Douglas Vieira zeigt uns in Langenschiltach sein Mountainbike. Foto: Michael Haug

Wegen der Liebe hat es den brasilianischen Downhill-Mountainbiker Douglas Vieira nach Langenschiltach verschlagen. Jahrelang warf ihn eine Horrorverletzung zurück, nun greift er die Weltspitze an.

Douglas Vieira stürzt sich von einer Rampe aus hinein in die chilenische Stadt Valparaíso. Es geht durch ein Wohnzimmer (!), es folgen unzählige Treppen, eine Steilrampe, Sprünge. Dicht an dicht drängen sich am Rande der Strecke hinter Absperrungen die Zuschauer.

 

Vieira fährt am Limit, kaum ein Fehler ist erkennbar. Als er sich der Zielgerade nähert, knallt er mit dem Rad gegen den Bordstein, fährt aber ohne große Rührung weiter. Im Ziel steht eine Zeit von 2 Minuten und 23,266 Sekunden. Am Ende bedeutete dies beim Red Bull Valparaíso Cerro Abajo 2025 Rang acht. 16 Fahrer standen im Finale, 36 Mountainbiker aus aller Welt waren für die Qualifikation ausgewählt worden.

Die Gefahr fährt mit

„Es ist sehr gefährlich. Wenn du einen kleinen Fehler machst, resultiert das in einem großen Sturz. Du musst sehr präzise sein und darfst keine Angst haben“, sagt Vieira, der mit einer „Bierruhe“ am Langenschiltacher Küchentisch sitzt. Wenn man über dem Limit sei, dann bleibe nur noch Hoffnung. Bei seinem Rennen jüngst in Chile sei das aber nicht der Fall gewesen. Selbst die Kollision mit dem Bordstein sei gewollt gewesen, um seine Fahrt-Richtung zu verändern.

44 Stunden Anreise nach Chile nahm Vieira für diese wenigen Minuten Highspeed-Mountainbiken auf sich. Trainingsmöglichkeiten auf der Strecke gibt es im Vorfeld eines solchen Rennens übrigens kaum, weil die Sprung-Rampen erst kurzfristig aufgebaut werden. Insofern ist Erfahrung ein Vorteil – und die hat der 27-jährige Schwarzwald-Brasilianer, der schon im Alter von sieben Jahren mit dem Downhillmountainbiken angefangen hat, durchaus.

Wo die Liebe hinfällt

Vieira wuchs in Brasilien auf, wanderte im Alter von 14 Jahren aber nach England aus. Seine Eltern, die in Brasilien einen Fahrradladen besaßen, sahen in Südamerika schlechtere Perspektiven als in Europa.

Seit November 2023 wohnt Vieira nun mit seiner Freundin Janina Lehmann in Langenschiltach. Die Motocross-Fahrerin hatte den Mountainbiker bei einem Werbedreh im Juni 2023 kennengelernt. Lehmann arbeitet für ein Kleidungsunternehmen, das ein Sponsor von Vieira ist. „Er lebte noch in England. Deswegen musste eine Person von uns umziehen – und ich war das ganz bestimmt nicht“, lacht Lehmann.

Im Nirgendwo

Im Schwarzwald hat das junge Paar gute Trainingsmöglichkeiten, wenn auch nicht in der unmittelbaren Nähe. Vieira trainiert gerne im Bikepark Todtnau. Seine Ausdauer verbessert er in Aichhalden.

Douglas Vieira musste nach seinem Sturz mehrfach operiert werden und lag lange im Krankenhaus. Foto: Janina Lehmann

Von Vorteil ist, dass es viele Gemeinsamkeiten zwischen dem Motocross und dem Mountainbiken gibt, weshalb in diesen Sportarten traditionell auch auf dem jeweils anderen Gefährt trainiert wird.

Vieira fühlt sich in Langenschiltach („Mitten im Nirgendwo“) jedenfalls pudelwohl. Viel wohler als in England, wie er betont. Hinzu kommt, dass viele Downhill-Weltcups in Mitteleuropa stattfinden.

Aus der eigenen Tasche

Der Brasilianer wird vom Mountainbiken – im Gegensatz zu den zehn Besten der Welt – aber nicht reich, selbst seine Sportgeräte muss er aus der eigenen Tasche bezahlen. Deswegen arbeitet er, neben den aktuell zwei Trainingseinheiten täglich, für ein Tuningunternehmen und ist dafür einmal in der Woche in Freiburg.

Wer trotzdem so intensiv trainiert, tut dies aus Leidenschaft. Der Enthusiasmus von Douglas Vieira und Janina Lehmann ist spürbar – und das obwohl das Leiden in Vieiras Leben zuletzt eine viel zu große Rolle spielte.

Jahre voller Schmerz

Im Juni 2021 fuhr der Brasilianer in der Qualifikation für ein Weltcup-Rennen mit etwa 50 Stundenkilometern auf einen Sprung zu, kam dabei aber in eine Furche und stürzte verheerend. Sein Rücken und sein Nacken war gebrochen.

2022 wollte er wieder Rennen fahren, hatte aber zu viele Beschwerden im Kopfbereich. Noch im November vergangenen Jahres folgte eine Operation im Nackenbereich. Weil sich zu viel Gehirnwasser an der Wirbelsäule angesammelt hatte, musste eine zweite OP durchgeführt werden.

Der Sturz hat bei Douglas Vieira Spuren hinterlassen, die bis heute zu sehen sind. Foto: Janina Lehmann

Erst im Februar dieses Jahres konnte Vieira dann wieder mit physischem Training beginnen. Es war eine „sehr schwierige“ Zeit für den Wahl-Schwarzwälder, was auch seiner Freundin nicht verborgen geblieben ist: „Du fängst an, gestresst zu sein, weil du siehst wie sich jeder verbessert, während du daheim rumsitzt. Du denkst dir: Ich werde nie wieder den Anschluss finden“.

Immer weiter Vollgas

Eine Befürchtung, die sich bekanntlich nicht bewahrheitete. Das Wichtigste: Vieira fühlt sich von Woche zu Woche gesünder und besser. Sein nächstes Rennen sind die Südamerikameisterschaften in Chile, bevor es mit einem wichtigen Wettbewerb in Mexiko weitergeht. Die WM wird in diesem Jahr in der Schweiz ausgetragen. Die Downhill-Wettbewerbe starten am 2. September in Champéry (Kanton Wallis).

Die Stoßrichtung ist für den Wahl-Langenschiltacher für die Restsaison klar: „Mein Ziel ist es fitter und schneller zu werden und in den nächsten Rennen besser zu performen.“ Seine schon jetzt erstaunlich gute Form macht ihn bei diesem Vorhaben optimistisch.

Und dann ist da noch die Hardline-Serie von Red Bull. Bei diesen Rennen ist das Tempo noch höher, die Strecke noch länger, die Sprünge gehen noch weiter. Dafür eingeladen zu werden, wie sein ebenfalls sehr erfolgreicher Bruder Roger Vieira, das ist noch ein großer Traum von Douglas Vieira. Weil er es einfach nicht lassen kann. Weil er dieses Tempo, weil er diesen Sport liebt.