Ex-Bundespräsident Christian Wulff (Zweiter von links) war Ehrengast bei der Verleihung der Ehrenplakette. Foto: Fritsch

Mit der feierlichen Verleihung der Ehrenplakette erreichte Nagold die dritthöchste Auszeichnung, die eine Kommune für ihr europäisches Engagement erhalten kann.

Es gibt Sonntage, die hallen nach. Das liegt nicht nur an dem feierlichen Protokoll oder der glänzenden Bronzeplakette, sondern an der tiefen Bedeutung der Worte, die über den Europaplatz klangen. In Nagold ging es an diesem Wochenende um Empathie, um ein gelebtes Miteinander und um die Zuversicht, die europäische Idee als festes Fundament der Stadtgesellschaft zu feiern. Mit der Verleihung der Ehrenplakette des Europarates wurde deutlich, dass die Vision eines vereinten Kontinents hier weit über die Stadtgrenzen hinaus den Alltag prägt.

 

Schon der ökumenische Gottesdienst zum Auftakt hüllte den Platz in einen nachdenklichen Grundton, der Raum für das Wesentliche schuf und den Kern der Veranstaltung traf: das Innehalten vor dem gemeinsamen Aufbruch. Als die Stadtkapelle schließlich die ersten Akkorde anstimmte, war dies der emotionale Startschuss für eine Zeremonie, die vielen Besuchern sichtlich unter die Haut ging und den Geist der Gemeinschaft für jeden Anwesenden greifbar machte.

Die Kraft der Freiheit: Ein Ex-Bundespräsident zieht Bilanz

Christian Wulff war nicht als bloßer Repräsentant nach Nagold gekommen; er sprach als Zeitzeuge eines beispiellosen Wandels. Mit Blick auf sein Geburtsjahr 1959 zeichnete er das Bild eines „zweiten Lebens“ – einer Ära des wirtschaftlichen Aufschwungs und der Rechtsstaatlichkeit, die einen Kontrast zu den Entbehrungen der Generationen vor ihm bildet.

Er sprach von dem Privileg, in Freiheit aufgewachsen zu sein. „Wir dürfen mit Krieg und Rassismus keine Erfahrungen machen und diese erst recht nicht weitergeben“, betonte Wulff mit bebender Stimme. Sein Appell war klar: Jeder trägt die Verantwortung dafür, unseren Nachkommen diesen Weg zu ebnen, damit sie ein Leben in Frieden führen können, ohne den Zeitgeist von Ausgrenzung. „Damit sie niemals die Härte erleben müssen, die unsere Großeltern prägte“, unterstrich Wulff mit spürbarer Bewegung.

Die Welt in den Schwarzwald geholt

Dabei verlor er nie den Blick für das Fundament dieses Wohlstands: die Menschen vor Ort. Wulff würdigte Baden-Württemberg als das Land der klügsten Köpfe und der meisten Patentanmeldungen, eine Region, die weltweit Anerkennung für ihre Innovationskraft genießt. Doch diesen Erfolg, so Wulff treffend, müsse man sich eben hart erarbeiten – und Nagold sei als lebendige Drehscheibe dafür das beste Beispiel. Mit Begeisterung hob er die lebendige Innenstadt hervor, in der Tradition auf Weltoffenheit und erfolgreiche Familienunternehmen auf multikulturelle Gastronomie treffen.

Ex-Bundespräsident Wulff (rechts) mischte sich noch auf dem Europamarkt unter das Volk. Foto: Fritsch

Besonders erfreut zeigte sich der Ex-Bundespräsident auch über lokale Details. Schmunzelnd gab er preis, den Kreis Calw besonders zu mögen, da dessen Kennzeichen (CW) seine Initialen enthalte. Auch das neue „NAG“-Kennzeichen sah er als starkes Symbol einer wiederentdeckten Identität. Sein Fazit war eine Liebeserklärung an den Standort: Nagold habe es geschafft, die Welt in den Schwarzwald zu holen, ohne dabei sein eigenes Gesicht zu verlieren.

