Käswasser für die Schweine und Walzerstunden beim Einödbauern: der 70-jährige Done erzählt von seiner kleinen Welt rund um seinen oberschwäbischen Bauernhof.
Oberschwaben - Mit seinen 70 Jahren hat Done noch volles Haar, das meiste nicht mal ergraut. Sein buschiger Schnauzer färbt sich während des Gesprächs immer wieder rotbraun, weil Schnupftabak nachgezogen werden muss. Er trägt einen majestätischen Bauch vor sich her, mit seinen Händen könnte er einen Ochsen erwürgen und in seinem Lachen liegt die ganze Sonne Oberschwabens. Seine Heimat ist ein Dorf am Rande des Illertals, wo man gut Heimatfilme drehen könnte. 500 Einwohner. „Wenig Zugezogene, wenig Fremde“, wie Done sagt. Lange Zeit durfte man hier gar nicht bauen, erst mit der Kläranlage vor 20 Jahren kamen auch moderne Eigenheime ins Ortsbild. Done will nicht, dass der Name des Dorfs und sein voller Name in der Zeitung stehen. Dann klopfen bald Schaulustige an seine Tür, glaubt er. Aber hier sagt eh jeder nur Done.
Eine Geschichte wie aus ferner Vergangenheit
Er sitzt mit einem Radler im Garten von Rudolf, einem guten Freund, den hier alle nur den Schlauch-Rudel nennen, weil er früher Feuerwehr-Kommandant war. Done hat sich bereit erklärt, an diesem schönen Vormittag seine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, wie sie beispielhaft steht für einen Landstrich, für einen Berufsstand und für eine ganze Bauerngeneration. Eine Geschichte wie aus ferner Vergangenheit, auch wenn Done noch sehr munter ist. „Vielleicht“, sagt er, „interessiert es ja auch die Stadtleut in Stuttgart.“
Auf dem Hof, wo er lebt, wurde er auch geboren. In der Erntesaison. „Im Winter hatte man Zeit zum Kinderzeugen“, sagt Done in einem so starken Dialekt, dass man als Zugereister manchmal nur staunend da sitzt und sich fragt, von was er wohl jetzt gerade redet. Er hat bis 65 nie auswärtig übernachtet. Urlaub gab es nicht, höchstens mal einen Tagesausflug. Dann gönnte er sich einfach mal vier Nächte Mallorca mit den Kameraden der freiwilligen Feuerwehr.
Früher gab es im Dorf einen Kaufladen, eine Käserei und den Hirschen zum Einkehren. Wenn er als Bub mal was erleben wollte, fuhr Done mit seinem Rad ins Nachbardorf hinunter, wartete an den Gleisen und schaute zu, wie der Zug vorbeibrauste. Über einen Radius von zwei Kilometern vom eigenen Hof kam man nicht hinaus.
Mit einer Ausnahme: der Memminger Jahrmarkt im Oktober. Da gab es eine Schiffschaukel! Und Bärendreck. Und Spielzeug. Eine Sache durfte er sich immer aussuchen. Done erinnert sich noch an die Pfeife, die er während der ganzen Heimreise nicht mehr aus dem Mund nahm. Auf den Herbst fieberte der Bub schon im Januar. Der Jahrmarkt konnte gut als Anreiz und Drohung verwendet werden: „. . .dann darfsch mit nach Memminga.“ Oder: „. . .sonsch bleibsch im Oktober dahoim“. Irgendwann war es soweit, dann wurde der Gaul eingespannt und die Familie zuckelte im Festtagsstaat auf große Fahrt.
In der Schule herrschte noch Zucht
Sonntags war Kirche. Da musste man mit als Heranwachsender, „sonst hätte man den Hausfrieden gebrochen und die ganze Familie in Verruf gebracht“, sagt Done. Nach der Kirche ging die Glaubensgemeinde geschlossen zum Frühschoppen, wo die Bauern und die Handwerker ihre eigenen Tische hatten.
Die Schule bestand aus zwei Klassen. In der einen hatten die Erst- bis Viertklässler gemeinsam Unterricht, in der anderen waren die Fünft- bis Achtklässler versammelt. Wer nicht spurte, bekam Prügel. Beim Pfarrer genauso. Damals herrschte noch Zucht. Oder wenn mal Besuch kam mit anderen Kindern: „Wehe, man krakeelte beim Spielen zu arg rum, dann schickte einen der Vater ins Bett, dann war der Tag gelaufen.“
Die Eltern waren streng katholisch. Besprang der Stier die Kuh, wurden die Kinder aus dem Stall geschickt. Solch einem sündigen Treiben wohnte man nicht bei. Sogar die Geburt eines Kalbs war tabu. Bei der Fronleichnams-Prozession erlaubte sich Done mitunter eine kleine Übertretung. Während alle anderen vor dem Kruzifix am Feldrand beteten, zupfte er sich Sauerampfer als Wegzehrung.
