Oberbürgermeister Jürgen Roth blickt trotz einiger Herausforderungen auch auf viele Höhen in VS. Foto: Marc Eich

Bauen trotz knapper Kassen, OB-Wahl, Wohnungspläne, Kita-Ärger, Wirtschaftsdruck und sogar Biberprobleme: OB Roth spricht offen über Ziele, Zweifel und Entscheidungen.

Herr Roth, Hand aufs Herz: Hätten Sie all die Pläne – Hallenbad, Oberer Brühl oder Rössle etwa – gefasst, hätten Sie damals um die jetzige Finanzsituation gewusst?

 

Ja, weil die Projekte in der Strategie nach wie vor gut sind. Das Bad halte ich für wichtig, weil ich zwei für eins mache. Ich halte das Rössle für wichtig, weil ich sonst über 30 Millionen Euro in die Ertüchtigung von Bibliothek, Volkshochschule und in Mietkosten von Verwaltung investieren müsste. Ich muss – oder will – auch in Bezug auf die Galerie etwas gestalten. Der Punkt ist: Hätte ich es nicht gemacht, heißt das ja nicht, dass ich nichts investiere – ich muss in den Brandschutz und ähnliches zwingend investieren. Für umme gibt es nichts. Und in der Winkelstraße sparen wir 400 000 Euro Miete – das lohnt sich. Bezüglich Oberer Brühl: Wir folgen dem Beschluss des Bürgerentscheids 2012 – und jetzt sind wir auf der Ziellinie, 2027 ziehen wir ein. Und das Thema „Wohnen“ im Oberen Brühl läuft auch.

Trotz aller Kritik und enormer Herausforderungen: die getroffenen Entscheidungen sind für Jürgen Roth ausgewogen. Foto: Marc Eich

Wohnen läuft? Tatsächlich?

Ja! Wir sind in der finalen Phase mit einem Kaufinteressenten. Mehr kann ich aktuell nicht sagen – es gibt noch einiges zu regeln, wir warten auf die Landesförderung und es gibt Wartezeiten, die wir nicht beeinflussen können. Aber ich war heute im Wohnungsministerium und bin sehr zuversichtlich. Und auch in der Schwenninger Sturmbühlstraße tut sich etwas – da wollen wir mit unserer wbg rund 110 Wohnungen bauen.

Projekte über Projekte – und ganz persönlich steht für Sie die OB-Wahl an. Sind dafür schon bereit?

Ja, bin ich!

Wie müssen wir uns das vorstellen, ein amtierender OB im Wahlkampf – nehmen Sie dafür Urlaub?

Spannende Frage. Aber ja, in der Endphase werde ich mit Sicherheit Urlaub nehmen. Ob ich mich aus dem OB-Amt komplett rausziehen kann? Das denke ich nicht. Vermutlich werde ich die Zeit aufteilen, morgens ins Rathaus kommen und die wichtigen Dinge erledigen. Zum Glück habe ein gutes Team um mich herum. Von Januar bis zum 3. Oktober Zeit für hundert Prozent Wahlkampf haben – wird nicht drin sein – aber das war es vorher auch nicht. Klar ist: Ich werde einige Termine wahrnehmen, ich will auch raus. Die Leute müssen die Chance haben, mir die Leviten zu lesen oder zu sagen, „da wollen wir hin“.

Hoffen Sie auf einen Gegenkandidaten?

Also wenn Sie mich ehrlich fragen, ich brauche keinen (lacht).

Wenn Sie eine Sache in Ihrer Amtszeit nennen müssten – wirklich nur eine –, die Sie genau so wieder machen würden, welche wäre das?

Lassen Sie mich kurz überlegen (denkt nach). Ich würde das Sanierungsgebiet Schwenningen genauso wieder machen. Und ich würde die Entscheidung Oberer Brühl wieder so treffen.

Das waren zwei Sachen.

Ja, klar. Aber ich habe auch zwei große Stadtbezirke. (lächelt)

Macht im Interview, wenn es gerade passt, auch gleich mal den doppelten Anspruch geltend - schließlich sei er OB für zwei große Stadtbezirke: Jürgen Roth. Foto: Marc Eich

Worauf hätten Sie rückblickend lieber verzichtet?

Auf die Umleitungen durch die vielen Baustellen. Das war sehr kraftraubend.

Hätte es sich vermeiden lassen?

Nicht wirklich. Aber wir hätten manche hochkochende Emotion vielleicht vermeiden können, wenn wir diese hätten besser aneinander vorbeibringen können. Bei der Bürgerwehr habe ich mal gesagt, man hat durch die Umleitung die Stadt neu kennengelernt. Aber das hätte ich echt nicht gebraucht. Was wir aber gebraucht haben, sind die Themen dahinter: das Wärmenetz, die Verstärkung der Stromleitung – und wir brauchen auch dann die Asphaltsanierung, anders geht es halt nicht.

