Kim Bui ist seit Sommer 2024 Mitglied der Athletenkommission des Internationalen Olympischen Komitees. Foto: www.imago-images.de/IMAGO/Wu Huiwo

Kim Bui ist ehemalige Turnerin, Mitglied der IOC-Athletenkommission – und moderiert am Wochenende beim DTB-Pokal in Stuttgart. Wir haben sie gefragt: Wie sehr wird der Turnskandal das Event überlagern?

Kim Bui ist Stammgast beim DTB-Pokal – erste viele Jahre als Turnerin, mittlerweile als Moderatorin. Die 40. Ausgabe steht ab Donnerstag im Schatten der Missbrauchsvorwürfe der vergangenen Wochen. Kim Bui, die Mitglied der IOC-Athletenkommission ist, sagt dennoch: „Ich hoffe, wir können mal wieder für positive Turn-Schlagzeilen sorgen.“

 

Kim Bui, Sie haben als noch recht neues Mitglied der Athletenkommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in den vergangenen Tagen erstmals eine bedeutsame Session miterlebt. Wie waren Ihre Eindrücke?

Es war wirklich ein besonderes Erlebnis, eine solche Session miterleben zu dürfen. Unter den IOC-Mitgliedern sind ja wirklich bedeutsame Personen, teils Staatsoberhäupter. Da wird einem die Bedeutung und die Wucht des IOC schon noch einmal bewusst.

In Griechenland endete auch die Ära des IOC-Präsidenten Thomas Bach. Als seine Nachfolgerin wurde erstmals eine Frau an die Spitze der Organisation gewählt. Ein besonderes Signal?

Auf jeden Fall. Kirsty Coventry ist Olympiasiegerin, also selbst Athletin gewesen. Sie ist Anfang 40, Mutter von zwei Töchtern, stammt aus Afrika. Ich halte das für ein starkes Zeichen, dass sich auch innerhalb des IOC etwas verändert hat in den vergangenen Jahren. Zumal sie gleich im ersten Wahlgang die notwendigen Stimmen erhalten hat.

Welche inhaltlichen Schwerpunkte erwarten denn die Athletinnen und Athleten, die Sie ja vertreten?

Thomas Bach und Kirsty Coventry haben die Athletinnen und Athleten ja beide als ‚das Herz der Olympischen Bewegung’ bezeichnet. Für die Sportlerinnen und Sportler ist es also wichtig, entsprechend gehört und eingebunden zu werden. Die neue Präsidentin war einst selbst Teil der Athletenkommission, daher bin ich sehr zuversichtlich, dass sie stets ein offenes Ohr für deren Belange haben wird.

Auf offene Ohren sind zahlreiche ehemalige und aktive Turnerinnen gestoßen, die in den vergangenen Wochen über ihre Missbrauchserfahrungen gesprochen haben. Seitdem ist die Aufklärung im Gange. Nun steht der DTB-Pokal an – wird die Veranstaltung komplett im Schatten dieser Geschehnisse stehen?

Ich glaube nicht, dass die Stimmung in der Halle in irgendeiner Art getrübt sein wird. Es werden auch diesmal zahlreiche internationale Top-Turnerinnen nach Stuttgart kommen, es gibt tolle Wettkampfformate. Daher bin ich auch hier zuversichtlich, dass es eine gelungene 40. Ausgabe des DTB-Pokals geben wird. Und ich freue mich sehr, selbst wieder Teil davon zu sein. Ich hoffe, wir können mal wieder für positive Turn-Schlagzeilen sorgen.

Als Turnerin war Kim Bui immer wieder beim DTB-Pokal am Start. Foto: Pressefoto Baumann/Alexander Keppler

Versetzen wir uns einmal in die Zuschauer. Müssen die sich – nach den Erfahrungsberichten der vergangenen Wochen – nun bei jeder Topleistung fragen: Unter welchen Umständen wurden die erarbeitet?

Ich würde mir wünschen, dass die Menschen, die in die Halle kommen, die Wettkämpfe einfach genießen. Turnen ist eine so schöne und faszinierende Sportart, das sollte für die Zuschauer im Mittelpunkt stehen. Sie sollten sich nicht von diesem Sport abwenden, denn durch ihr generelles Interesse am Turnen bleibt auch auf der anderen Geschichte öffentlicher Druck.

Was aus Ihrer Sicht wichtig ist?

Natürlich, diese Diskussion darf nicht enden, nur weil nun wieder Wettkampfsport geboten wird. Wir haben da ja viel angestoßen, das mit Blick auf die Zukunft entwickelt und verändert werden muss.

„Nicht nur Staub wegwischen“

Die Maßnahmen sind bedeutsam und vielfältig, sogar die Staatsanwaltschaft ermittelt, befragt Beteiligte und durchsucht Räumlichkeiten. Dazu gibt es eine Arbeitsgruppe des LSV, der DTB hat eine Kanzlei beauftragt und will einen Expertenrat gründen. Geht das in Summe in die richtige Richtung?

Ja, definitiv. Denn: Wenn der Druck auf die Beteiligten nicht hoch ist, wird wieder lediglich das Nötigste getan. Aber die aktuelle Debatte hat eine viel größere Dimension als jene vor ein paar Jahren in Chemnitz. Deshalb darf gerade jetzt nicht nur ein bisschen Staub von der Oberfläche gewischt werden. Man muss jetzt dran bleiben.

Was erwarten Sie von den unterschiedlichen Formen der Aufarbeitung?

Vor allem, dass es in der Konsequenz daraus Veränderungen gibt, die auch nachhaltig sind. Das wird am Ende die entscheidende Frage sein. Es wird dauern, bis Lösungen ihre Wirkung entfalten, aber ich hoffe, alle bleiben diesmal dran.

Die aktuellen Spitzenturnerinnen am Standort Stuttgart hingen nun viele Wochen quasi in der Luft, da Trainerinnen und Trainer teils suspendiert wurden, teils krank fehlten. Wie sehr haben sie unter dieser Situation gelitten?

Ganz klar: Das war für diese Turnerinnen eine schwierige Zeit. Denn gerade das Frühjahr ist sehr wichtig, hier werden Grundlagen gelegt, neue Elemente erlernt und verinnerlicht. Ich denke, dass dies langfristig zu kompensieren sein wird, wie sie dieses Wettkampfjahr gestalten können, muss man aber erst noch sehen. Vielleicht bin ich da nach dem kommenden Wochenende schon schlauer.

In Aimee Boorman hat die Gruppe in Stuttgart seit rund drei Wochen wieder eine feste Trainerin – was halten Sie von der Personalie?

Ich kenne zwar die Geschichte von Aimee Boorman als Trainerin von Superstar Simone Biles, aber sie eben nicht persönlich. Wichtig ist, dass die Turnerinnen nun wieder eine Trainerin haben, noch dazu eine namhafte. Das ist gut. Ich hoffe, dass die Sportlerinnen in ihr am Ende auch eine gute Trainerin sehen.