Sen Vater starb, als Done zwölf war
Die Großeltern mütterlicherseits hatten den Hof übernommen. Damals natürlich ohne fließend Wasser, noch lange gab es nur ein Plumpsklo außerhalb des Hauses.
Dones Alltag als Kind: um fünf aufstehen, Milch und Bratkartoffeln zum Frühstück. Dann Gras holen und Kühe melken, die Milch mit dem Kärrele zur Käserei runterfahren, im Winter mit dem Schlitten. Von der Käserei das „Käswasser“ für die Schweine mitnehmen. Dann Schule.
Sein Vater starb, da war er zwölf. Als einziger Sohn in der Familie wurde das arbeitsame Dasein eines Bauernjungen noch härter. Seine Mutter führte das Kommando. Und sie konnte es nicht sehen, wenn man nur da saß und nichts machte. Zu schaffen gab es immer was. Das Unangenehmste war „Grombiera glauba“, also die Kartoffelernte. „Da bist du den ganzen Tag nur auf deinen Knien rumgerutscht“, sagt Done. Manchmal gönnte er sich heimlich eine Auszeit, setzte sich in sich in eine Hecke und bastelte sich eine Steinschleuder oder schnitzte ein Männle.
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Zur Stallzeit am frühen Abend musste er wieder bei den Kühen sein. Danach Vesper mit dick Brot, dick Butter, Schwartenmagen drauf. Mußezeit gab es nicht. Für Wildwesthefte, Comics oder Kinderbücher hatten die Eltern keinen Sinn. Lesestoff fand Done nur in der Schwäbischen Zeitung – und in den Schulbüchern. Denn nach dem Abendessen kam das Schlimmste: müd und angespannt von der Arbeit musste er noch Hausaufgaben machen. „Ich würde mein Leben noch mal genauso leben. Nur die Schule würde ich gerne weglassen.“
Mit 16 begann die Freiheit
Mit 15 war er fertig mit der Schule und schaffte daheim auf dem Hof. Etwas anderes zu werden als ein Bauer, ist ihm nie in den Sinn gekommen. Warum auch? Bauer zu sein, das bedeutete: Ansehen, Sicherheit, Geld und immer was zu essen.
Mit 16 begann die Freiheit – auf einem Hercules-Moped mit schnellem Sachs-Motor. Als 16-Jähriger durfte man Sonntagmittags auch schon in die Wirtschaft gehen. „Aber wir jungen Leute mussten uns dabei ruhig verhalten. Wenn die Wortführer was behandelten, war unsere Meinung nicht gefragt.“ Und der Stammtisch war natürlich ganz tabu, den Platz musste man sich erst hart und lange verdienen.
Walzer und Foxtrott lernte er im Wohnzimmer eines alten Einödbauerns, der sich nebenher als Tanzlehrer betätigte. Tanzpartner gab es keine, Done musste den Alten führen – „raus, rein, Marsch“, weiß er noch. Sonntags war ab und zu Tanzkränzchen in der Bauernstube – mit Mädchen. „Aber die waren immer Mangelware“.
In Memmingen konnte man das Gelernte anwenden. Der Jahrmarkt blieb noch lange ein Pflichttermin für Done, mittwochs war dort immer der Ledigentag. Geholfen hat es letztlich nichts. Er hat schon öfters mal eine gesehen, wo er sich sagte: „Des wär a Nette.“ Ab und zu hatte er auch eine Freundin. Aber für länger als anderthalb Jahre reichte es nicht.
„Manche Sachen sind einfach vorbestimmt“
Und so bestritt er sein Leben im Alleingang. „Manche Sachen sind einfach vorbestimmt“, sagt er. „Manche laufen sich zufällig über den Weg und bleiben ein ganzes Leben lang zusammen. Bei anderen soll es halt nicht so sein.“ Oft war es bei ihm auch so, dass man in der Gruppe gerade irgendwo schön beisammen saß und es schon langsam zu funken begann, er dann aber wieder heim musste in den Stall. Keine Zeit für die Romantik.
Done ist nicht unglücklich. Er hat einen großen Kreis an Bekannten und Verwandten. Einsam fühlt er sich nicht. Nur an Weihnachten, wenn seine beiden Schwestern mit ihren Familien kommen, denkt er manchmal, wie nett es hätte sein können mit Frau und Kind.
