Am Kulturzentrum Zuffenhausen löst ein geplanter Fluchtweg Ärger aus Foto: Peter Petsch

In vielen Häusern haben Wohnungen oder Geschäfte unterschiedliche Besitzer. In den gemeinsamen Eigentümergemeinschaften kommt es immer häufiger zu Streit. In Zuffenhausen geht es um eine Feuertreppe, im Chausseefeld um die Hausverwaltung.

In vielen Häusern haben Wohnungen oder Geschäfte unterschiedliche Besitzer. In den gemeinsamen Eigentümergemeinschaften kommt es immer häufiger zu Streit. In Zuffenhausen geht es um eine Feuertreppe, im Chausseefeld um die Hausverwaltung.

 

Stuttgart - Eine Zierde ist das große Geschäftshaus in der Burgunder Straße in Zuffenhausen nicht gerade. Spielhallen, Imbisse, Kneipen finden sich dort. Und doch ist es wichtig für die Umgebung. Zum einen steht es zentral am Ausgang vom S-Bahnhof, zum anderen finden sich dort Bücherei, Musikschule und Volkshochschule, dazu der Alfred-Beck-Saal als Ort für Veranstaltungen. Deshalb nennt sich das Gebäude offiziell Kulturzentrum Zuffenhausen . Doch jetzt ist dort vor allem Streitkultur gefragt.

Schuld daran ist aus Sicht mehrerer Besitzer von Büros und Gaststätten die Stadt Stuttgart. Die hält in der Eigentümergemeinschaft etwas mehr als die Hälfte der Stimmanteile, könnte also im Zweifel ohne die zwölf anderen Eigentümer über wichtige Dinge entscheiden. Und ist laut der Betroffenen kurz davor, das auch zu tun. Dabei geht es um eine Feuertreppe als zweiten Fluchtweg für den Veranstaltungssaal. Nachdem mehrere Varianten verworfen worden sind, soll die nun in imposanter Größe über einen guten Teil der Fassade samt Fenstern hinweg geführt werden, durch den Außenbereich von Gaststätten und dort enden, wo heute ein Hochbeet mit einem Baum den tristen Eindruck ein bisschen mindert. Das Grün müsste verschwinden.

Für mehrere Eigentümer ist das ein Unding. „Wir führen einen Kampf David gegen Goliath“, sagt Gabriele Nägele, deren Familie ein Büro gehört. Vor dessen Fenster fände sich künftig die Treppe. Bezahlen wolle die zwar die Stadt, man sei aber nie richtig informiert worden und habe keine Möglichkeit, dagegen vorzugehen. „Wir fürchten erhebliche Wertminderungen unserer Räume“, sagt Gabriele Nägele.

Sie findet Unterstützung bei anderen Eigentümern. „Gerade an dieser Ecke wäre es gut, auch städtebaulich etwas zu verbessern, stattdessen fällt der einzige Baum weg“, sagt Stefan Gläss. Durch die Terrasse seiner Gaststätte soll künftig die Treppe führen – für ihn geschäftsschädigend. „Dabei gäbe es andere Varianten“, sagt er – die aber zum Teil von anderen Nutzern abgelehnt werden. Eine verzwickte Situation. Beim Liegenschaftsamt der Stadt will man sich noch nicht äußern und verweist auf eine Versammlung am heutigen Mittwoch.

Dicke Luft unterm gemeinsamen Dach herrscht auch am anderen Ende der Stadt. Im Wohngebiet Chausseefeld bei Plieningen steht der architektonisch ansprechende Wohnturm „Fortuna“. Die knapp 60 privaten Eigentümer dort sind allerdings in ihren Entscheidungen nicht frei.

Grund dafür ist, dass zu dem Hochhaus noch weitere Gebäude gehören. Sie bilden unter anderem durch die gemeinsame Heizanlage eine Einheit. Dadurch gibt es auch dort eine Eigentümergemeinschaft – in der die privaten Wohnungsbesitzer allerdings in der Minderheit sind. Den größten Anteil hält die Süddeutsche Wohnen GmbH (Südewo). Dadurch fühlt sich mancher gegängelt.

„Wir stehen unter Zwangsverwaltung“, klagt einer der Eigentümer. Es gebe Unzufriedenheiten mit der Hausverwaltung, man habe aber ohne eine Mehrheit keine Chance, sie zu wechseln. Weil die Streitigkeiten schon in der Vergangenheit immer wieder hochgekocht sind, gibt es eine Absichtserklärung aus dem Jahr 2009. Darin sagt die damalige Besitzerin, die LBBW Immobilien, zu, „bei der Ausübung ihrer Stimmrechte“ besondere Rücksicht auf die privaten Eigentümer zu nehmen und eine Herauslösung des Hochhauses aus dem Ensemble zu prüfen. „Nichts davon wird eingehalten“, klagt ein Eigentümer. Bei den Beschwerden handele es sich um wenige Einzelfälle, sagt dagegen Südewo-Geschäftsführer Christian Jaeger – und ist sich sicher, „dass die Verwaltung hier professionell und umsichtig handelt“.

Probleme wie in Zuffenhausen und im Chausseefeld häufen sich. Die Größe des Hauses spielt dabei keine Rolle. „Das ist der alltägliche Wahnsinn. Wir haben den Eindruck, die Streitbereitschaft nimmt zu, speziell in Mehrfamilienhäusern“, sagt Ulrich Wecker. Der Geschäftsführer des Stuttgarter Haus- und Grundbesitzervereins weiß, dass dadurch auch die Arbeit der Verwalter schwieriger wird: „Die geben immer wieder Einheiten ab, weil sie nicht mehr verwaltbar sind.“ Oftmals kochten bei Streitigkeiten unter Eigentümern Dinge hoch, die mit dem Gebäude selbst gar nichts zu tun hätten.

Besonders kritisch sieht Wecker die Konstellation, wenn ein großer Bauträger in der Eigentümergemeinschaft die Mehrheit der Stimmen hält und seine eigene Verwaltungsgesellschaft für das Haus einsetzt. „Dann sitzt der Verwalter sofort zwischen allen Stühlen.“ Los werden könne man eine solche Verwaltung nur beim Nachweis grober Pflichtverletzungen. Generell rät Wecker Kaufinteressenten, genau darauf zu achten, „ob der Besitz in einer Eigentümergemeinschaft breit gestreut ist oder ein Großer viele Anteile hält“. Das kann zu Problemen führen – im Kulturzentrum wie im Hochhaus.