Weinreben, Olivenbäume, eine hoch gewachsene Zypresse – und über allem schwärmen die paradiesisch bunten Bienenfresser. Der Chirurg Gary Weiand hat sein OP-Besteck an den Nagel gehängt und sich oberhalb von Ihringen eine kleine mediterrane Enklave geschaffen.
Lange bevor sie zu sehen sind, ist schon ihr fremdartiger Ruf zu hören. Dann plötzlich tauchen die farbenprächtigen Vögel im rasanten Sturzflug hinter einer Kuppe auf, um im nächsten Moment wieder steil nach oben über die terrassenförmig angelegten Rebhänge zu jagen. Es ist für sie angerichtet: Irgendwo zwischen den Bäumen im Tal zeugt ein durchdringend und tieftönendes Summen von der Anwesenheit eines gewaltigen Bienenschwarms.
Bienenfresser, mit den Eisvögeln verwandt, sind betörend schöne Geschöpfe aus den Tropen. Nach der Flurbereinigung in den 1960er Jahren galten die bunten Vögel am Kaiserstuhl als ausgestorben. Heute brüten wieder mehr als 1200 Paare am südlichen Oberrhein, wo der orange-gelb-türkisfarbene Paradiesvogel inzwischen so etwas wie eine Touristenattraktion ist.
Gary Weiand schaut blinzelnd in den blauen Maihimmel. „Die Bienenfresser sind seit Dienstag wieder zurück.“ In seinem Weinberg hat Weiand an einigen Stellen den Hang abgestochen, damit die Vögel in den lockeren Lösswänden ihre Nisthöhlen anlegen können. Auch Kuckuck und Wiedehopf seien in den vergangenen zwei Wochen am Kaiserstuhl eingetroffen, erzählt er. Wenn der 60-Jährige über sein Stück Land und die Natur um ihn herum spricht, strahlt er eine große Zufriedenheit aus.
Milch gegen den Mehltau
Der Freiburger hat vor fünf Jahren seinen Beruf als Chirurg an den Nagel gehängt und sich stattdessen dem Weinbau verschrieben. 50 Ar Rebflächen bewirtschaftet er seitdem auf einigen Terrassen oberhalb von Ihringen am Kaiserstuhl. „Minimalinvasiv“, verkündet er lächelnd. Burgundersorten und Silvaner gedeihen in seinem Weinberg. Die Arbeit bewältigt er allein und ausschließlich von Hand. Nicht weil er muss, sondern weil er es will.
„Ich lass der Natur hier viel Raum und viel Ruhe“, sagt Weiand. Den echten Mehltau an den Trauben behandelt er mit Milch, den falschen Mehltau, der problematischer sei, mit Kräuterextrakten. „Das klappt ganz gut.“ Aus seinen durch Halbierung stark reduzierten Trauben gewinnt Weiand im Jahr rund 1200 Liter extraktreichen Wein. Demnächst soll der professionelle Vertrieb anlaufen.
So wichtig wie der Ertrag ist Gary Weiand die ästhetische Anmutung seines Weinbergs. Mehr als einmal nimmt er an diesem sonnigen Nachmittag das Wort „Schönheit“ in den Mund, wenn er beschreibt, was ihn antreibt. Und so sei er auch, wie er erzählt, vor einigen Jahren auf die Idee verfallen, auf einigen seiner Terrassen und in der Senke des Tals neben seinen Reben Olivenbäume anzupflanzen. Ein Olivenhain am Kaiserstuhl, die Klimaerwärmung macht’s möglich.
Manche der Olivenbäume sind mehr als 200 Jahre alt
Weinreben, Olivenbäume, eine hochgewachsene Zypresse, und über allem schwärmen die paradiesisch bunten Bienenfresser: Über dem Rheintal ließ Gary Weiand eine kleine mediterrane Enklave entstehen. „Wir haben in Ihringen inzwischen jährlich 2600 Sonnenstunden“, sagt er. 2500 Stunden brauchen Olivenbäume mindestens, damit sie erntefähige Früchte ausbilden. Seine 78 Olivenbäume der Sorten Arbequina und Picual hat Gary Weiand aus Andalusien kommen lassen. Zwei Lkw-Ladungen vom Großhändler.
Die Bäume sind nicht jung, sondern ausgewachsen. Zwischen 80 und 100 Jahre alt, ein paar sogar mehr als 200 Jahre. Hätte er junge Bäume angepflanzt, würde er sie ausgewachsen selbst nicht mehr erleben. Auch deshalb hatte sich Weiand auf die Suche nach alten Exemplaren gemacht.
Die beiden Olivenbaumsorten, die er für seinen Hain ausgewählt hat, sind relativ kältetolerant, sollen Temperaturen bis minus zwölf Grad aushalten. „In diesem Winter hatten wir in drei Nächten minus 9,5 Grad. Das haben sie gut überstanden“, sagt er. Um die aus dem warmen Spanien stammenden Bäume vor dem badischen Frost zu schützen, hatte er sie anfänglich im Winter in eine Hülle aus Leinentuch gepackt. Das sei aber jetzt, nach vier Jahren, nicht mehr nötig.