Aber eine Frau würde ihm zu viel reinreden. Er trinkt zum Beispiel gern Milch, einen Liter am Tag, direkt aus dem Tetrapack. „Eine Frau im Haus würde mich ständig ermahnen, ein Glas zu nehmen.“ Oder wenn es regnet. Dann kann er auch mal zwei Tage nur rumfläzen. „Eine Frau würde das nicht lange mitanschauen, dann hieße es: ,Raus aus’m Seich, schaff was’.“
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Damals als er 20 war, hätte er noch leichter eine Partnerin finden können. „Da scheuten sie sich noch nicht so vor der Arbeit auf einem Hof.“ Zehn Jahre später sah das schon anders aus. „Da ist das schon losgegangen, dass Frauen einen eigenen Beruf hatten und frei sein wollten und was von der Welt sehen“. Und was viele alte Bauern und vor allem die Bäuerinnen vorlebten, das konnte gewiss kein verlockendes Beispiel sein. „Die haben so übertrieben geschafft, Fruchtsäcke die Treppen hochgetragen und sich das Kreuz dabei kaputt gemacht. Aber sich zu schonen, wäre ja schon an der Grenze zur Faulheit gewesen“, sagt Done.
Die Mutter hielt das Geld zusammen
Der Schlauch-Rudel kennt Dones Mutter noch gut, er hat damals nach dem Tod des Vaters oft mitgeholfen auf den Wiesen und Äckern. „Sie war hart gegen sich selbst, und sie hat unglaublich viel geschafft. Sie wollte unbedingt den Hof verheben für den Jungen.“
Sie hielt das Geld zusammen und verwaltete die Ausgaben – auch noch, als Done längst erwachsen war. Und sie war stets im treuen Glauben, dass 20 Mark sehr gut reichen für eine Woche. Aber er hätte nie irgendwelche Extrazahlungen verlangt. Die Zuerwerbsstelle als Waldarbeiter im Winter machte ihn finanziell eigenständig. Und sie hilft ihm heute als Rentner, besser über die Runden zu kommen.
Vor 30 Jahren starb die Mutter, seitdem lebt er allein. Zunächst noch mit den Tieren. Ein fest getaktetes Dasein, das der Hof vorgab. „Aber manchmal muss man auch was Unvernünftiges, Verrücktes machen. Weil das einen glücklich macht“, sagt Done. Er hat sich zum Beispiel mal einfach aus einer Laune heraus einen Bagger gekauft. Damit konnte er die Zuleitungen für die Güllegrube ausheben. Früher, zu seiner Berufsschulzeit, galt ein Hof seiner Größe als ideal. Heute müsste er mindestens fünf Mal so groß sein, um eine Überlebenschance zu haben. Für Done hat es gerade noch so rausgereicht.
Vor sechs Jahren kam das Vieh weh
Vor sechs Jahren kam das Vieh weg. Das tat weh. Zum Glück hatte er kaum Zeit zum Nachdenken, weil er sich damals Kleider herrichten und alles für die große Hüft-Operation vorbereiten musste. Nach vier Wochen Reha kehrte in einen leeren Hof heim.
„Die Zeit jetzt ist vielleicht die schönste“, sagt Done. Er genießt seine Freiheit. Morgens holt er den ganzen Schlaf nach, den er von klein auf versäumte. Und nach dem Aufstehen lässt er es gemütlich angehen. Zeitung lesen, kochen. Nachmittags ein paar Stunden schaffen. Er hat noch eine Wiese und einen Hektar Wald. Abends fernsehen. Dann kreuzt er sich gleich in der TV-Zeitung an, was er am nächsten Tag anschaut. Der Dichter Ringelnatz sprach einmal davon, dass die kleinste Welt die größte ist...
Dass er alleinstehend lebt, davon profitierten auch seine Freunde, sagt Done. Die können nämlich, wenn sie ihn besuchen – und es kommt fast täglich jemand vorbei – ein Bierchen mehr trinken in ungezwungener Herrenrunde.
Früher war das Anwesen ein stattlicher Hof. Er möchte ihn nicht zeigen. Zu privat. „Ich will ja auch nicht zu Ihnen ins Wohnzimmer gucken“, sagt Done. Er ist immer gut zurechtgekommen in seiner Solo-Männerwirtschaft. Mit einer Frau an der Seite hätte man sicher mehr richten und renovieren müssen in einem 150 Jahre alten Bauernhaus, sagt er. Aber so muss nach ihm das ganze Sach wohl abgerissen werden. Manchmal überlegt er, was wird, wenn er nicht mehr alles allein machen kann. Er hat schon eine Vorahnung: „Wenn jemand so ein Einsiedler ist wie ich, dann geht der nicht von seinem Hof, bevor er zu hundert Prozent ein Pflegefall ist.“