Gift der Gleichgültigkeit: Ein Appell an das Herz der Stadt

Oberbürgermeister Jürgen Großmann lenkte den Fokus auf das emotionale Rückgrat der Gemeinschaft: die Empathie. Seine Rede war ein leidenschaftliches Plädoyer für ein waches Miteinander. „Empathie ist der Klebstoff, der unsere Gesellschaft im Innersten zusammenhält“, betonte Großmann mit Blick auf die voll besetzten Ränge. Es sei die Fähigkeit, den Nächsten nicht nur zu sehen, sondern zu verstehen, die Nagold zu einem Ort der Begegnung und des Friedens mache.

Eindringlich warnte er vor einer schleichenden Gefahr: „Gleichgültigkeit und Desinteresse sind das Gift einer jeden Demokratie. Wenn wir aufhören, uns für unsere Nachbarschaft und für unsere Mitmenschen verantwortlich zu fühlen, verlieren wir das Wertvollste, was wir besitzen.“

Demokratie, so Großmann weiter, sei eben kein Selbstläufer – sie sei ein täglicher Kraftakt, der Mut und aktives Handeln erfordere. Sein Stolz auf die Bürger war greifbar: Nagold habe bewiesen, dass man gemeinsam Großes bewegen könne. Dieser Tag sei kein Schlusspunkt, sondern der Startschuss für eine Zukunft, in der Respekt und Wertschätzung weiterhin den Takt angeben.

Symbole der Einheit und ein Versprechen für die Zukunft

Marlene Rupprecht, die als Ehrenmitglied des Europarates die Auszeichnung überreichte, entschlüsselte die Symbolik des Kunstwerks: Die Darstellung der mythologischen Europa, umrahmt von zwölf Sternen. „Diese Zwölf steht als zeitloses Symbol für Vollkommenheit, Einheit und die unzerbrechliche Solidarität unserer Völker“, erläuterte Rupprecht.

In Anlehnung an den Muttertag hob sie zudem die Leistung der Frauen hervor, die „Billionen an Wertschätzung“ für den Zusammenhalt erwirtschaften. Ihre Kernbotschaft war unmissverständlich: „Es gibt keine höheren Werte als die Menschenrechte.“ Frieden sei kein Geschenk der Geschichte, sondern ein lebendiges, tägliches Streben, das in Städten wie Nagold seine Wurzel finde.

Ein Eintrag für die Ewigkeit und ein Meilenstein mit Weitblick

Zum Abschluss trug sich Christian Wulff in das Goldene Buch der Stadt ein: „Diese großartige Stadt lebt Europa und dafür bin ich dankbar.“ Die Verleihung markiert das Ergebnis einer jahrelangen Erfolgsgeschichte. Nach dem Ehrendiplom (2020) und der Ehrenfahne (2023) ist Nagold nun Trägerin der Ehrenplakette – die dritte von vier Stufen.

Viele internationale Gruppen – hier aus Albanien – trugen zum Programm des Festes bei. Foto: Fritsch

Doch der Blick von OB Jürgen Großmann geht bereits weiter: „Wir haben den Ehrgeiz, auch die letzte Stufe zu nehmen.“ Nagold startet mit frischer Energie in eine Zukunft, „in der Respekt und Wertschätzung weiterhin unser Kompass bleiben.“

Gemeinschaft, die man schmecken kann

Wie lebendig dieser europäische Gedanke ist, zeigte sich nach dem offiziellen Teil. Bei Fingerfood und angeregten Gesprächen verschwammen die Grenzen zwischen Amtsträgern und Bürgern. Neben Wulff, Großmann und Rupprecht mischten sich auch die Bürgermeister Vincent Hamen (Longwy) und Peter Bohinec (Jesenice) ungezwungen unter das Volk – ein Sinnbild für Freundschaft auf Augenhöhe.

Für Holger Ehnes, den Vorsitzenden des Partnerschaftskomitees, war dieser Tag der „absolute Höhepunkt von einigen Jahren intensiver Arbeit“. Ob die Wurzeln nach Frankreich und Slowenien oder die Verbindungen nach Randa und Atar – in Nagold ist die Welt zu Hause.