Was man auch braucht, sind Betreuungsplätze für Kinder. Der Ärger um die Kikripp und der Kitaplatzmangel sind aktuell. Sehen Sie Chancen, dass man die Kikripp erhalten kann?

Erst dann, wenn der Rechtsstreit ein Ende hat. Dann wird man sehen, wie die Schlusszahlung, Ausgleichszahlung oder ein wie auch immer gearteter Kompromiss oder das Urteil aussieht und ob die Kraft da ist, die Mittel zurückzuzahlen. Das ist wahnsinnig verunsichernd für all die Eltern – und das tut mir sehr leid. Wir suchen nach allen Möglichkeiten, genug Kindergartenplätze zu generieren. Wir haben jetzt sogar freie Plätze – obwohl wir 250 Kinder auf der Warteliste haben.

Wegen unpassender Öffnungszeiten?

Auch. Oder weil der freie Platz im falschen Ort ist. Diejenigen, die unbedingt einen Platz brauchen, würden sofort einen kriegen, aber sie müssten halt fahren und Kompromisse eingehen. Ich verstehe natürlich eine Mutter, die kein Auto hat und nicht nach Tannheim fahren kann. Und ich hoffe, dass wir durch die neue Reform der Grundschule Luft kriegen. Außerdem bauen wir zwei große Kindertageseinrichtungen. Die Bürkstraße wird im September 2026 bezugsfertig sein, und der Obere Brühl zum 1. September 2027. Zudem wollen wir zwei weitere Gruppen aufmachen: am Schwalbenhaag und in der Kindertagesstätte Oberlin. Aktuell brauchen wir die Kindergartenplätze überwiegend in Schwenningen. Und in der Kindertagesstätte In der Au möchten wir zwei Gruppen erweitern. Dann sind wir fast auf der Zielgeraden.

Eine kniffelige Angelegenheit ist und bleibt es für VS, die passenden Betreuungslösungen für Familien zu finden. Foto: Marc Eich

Apropos Zielgerade – manchmal braucht es auf dem Weg dorthin Unterstützung. Was sind die drängendsten Anliegen, die Sie den Bundestagsabgeordneten mitgeben nach Berlin?

Also wenn ich die Bundespolitik ein bisschen streifen darf, dann würde ich sagen, es muss geliefert werden in Sachen Wirtschaft. Wirtschaft bringt den Wohlstand. Um das zu verstehen, muss man nur auf unsere Steuereinnahmen gucken. Ich brauche die Arbeitsplätze. Ich brauche keine Kurzarbeit. Ich brauche den Erfolg der Wirtschaft – und dass wir Produktionen nicht wegverlagern. Die Industrie muss zu uns kommen und hier bleiben. In manchen Bereichen sehe ich Abwanderungstendenzen wegen hoher Produktionskosten.

Gibt es aktuell in Villingen-Schwenningen Betriebe, die das erwägen?

Es gibt zumindest Überlegungen, Teile zu verlegen. Natürlich geht es dabei nicht um Dimensionen wie bei Mercedes – aber die Osteuropäer sind uns in Sachen Energiepreise und Personalkosten weit voraus.

Aber mit den Gewerbesteuereinnahmen in VS können Sie aktuell zufrieden sein...

Ja. Und klar freut man sich und hofft, es geht weiter so. Aber wir haben Gott sei Dank eine so hohe Diversifikation – Medizintechnik, Maschinenbau, Automobilbranche und Zulieferer –, dass wir vielleicht Glück haben und die prognostizierte Delle nicht kommt. Aber die Gewerbesteuerzahlung basiert ja auf der wirtschaftlichen Situation der beiden Jahre zuvor – aktuell also das Basisjahr 2023. Ich vermute, dass das nicht unbedingt so weiterläuft. Von mir aus aber gerne weiter so! (lächelt)

Gibt es denn für florierende Wirtschaftsbetriebe noch Entwicklungsflächen?

Wir haben noch einige wenige Quadratmeter von Firmen, die jetzt nicht mehr hier sind, aber noch nicht verkauft worden sind. Und es gibt in der Salzgrube noch Flächen. Hinter Jenoptik haben wir einige Quadratmeter akquiriert. Zudem prüfen wir Gewerbeflächen am Rande des Industriegebiets Ost. Dort bekommen wir hoffentlich noch etwas hin, um Alternativflächen zur Salzgrube zu haben. Sonst kann dort ein Einziger Preise aufrufen, die nicht ortsüblich sind.

Das klingt schwer nach erneuten Bauland-Diskussionen im Zentralbereich...

(nickt)

Laufen Verhandlungen?