Hin und wieder zupft Weiand beim Gang durch die Baumreihen vereinzelte pilzbefallene Blätter von den Ästen. Die Bäume seien aber kerngesund, betont er. Spritzmittel seien unnötig – insbesondere Kupfer, das in den Plantagen der ausländischen Spitzenöle ausgebracht wird. „Ich beschränke mich auf den Baumschnitt im Frühjahr. Der Arbeitsaufwand im Olivenanbau ist im Vergleich zum Weinbau sehr überschaubar.“
Temperatur-Schwankungen von bis zu 20 Grad
Auch wenn die knorrigen Olivenbäume aus dem heißen Andalusien kommen, am Kaiserstuhl hatten sie in den vergangenen drei Jahren auch mit Trockenheit zu kämpfen. In mehreren Zisternen im Weinberg hält Weiand zu diesem Zweck Wasser vor. Und auch die enormen Temperaturschwankungen von bis zu 20 Grad, die im Frühling mit der immer früher einsetzenden Wärme auftreten, setzen den Ölbäumen zu.
„Dass die Bäume selbst im Winter Wasser brauchen, habe ich nicht erwartet“, sagt Gary Weiand. Diese anfänglichen Schwierigkeiten seien vermutlich darauf zurückzuführen gewesen, dass die Olivenbäume noch nicht ausreichend gewurzelt hatten.
Seine Kenntnisse des Wein- und Olivenanbaus hat er sich im Wesentlichen angelesen. „Ohne das Internet hätte ich keine Chance gehabt, das alles zu lernen“, sagt er. Ein wesentlicher Vorteil der autodidaktischen Herangehensweise: Von vornherein habe er ganz selektiv solche Informationen herausgefiltert, die mit seinen Vorstellungen einer biologischen Landwirtschaft in Einklang stehen. „Ich will vor allem Freude an der Sache haben“, betont er.
Der mächtige Bienenschwarm, der die ganze Zeit unsichtbar bleibt, bildet mit seinem tieftönenden Summen an diesem flirrend heißen Mainachmittag die akustische Kulisse im Weinberg. Gary Weiand freut sich über den Besuch der Insekten. Seit die alten Olivenbäume hier stehen, habe sich die Biodiversität rundherum enorm erhöht, davon ist er fest überzeugt. „Die Insektenvielfalt hat massiv zugenommen. Und auch Eidechsen gibt es jetzt in großen Mengen.“ Die Natur sei förmlich explodiert. „Wenn man sie lässt, holt sie sich alles ganz rasch wieder zurück.“
Die Olivenbäume hält Gary Weiand bewusst niedrig, damit er die Früchte später von Hand ernten kann. Rüttelmaschinen, wie sie in Südeuropa verwendet werden, sollen und können bei ihm nicht zum Einsatz kommen. Und natürlich will er seine Oliven auch nicht maschinell vom Baum saugen, wie es in den großen Plantagen in Spanien, Portugal oder Italien gängige Praxis ist.
Für die Singvögel Südeuropas bedeutet vor allem diese weitverbreitete nächtliche Ernte mit Saugern eine mitunter tödliche Prozedur. Das bei diesem Verfahren zum Einsatz kommende Scheinwerferlicht versetzt ruhende Vögel nämlich in eine Art Schockstarre: Unfähig wegzufliegen, werden massenhaft Vögel gemeinsam mit den Oliven in die Maschinen gesaugt. Die Ernte bei Nacht, die wegen der niedrigeren Temperaturen ein aromatischeres Olivenöl hervorbringen soll, kam in den letzten Jahren deshalb zunehmend in Verruf.
Gary Weiand hofft, dass seine Bäume bald genug Oliven tragen, um dann eine erste Ernte einzufahren zu können. Im vergangenen November trugen einige Bäume im Ihringer Hain bereits eine stattliche Anzahl an Früchten. Noch nicht genug, um sie zu Öl pressen zu lassen, doch für den Verzehr als Tafeloliven nach entsprechender Behandlung in Salzlake habe es gereicht.
Von bitter-frisch bis süßlich-weich
Die Ölproduktion lohnt sich erst, wenn die 78 Bäume mindestens eine Tonne Oliven tragen. Daraus könnten dann etwa 150 Liter Öl gewonnen werden. Nicht die Welt, aber es wäre das erste Olivenöl vom Kaiserstuhl überhaupt. „Nach vier Jahren sieht es in diesem Jahr wirklich gut aus“, meint Gary Weiand. Die Fruchtstände seien zahlreich angelegt. „Wenn sie nun gut durchblühen und bestäubt werden, ist die Tonne in greifbarer Nähe.“ Eine Mühle, die ihm die Oliven presst, hat er noch nicht gefunden. Gut möglich, dass er dafür bis ins Tessin fahren muss.
Als bitter-frisch und süßlich-weich beschreibt Weiand die Geschmacksnoten seiner beiden Olivensorten. Das Öl, das daraus irgendwann gewonnen werden könnte, soll aus beiden Sorten „assembliert“ werden, damit es einen ausgeglichenen Charakter erhält. „Der aktuelle Hype um die Bitternote beim Olivenöl wird sich auch wieder legen“, ist sich Gary Weiand sicher.
Er blickt zufrieden auf seine Terrassen und auf das Werk, das er in den vergangenen fünf Jahren hier am Kaiserstuhl geschaffen hat. Er habe nie bereut, dass er das Chirurgenbesteck gegen die Reb- und Baumschere eintauschte. Es sei einfach an der Zeit gewesen, mal etwas Neues zu tun.