Eigentlich warten die Albstädter ja auf Reiner Plaumanns fünften Krimi, aber jetzt ist ihm sein Sohn Thorben zuvorgekommen. Mit – man lese und staune – seinen Memoiren.
Eigentlich hat er ja gar nicht Unrecht: Warum soll man mit der Abfassung seiner Lebenserinnerungen erst anfangen, wenn einen bereits die Wortfindungsstörungen plagen, die Plaques sich im Hirn breitmachen und das Gedächtnis sich verabschiedet? Da macht man sich doch besser schon mit 29 an die Arbeit, wenn die Hardware im Oberstübchen noch intakt ist.
Thorben Plaumann hat sich bei der Memoirenproduktion für Ratenzahlung entschieden: Die ersten 30 Jahre sind abgehakt, die nächsten 30 wird er mit 60 nachreichen, und danach dürfte ja wohl noch angemessen Zeit für Band drei bleiben.
Aber eins nach dem anderen: Jetzt ist erst einmal Band eins erschienen, als „Book on demand“ im Selbstverlag, 224 Seiten stark, sparsam bebildert und vom Autor persönlich lektoriert. Der Titel des Werks lautet „Being Thorben Plaumann – Wie ich aus dem Amazon-Lager heraus fast Präsident von Bolivien wurde. Der Werdegang eines Wahlkampfmanagers“ und verrät bereits eine ganze Menge über den Autor: Maulfaul ist er nicht – und außerdem weitgehend unangekränkelt von Selbstzweifeln.
Boxleidenschaft und Fitness-Wahn
Letzteres suggeriert schon der allererste Satz: Der Autor kündigt darin „die wahrscheinlich außergewöhnlichste Geschichte, die ihr jemals in eurem Leben gelesen habt“ an. Wer das Versprechen im Hinterkopf behält, sieht sich, zumindest in den ersten drei Kapiteln, düpiert. Thorben Plaumann berichtet im Plauderton von den Alkoholexzessen und den orgiastischen Lloret-del-Mar-Trips seiner Pubertätsjahre, von seiner kurzzeitigen Boxleidenschaft und dem gleichfalls temporären Fitness-Wahn seiner Studienjahre. Man kann sich nur schwer der Frage erwehren, was daran so außergewöhnlich ist und weshalb die Welt das wissen muss.
In Kapitel vier nimmt die Geschichte dann aber Fahrt auf. Corona kommt und geht; sobald die Pandemie abgeklungen ist, beschließt Plaumann, auf Reisen zu gehen: Er will so viele Länder und Städte wie möglich kennenlernen – und umgekehrt soll die Welt Thorben Plaumann kennenlernen.
„Was kostet die Welt?“
Bevor er aufbricht, füllt er seine Reisekasse als Lagerarbeiter von Amazon, eine Firma, über die er wenig Gutes zu berichten weiß; dann macht er sich auf den Weg.
In Portugal fängt er an. Danach bereist er der Reihe nach Spanien, Italien, Kroatien, Ungarn, Tschechien und – nach einem Zwischenstopp in Berlin – Skandinavien, die Benelux-Länder und Frankreich. Immer Flixbus – er nennt sich selbst so, „Mister Flixbus“ –, immer Hostel und Schlafsaal, aber all das mit der Attitüde „Was kostet die Welt?“. Wobei es ihm, die wiederkehrenden Ländervergleiche in Sachen Preisniveau belegen es, erkennbar wichtig ist, dass sie nicht zu viel kostet.
Er trifft interessante Menschen, wobei Menschen primär „Frauen“ bedeutet, und er gewöhnt sich daran, dass er, groß, blond und athletisch, wie er ist, immer wieder den Spitznamen „Haaland“ verpasst bekommt. Wenn er nicht gleich mit dem norwegischen Superstar verwechselt wird.
Quer durch ganz Südamerika
2023 folgt er der Einladung einer – weiblichen – Reisebekanntschaft nach Kolumbien, zieht von dort weiter nach Peru, Bolivien, Chile, Argentinien, Brasilien und schließlich Mexiko. Zum guten Schluss landet er zum zweiten Mal in Boliviens 3700 Meter hoch gelegener Hauptstadt La Paz und wird dort von seiner Reiseliebschaft Pocahontas Kowalski für das Wahlkampfteam von deren Mutter engagiert, die Richterin ist und den Posten einer Art Justizministerin anstrebt.
Zwar sind den Damen manche seiner Vorschläge für die Kampagne etwas zu rabiat, und auch als „Spin Doctor“ vermag sich der bekennende Konservative Plaumann nicht gegen die beiden Merkel-Fans durchzusetzen. Egal, die Wahl geht am Ende verloren, und auch „Haalands“ Strategie für Boliviens Zukunft – flächendeckende Photovoltaik wird durch die Verstaatlichung aller Koka-Plantagen finanziert – bleibt am Ende unverwirklicht.
Ein Schelmenroman, wenn man so will – der Titel, der sich am Ende als ziemlich hochstaplerisch erweist, passt dazu. Man darf auf die Fortsetzung gespannt sein – aber man wird sich, siehe oben, etwas gedulden müssen.