Sagen wir mal so: Wir haben gerade eine Überlegungsphase auf beiden Seiten. Ich kann niemandem vorschreiben, wann er mit seiner Überlegung zu Ende ist. Aber wenn ich anderswo Flächen ausweisen kann, ist plötzlich auch ein Markt da.

Und im Schwenninger Industriegebiet Ost kommen Sie ins Geschäft?

Da haben wir ganz gute Connections zum Forstamt und anderen Eigentümern. Es geht natürlich auch um Ausgleichsmaßnahmen. Das ist ja alles nicht mehr so einfach. Das wäre im Übrigen auch etwas, das ich gerne nach Berlin mitgeben würde: Es muss eine andere Priorisierung geben und die ernsthafte Frage, was schützenswert ist und was für die Gesellschaft existenziell ist. Ein Hektar wegfallende Fläche bedeutet nicht gleich, dass eine Art ausstirbt, die dort tolle Stunden verbracht hat – die sucht sich ein neues Plätzchen, glaube ich. Das läuft ein bisschen verkehrt.

Welche Arten funken denn gerade dazwischen?

Feldlerchen. Und die Zauneidechsen, die hatten wir beim Spital 30 Jauchert. Und manchmal ist es der Biber. Da gibt es im Warenbachtal gerade einen wirklich schrägen Fall.

Erzählen Sie!

Der Biber hat sich offenbar gedacht, im Warenbachtal ist ein toller Platz. Aber der Rückstau kann bedeuten, dass bei Starkregen auch Wohnflächen gefährdet sind. Dürfen wir da jetzt irgendetwas machen? Offenbar ist das nicht so einfach bis gar nicht machbar. Und die Betroffenen haben dafür null Verständnis. Das verstehe ich – wir haben jetzt 450 Exemplare auf unserer Gemarkung.

450 Biber?

Genau. Und, ganz offen: Für mich ist das bei uns jetzt nicht unbedingt noch eine vom Aussterben bedrohte Art. Der Staatssekretär, Abteilungsleiter von Regierungen, Abgeordnete – alle waren vor Ort und konnten das nachvollziehen. Aber sobald wir wieder in der Arbeitsebene sind, haben wir Diskussionen. Das ist anstrengend. Und, verstehen Sie mich nicht falsch, ich will den Biber ja gar nicht endgültig „entsorgen“ – aber fangen und woanders hinbringen, das würde ausreichen. Wir wüssten mittlerweile sogar, was er in der Falle bräuchte.

Und das wäre?

Es gibt bestimmte Apfelsorten, die Biber lieben. Aus Bayern gibt es da einen reichen Erfahrungsschatz. Das dürfte man jedoch nur mit einer Sondergenehmigung.

Und der Antrag ist gestellt?

Ja, schon ein paar.

Ihr Lieblingstier wird der Biber also nicht mehr?

Nein! Ja, der ist schon putzig, aber nicht hier.

Kommen wir zur Lärmproblematik in der Gastronomie – gibt es jetzt eine Möglichkeit für Frieden zwischen Anwohnern und Lokalen?

(zögert) Das ist übrigens auch eines der Themen, die ich im Jahr 2025 nicht gebraucht hätte, wobei das Thema ja schon alt ist. Aber jetzt sind die Türen zu. Wir sind auf einer rechtlichen Ebene, da kann ich nicht plötzlich sagen, jetzt setzen wir uns mal zusammen und haben uns lieb. Es gab einige Versuche dafür, aber die Situation ist festgefahren. Wir haben verschiedene Bereiche und Sperrzeiten – in der Färberstraße, aber auch in der Niederen Straße oder in der Rietstraße, und eine TA Lärm, die eigentlich nicht gilt, aber von jedem Gericht angewandt wird. Da muss sich bundespolitisch etwas tun. Theoretisch kann es noch schlimmer kommen – in Heidelberg geht es sogar an die Lärmbegrenzung im Innenbereich. Zum Glück sind wir davon weit weg. Vernünftig erklären lässt sich die aktuelle Situation bei uns niemandem.

Und wie betrachten Sie die aktuelle Situation in den Innenstädten?

Also wir machen uns manchmal auch schlechter als wir sind. Wenn ich die Stadtbezirke betrachte, muss ich sagen: Ich finde Villingen stark. Da ist immer was los, da will man hin. Mittlerweile kommen auch die Schwenninger nach Villingen. Und in Schwenningen ist es anders. Das hat auch ein bisschen was mit den Menschen zu tun, das ist eine ganz andere Mentalität. Und aktuell ist leider einfach zu wenig Angebot da. Wir brauchen einfach wieder Leben in der Stadt.

Zur Person

Der Interviewte
Jürgen Roth, 62 Jahre alt, ist seit 2019 Oberbürgermeister von Villingen-Schwenningen und tritt 2026 erneut zur OB-Wahl an.