Dr. Elisabeth Kauder bei ihrer Rede über die Arbeit der German Doctors in Armutsländern auf der Kanzel von St. Johann. Foto: Lutz Rademacher

In Donaueschingen schildert Elisabeth Kauder ihre Arbeit in Slums und Krisengebieten: medizinische Hilfe unter extremen Bedingungen und Begegnungen, die zum Nachdenken über anregen.

Manch einer nutzt seinen Urlaub, um sich einmal richtig verwöhnen zu lassen. Nicht so Elisabeth Kauder, die seit 2001 unentgeltlich die Ärmsten der Armen medizinisch und psychologisch betreut, und währenddessen selbst in den Slums lebt – mit allen räumlichen und hygienischen Herausforderungen.

 

In ihrer Kanzelrede in St. Johann „Mit den German Doctors unterwegs in den Armutsländern der Welt“ gab sie am Sonntag, 30. November, Einblicke in ihre ehrenamtliche Tätigkeit und in die Lebensbedingungen der Menschen, begleitet von eindrucksvollen Bildern auf einer großen Leinwand.

Was treibt jemanden an, sich solchen Umständen auszusetzen? Kauder erinnerte an das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Dieses Gleichnis enthalte einen klaren Auftrag zum Handeln: sich dem zuzuwenden, der in Not ist – unabhängig von Herkunft, Glauben oder persönlichen Merkmalen.

Und Not gebe es weiterhin reichlich: Armut, Hunger, Krankheit sowie die Folgen von Kriegen und Naturkatastrophen. Genau dort setze die Arbeit an: Menschen, die in extremer Armut leben, basismedizinisch zu versorgen.

Die Slums von Kalkutta

So flog Kauder immer wieder in die Slums von Kalkutta, wo Familien mit acht bis zehn Personen in einer zehn Quadratmeter großen Wellblechhütte ohne Strom und Wasser leben. Mangelnde Hygiene und Unterernährung machen sie besonders anfällig für Krankheiten.

Die Kanzelrede von Elisabeth Kauder in der Donaueschinger Stadtkirche St. Johann findet ein interessiertes Publikum. Foto: Lutz Rademacher

Bis zu 200 Kranke wurden täglich behandelt. Schwer auszuhalten seien die armutsbedingten Mangelerkrankungen, während in Europa Krankheiten aus Überfluss entstehen. Ebenso bedrückend sei die Begegnung mit schwer kranken Menschen, denen in Deutschland geholfen werden könnte, vor Ort aber nicht.

Das Erlebnis: Ganz am Leben zu sein

In Indien lasse sich unmittelbar erleben, wie eng Gesundheit und Wohlbefinden mit sozialer Lage und Bildungsstand verflochten sind. Die Stadt Kalkutta mit ihren Gegensätzen – Freude und Leid, Schönheit und Verfall, geistiges Leben und Analphabetismus, Leben und Tod – habe sie so in ihren Bann gezogen, dass sie immer wieder zurückkehrte. „Sie schenkt mir auch das Erlebnis, ganz am Leben zu sein“, sagte Kauder.

Gisela Rösch, Vorsitzende des Kirchbaufördervereins, bedankt sich bei der Rednerin. Foto: Lutz Rademacher

Nachdem in den vergangenen Jahren der Zugang zu medizinischer Hilfe verbessert und in indische Verantwortung überführt wurde, konzentriert man sich seit 2023 auf ländliche Regionen. In Jhagram, einem Distrikt 170 Kilometer von Kalkutta, lebt eine indigene Bevölkerung in abgelegenen Dörfern, ausgegrenzt und weit unterhalb der Armutsgrenze.

Die Hälfte der Menschen ist krank bis schwer krank. Klimawandel, verdorrte Ernten, verendetes Vieh und versiegende Brunnen verschärfen die Lage. Medizinische Hilfe gab es keine. Nun hat der Verein German Doctors mobile Ambulanzen eingerichtet, die 49 Dörfer versorgen.

Hilfe für traumatisierte Minderjährige

Als 2015 viele Menschen aufgrund von Krieg und Verfolgung ihre Heimat verließen – darunter zahlreiche Jugendliche – beschlossen die German Doctors, in Griechenland traumatisierten Minderjährigen zu helfen.

Die Verständigung war die größte Hürde. Gelöst wurde sie durch Bildsprachen: Jugendliche bauten in Sandkästen mit Miniaturfiguren ihre Welt nach. Diese bildhafte, wortlose Darstellung wirkt heilsam und hilft, Erlebtes zu verarbeiten und neues Vertrauen zu entwickeln. Ein anderer Jugendlicher fand über ein selbst verfasstes Gedicht Zugang zu seiner Umwelt.

Die Begegnungen mit Geflüchteten und Menschen in Armutsländern geben Kauder immer wieder Anlass, über ihr eigenes Leben nachzudenken. Den leidenden Menschen, die sich trotz scheinbarer Hoffnungslosigkeit nicht entmutigen lassen und mit großer Tapferkeit ihrem Alltag begegnen, sei sie dankbar.

Zur Person

Elisabeth Kauder
ließ sich nach dem Medizinstudium in Freiburg zur Fachärztin für Innere Medizin fortbilden. Ende 2011 schloss sie erfolgreich eine Weiterbildung zur Psychotherapeutin ab und betreibt seit 2012 in Stuttgart eine eigene Praxis als Psychoanalytikerin. Im Urlaub ist sie seit 2001 für die German Doctors – zunächst in Kenya und Bangladesh, dann immer wieder in Indien – unterwegs. In Griechenland engagiert sie sich in der psychologischen Betreuung unbegleiteter minderjähriger Kriegsflüchtlinge aus Syrien und Afghanistan. Als Mitglied des Vereins wurde sie 2008 in den Vorstand berufen und ist seit 2011 Präsidentin der German Doctors. Seit 1976 ist sie mit dem ehemaligen CDU-Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder verheiratet.