Joachim Schneider und das Kamishibai-Theater Foto: Silke Thiercy

Joachim Schneider hat jede Menge kleine Fans: Der Bauingenieur erzählt als Rentner einmal pro Woche Kindergartenkindern Geschichten und hat sogar ein Minitheater dabei.

Wenn der 68-Jährige am Dienstagvormittag in die Kita in Endingen kommt, dann zockeln seine Fans im Gänsemarsch hinter ihm her Richtung Leseecke. Die Kinder bauen sich ihre „Arena“ aus Kissen und Polstern auf dem Boden, Joachim Schneider sitzt auf einem Ministuhl. Sobald er die Klappen des „Kamishibai-Theaters“ öffnet, wird es Mucksmäuschen still – die Kinder tauchen ein in die kunterbunte Welt der Geschichten und opulenten Bilder.

 

„Kamishibai“, das ist im Prinzip ein Holzkasten, in dem Bildtafeln stecken, die die Geschichte illustrieren, welche Joachim Schneider vorliest. Nach und nach zieht er die Tafeln aus dem Kasten, so haben die Kinder immer was Neues zum gucken.

Vom Bauingenieur zum Vorlesepate

Vom Bauingenieur zum Vorlesepate, wie kam der Erzinger dazu? „Als ich im April vergangenes Jahr den letzten Auftrag abgewickelt hatte, war mir klar, dass ich meine Zeit mit einem Ehrenamt füllen will“, erzählt Schneider beim Besuch in unserer Redaktion. Auf der Homepage der Stadt Balingen sei er fündig geworden und ist vor beinahe exakt einem Jahr zum ersten Mal mit einem Buch unter dem Arm in den Endinger Kindergarten gekommen.

„Das war nicht so optimal“, erinnert sich der passionierte Vorlesepate. Denn in einem Buch kommen die Bilder zu früh oder zu spät, als dass sie exakt zum Text passen würden. Und außerdem könnten nicht alle Kinder gleichzeitig sie sehen. 80 Kinder werden derzeit in der Kita betreut, mindestens 15 lassen sich einmal pro Woche von Schneider vorlesen. Sie sind zwischen drei und sechs Jahren alt.

„Wunderkarten aus Japan“

Auf der Suche nach Lesefutter hat er in der Mediothek den Tipp zum Kamishibai-Theater bekommen. Schneider war sofort begeistert von diesen „Wunderkarten aus Japan.“ Die wurden von buddhistischen Wandermönchen erfunden und zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Süßwarenhändlern als „Lockmittel“ umfunktioniert. „Die Geschichten gab es umsonst, dann würde Süßes verkauft“, weiß Schneider.

Mittlerweile hat er selbst einen ordentlichen Fundus an Geschichtensätzen beisammen. „Die tollen Geschichten sind in der Mediothek meistens ausgeliehen.“ Zehn Minuten dauert solch eine Geschichte, zwei liest er bei jedem seiner Besuche vor. Und hat einen klaren Favoriten: „Der selbstsüchtige Riese“ von Oscar Wilde.

Mittlerweile Routine im Kindergarten

„Die Kinder können heute nicht mehr zuhören.“ Das zumindest war Schneiders Eindruck vor einem Jahr. Die Kleinen waren hibbelig und unruhig. Dann kam ihm die Idee, seine Besuche vom Montagvormittag auf den Dienstag zu verlegen. Und siehe da: Bald war es gar nicht mehr nötig, dass eine Erzieherin daneben sitzt.

Schneiders Besuche haben sich zur Routine entwickelt. Er habe von den Erzieherinnen durchweg gutes Feedback erhalten. Und die Kinder? „Die bedanken sich auf kindliche Weise“, sagt Schneider. Wenn sie ihm aufmerksam zuhören, dann sei das seine größte Bestätigung.

Wenn die letzte Geschichte des Tages vorgelesen ist, dann wollen ihn die Kinder kaum gehen lassen. Neulich wollte ein Mädchen, dass er „huuuundert Geschichten“ erzählt. Joachim Schneider muss schmunzeln.

„Ich kann auch sehr albern sein“

Und dann gibt er eine Kostprobe seines Könnens. Er liest vom selbstsüchtigen Riesen vor, wobei „Vorlesen“ dem Auftritt nicht gerecht wird. Joachim Schneider schlüpft in die Figuren, gibt jeder eine andere Stimme, betont wie ein Schauspieler. „Ich übe jede Geschichte mindestens zwei Mal zu Hause“, verrät der Vorlesepate. Eins haben übrigens alle seine Besuche bei den Endinger Minis gemeinsam – es sei immer lustig. Joachim Schneider grinst. „Ich kann auch sehr albern sein.“