Ein Linienbus fährt in den Schwenninger Busbahnhof ein. Auch hier verkehren Fahrzeuge der Busflotte eines Unternehmens, gegen das ein Fahrer schwere Vorwürfe erhebt. Foto: Spitz

Ein Busfahrer-Whistleblower beklagt Mängel, Hitze-Höllen und mangelnde Wartung. Sein Arbeitgeber gibt sich erschüttert, die Stadt Villingen-Schwenningen reagiert.

Der Busfahrer schlägt „Sicherheitsalarm“.

 

Per E-Mail listet der Insider eine ganze Litanei angeblicher Missstände in der Busflotte eines Unternehmens auf, das im VS-Stadtverkehr fährt.

Der Mann strahlt, als er vom Berufsleben am Steuer erzählt. Obwohl er das jetzt aufs Spiel setzt.

Leidenschaft am Steuer

Denn er wäre bereit, mit Klarnamen in die Öffentlichkeit zu gehen. Zu seinem Schutz aber nennen wir ihn Michael*. Er spricht von „schwerwiegenden und inakzeptablen“ Problemen – Bussen mit über 700 000 Kilometern auf dem Tacho und Brems-Problemen oder fehlenden und defekten Sicherheitsgurten für Fahrer. „Ich würde mich gerne anschnallen“, zumindest bei Fahrten aus der Stadt raus. Und Michael spricht an, was vielen Fahrern Schweißperlen auf die Stirn treibt: „extreme Klimabedingungen an Bord“ – höllische Hitze, eisige Kälte. Die Folgen für Gesundheit und Konzentration seien erheblich, Beschwerden von Passagieren häufig.

Unternehmen antwortet

Damit konfrontiert, zeigt sich die Geschäftsführung „zutiefst erschüttert“. Die Sicherheit der Fahrzeuge habe „oberste Priorität“ heißt es, Busse würden lückenlos kontrolliert durch unabhängige Prüfstellen wie TÜV und DEKRA. Solche Mängel würden sofort auffallen. Es gebe weder Hinweise noch polizeiliche Berichte, die das „ansatzweise belegen würden“. In den Linienbussen bestehe keine Gurtpflicht, aber man betont: „auch hier gilt: vorhandene Mängel werden so schnell wie möglich behoben“.

Eingeräumt wurde: „Bei zwei unserer rund 25 Fahrzeuge ist derzeit die Klimaanlage defekt“, man warte seit Tagen auf Ersatzteile und bedauere, „dass dies ausgerechnet mit der aktuellen Hitzewelle zusammenfällt“. „Derartige Anschuldigungen haben wir nicht verdient“, ist man sich sicher.

Stichprobe – heiße Sache

Am Vortag und am Tag der Antwortmail des Unternehmens an die Redaktion ergibt unsere Stichprobe: Manche Vorwürfe sind offenbar nicht aus der Luft gegriffen, betroffen sind mehr als nur die zwei von der Geschäftsführung bestätigten Fahrzeuge mit defekten Klimaanlagen, deren Kennzeichen uns trotz Nachfrage nicht genannt wurden. An zwei heißen Tagen stoßen wir in fünf von sieben Bussen des Unternehmens, in die wir gezielt einsteigen, auf nicht funktionierende Klimaanlagen.

Glaubt man den Fahrern, ist das Usus. „Bleib’ vorne, hinten ist es viel heißer“, rät einer – er wechsle dreimal am Tag sein durchgeschwitztes T-Shirt und dürfe keine kurze Hose tragen – „ich weiß auch nicht warum. Vielleicht wäre das zu sexy“, er lacht trotzdem. Ein anderer winkt beim Thema Klimaanlage genervt ab. „Die alten Dinger doch nicht, ich fahre hier jeden Tag!“, sagt eine Seniorin, während eine im anderen Bus ihr Taschentuch zückt und minütlich Schweiß von der Oberlippe tupft.

Auch nicht existente Gurte und defekte Buchsen dazu fallen uns mehrfach auf.

Mängel länger bekannt

Wir notieren jeden Bus mit Kennzeichen, um sicherzugehen, nicht zweimal im selben zu landen. Zwei davon kommen uns bekannt vor. Tatsächlich: In einem Protokoll, das der Redaktion vorliegt und in dem Fahrer Mängel samt Kennzeichen melden, tauchten sie auf – in einem Fall wurde am 14. Juni, im zweiten Fall am 30. Juni eine defekte Klimaanlage notiert. Auch Einträge wie „vordere Bremsen sehr schlecht“ oder „Bremsbeläge überprüfen“ finden sich.

Stadt VS reagiert

Überprüft wird nun offenbar aber das Unternehmen. Die Stadt Villingen-Schwenningen hat, so Pressesprecherin Madlen Falke, ebenfalls Hinweise „auf technische Mängel“ erhalten. Die Aufsichtsbehörde sei kontaktiert, eine Weiterleitung zur Prüfung habe bereits stattgefunden, diese dauere noch an. Klar sei aber: In der Ausschreibung der Verkehrsleistungen habe man klare Anforderungen an Fahrzeuge und Verkehrsunternehmen formuliert, „insbesondere hinsichtlich Betriebssicherheit, Komfortstandards sowie Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben“.

*Name von der Redaktion geändert

So bewerten das der VDV und Verdi

Defekte oder fehlende Sicherheitsgurte
Mit einer gesetzlichen Vorgabe kollidieren nicht vorhandene Sicherheitsgurte für Fahrer nicht, weil sie im Linienverkehr nicht vorgeschrieben sind, wie Geschäftsführer Ulrich Weber vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) auf Anfrage erklärt. Forderungen von Arbeitnehmervertretungen, wonach sich Busfahrer anschnallen möchten, seien dem VDV nicht bekannt.

Die Sache mit der Klimaanlage
Eine Klimaanlage sei zwar keine gesetzliche Pflicht, aber es gebe klare Vorgaben zum Gesundheitsschutz, die in diese Richtung weisen, etwa nach Paragraf 3a der Arbeitsstättenverordnung und der Arbeitsstättenregel „ASR A3.5“, so Jan Bleckert von Verdi. Letztere gebe eine klare Orientierung, wonach ein Arbeitsplatz ab 35 Grad Raumtemperatur als nicht mehr geeignet gelte – Temperaturen, wie sie in den zurückliegenden Hitzetagen der Region in den Bussen spielend erreicht worden sein dürften. Verdi sehe in solchen Fällen bei einer defekten oder nicht vorhandenen Klimaanlage eine „unzumutbare gesundheitliche Belastung“.