe Autostunde entfernt. Blase ist zehnfacher Onkel. „Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann soll meine Familie noch lange gesund bleiben.“

Gelernt hat er nichts, einen Traumberuf hat er nie gehabt. Lange schaffte er in der Bopfinger Lederfabrik, später auf dem Bau bei einer Firma in Donauwörth. Aber so viele Gefängnisjahre sind nicht gut für das berufliche Fortkommen. Er bekam keinen Job mehr. „Verheimlichen wollte ich meine Knastzeit aber nicht, es wär ja doch rausgekommen.“

Einmal streckte er zwei junge Russen nieder, die ihm die Zigarettenschachtel aus der Hand gerissen hatten. Dann kamen ein Dutzend ihrer Freunde dazu. „Anfangs mischte ich die noch auf, aber es waren einfach zu viel“, sagt er. Irgendwann wurde es ihm dunkel vor Augen. Und dann kam er auf dem Boden liegend wieder zu sich, konnte aber nicht mehr aufstehen. Einige Jahre ist das schon her, aber die Wunde am Bein verheilt nicht mehr. Er muss sie jeden Tag mehrmals reinigen, „sonst fängt sie an zu stinken“.

Nach der Schlägerei wurde er zum Frührentner. Manchmal seien seine Tage schon ein bisschen langweilig, sagt Blase. Manchmal wünscht er sich auch wieder eine Partnerin. Aber dann ist da auch die Angst, dass es in die Brüche gehen und ihn das zu sehr treffen würde. Auch die Angst, dass sie ihn betrügen könnte und er dem Mann dann vielleicht was antut.

Das Wunder passierte vor vier Jahren

Vor vier Jahren passierte das Wunder, wie Blase heute sagt. Seine Mutter machte sich Sorgen, weil er den ganzen Tag nicht vorbeigeschaut und auch nicht angerufen hatte. Der Bruder fand ihn schließlich auf der Couch. Vier Tage lag Blase im Koma. Die Ärzte meinten, man müsse sich auf alles einstellen. Doch er kämpfte sich zurück ins Leben. Was für ein Glück er hatte. „Der Chefarzt meinte: ,Herr Holzner, Sie bringen mit Ihrer Art hier jeden zum Lachen, Sie haben die ganze Station im Griff. Machen Sie noch was aus Ihrem Leben. Hören Sie auf mit dem Trinken. Sonst sind Sie tot.“ Blase ging nicht in die Entzugsklinik an den Bodensee. Er entzog daheim. Warf den ganzen Schnaps raus und ließ keinen Besucher mehr mit Alkohol rein.

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Da muss man erst mal aushalten, wenn einen die Wucht der nüchternen Welt trifft wie ein nasses Handtuch. Seit Jahrzehnten war er nicht mehr klar gewesen. Anfangs tat der ganze Körper weh. „Ich hab oft gedacht, ein Bierle wär jetzt gut. Aber im gleichem Moment dachte ich, wie das Spiel ausgehen kann.“ Auf seine Willenskraft ist Blase ein bisschen stolz. Und auf Freunde wie Michael, der in Bopfingen eine Kampfsportschule leitet und ihm besonders zur Seite stand.

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„Heute ist es schon so weit, dass ich würgen muss, wenn ich bei anderen einen Alkoholfahne rieche“, sagt Blase. Auf Zeltfeste geht er nicht mehr. Das muss er nicht haben. Und wer weiß, in was er reinkommen könnte. Wer noch was offen hat mit ihm.

Seine Wut ist fast weg. Nur wenn einer was steif und fest behauptet, obwohl Blase genau weiß, es stimmt nicht – das regt ihn auf. Dann sucht er das Weite. Solche Leute soll man meiden. Dann lieber Helga.

Blase und Helga, sein Wellensittich

An einem Abend saß Blase auf der Couch und dachte: Irgendwas fehlt. Er rief seine Schwester an: „Woisch mir koin Vogel?“ – „Wie kommsch jetzt du auf an Vogel?“ Blase mag Tiere, früher hatte er mal einen Hasen, einen Hund, eine Schildkröte. Einmal fand er ein totes Rehkitz auf der Straße, er legte es in den Graben und rief den Förster. Monate später ein Anruf: Der Waidmann hatte das Kitz für ihn ausstopfen lassen. Jetzt steht es über Blases Fernseher.

Seit zwei Jahren hat Blase den Wellensittich Helga, benannt nach seiner Mutter. In einer Plastikbox bewahrt er ihr Futter auf. Manchmal gibt es einen Hirsekolben extra oder einen Stick mit Honig als Leckerle. Blase hat ein paar trockene Äste gesammelt und sie Helga als zusätzliche Turninstrumente in die Käfigwelt geklemmt.

Einmal fiel sie in Ohnmacht. Als er das Fenster öffnete, kam sie wieder zu sich. Seitdem achtet er peinlich darauf, dass der Raum gut gelüftet ist. Abends schauen sie Fernsehen. Wenn er ins Bett geht, sagt er: „Jetzt wird gschlofa. Dann dreht sie so ihren Kopf und guckt mich so an.“ Wenn er morgens aufsteht, pfeift sie, als wollte sie ihn begrüßen. Manchmal schaut er ihr zu, wie sie ihre Flügel putzt. Manchmal erzählt er ihr von sich, und sie erzählt ihm von sich. Ohne dieses Wesen im Wohnzimmereck, ohne ihr Pfeifen, die Blicke aus den tiefschwarzen Augen wäre sein Leben leerer, sagt er. „Ich will es mir gar nicht vorstellen.“