Ehemalige Top-Managerin Langstrecken-Wanderin: „Wir haben das Alleinsein verlernt“

Bettina Hartmann
Die Weitwanderin Christine Thürmer hat an die 70.000 Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Foto: Jimmy Beunardeau, KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle

Christine Thürmer ist seit über zwei Jahrzehnten Weitwanderin. Mit uns spricht sie über Körpergefühl, Hygiene, Ernährung und Krankheit in der Wildnis – und über das Alleinsein.

Einst war sie Top-Managerin, hat Firmen aus der Krise geführt und viel verdient. Dann wurde ihr gekündigt. Aber es kam kein persönliches Tief, sondern die Erfüllung eines schon länger gehegten Traums: Christine Thürmer (58) ist seit mehr als 20 Jahren als Fernwanderin unterwegs. Sechs bis acht Monate lang geht sie jedes Jahr mit minimalem Gepäck durch die Welt und hat inzwischen gut 70.000 Kilometer zu Fuß zurückgelegt – obwohl sie sich als völlig unsportlich beschreibt.

 

Frau Thürmer, Sie sind seit über zwei Jahrzehnten auf Tour, haben alle bekannten Langstreckenwanderwege dieser Welt abgelaufen. Was reizt Sie immer noch daran?

Ganz einfach: Wandern macht mich total glücklich. Ich komme in einen Flow. Das darf man sich aber nicht als Sucht und Rausch vorstellen. Es sind stattdessen ganz, ganz viele kleine Glücksgefühle, die ich jeden Tag spüre. Und Freiheit.

Obwohl Sie sich auf Ihren Touren sehr beschränken.

Nein, gerade weil ich das mache. Ein Beispiel: Unterwegs schlafe ich sechs Tage die Woche auf einer Isomatte und kann maximal Katzenwäsche machen, wenn ich an einem Bach vorbei komme. Da müffelt man nach und nach ordentlich. Teilweise kann ich den Dreck von meiner Haut abrubbeln. Am siebten Tag gönne ich mir, wann immer möglich, einen Ruhetag in der Zivilisation. Wenn ich im Hotel unter der Dusche stehe, die Kruste abwasche und Duschgel rieche, durchströmt mich pures Glücksgefühl. Das spüre ich auch beim ersten Sonnenschein nach tagelangem Regen. Oder wenn ich hungrig in einen Schokoriegel beiße. Man spürt sich selbst und die kleinen Dinge viel extremer.

Wie finanzieren Sie dieses Leben?

Ich habe einst sehr gut verdient, nie großen Spaß am Geldausgeben gehabt und es stattdessen gut angelegt. Zu den Ersparnissen kommen Einnahmen aus meinen Buch-Projekten und Live-Shows, im November etwa in Stuttgart. Unterwegs habe ich vier Kostenpunkte: Für Proviant stehen mir täglich etwa zehn Euro zur Verfügung, für meine Ruhetage samt Unterkunft, Abendessen und ab und zu Kulturprogramm um 300 Euro im Monat, dazu kommen Fixkosten wie Handyvertrag und Krankenversicherung sowie die An- und Abreise. Insgesamt komme ich damit auf monatlich rund 1000 Euro. In Deutschland, während meiner Wanderpausen, brauche ich noch weniger.

Christine Thürmer Foto: Jimmy Beunardeau

Wo wohnen Sie denn?

Ich war faktisch jahrelang obdachlos, bin bei Freunden oder WGs auf Zeit untergekommen und hatte meine ganzen Sachen eingelagert. Inzwischen habe ich eine kleine Wohnung in einer Berliner Plattenbausiedlung gemietet. Für nicht mal 300 Euro warm im Monat.

Sie sind beim Wandern glücklich. Gibt es auch Tiefpunkte?

Klar. Zum Beispiel, wenn man in einem Tümpel badet – und danach lauter Blutegel an sich hat. Oder aus einer Wasserstelle trinken muss, die voller Kuhfladen ist. Ab und zu scheitere ich auch. Zuletzt war ich ja in Asien unterwegs, in Japan, Südkorea und Taiwan. Da herrschen zum Teil wahnsinnige Bedingungen, Hitze plus irre Luftfeuchtigkeit. Ich hatte mich im Jahr zuvor schon mal am Tokai-Nature-Trail versucht – 1000 Kilometer, die Tokio und Osaka verbinden. Die Wege sind zugewuchert, man kommt in sehr steiles, abrutschgefährdetes Terrain. Es war die Hölle. Ich musste abbrechen. Dieses Mal habe ich es geschafft. Das war ein überwältigendes Gefühl.

Fernwandern bedeutet Überwindung?

So ist es. Man muss sich durchbeißen. Dadurch gewinnt man aber enorm an Energie, Vertrauen in sich und Selbstwertgefühl. Ich habe eine innere Zufriedenheit und Kraft gefunden, die nicht von Äußerlichkeiten oder äußerer Anerkennung abhängt.

Trotz aller Kraft kann man unterwegs krank werden. Was ist dann?

Je älter ich werde, umso öfter kommen Fragen zur Gesundheit. Ich bin alles andere als sportlich, habe Plattfüße, X-Beine und zehn Kilo Übergewicht. Trotzdem bin ich so gut wie nie krank. Und wenn mal ein Schnupfen kommt, dann meist in der Ruhephase, also wenn ich nicht wandern bin. Meiner Meinung nach ist Wandern die beste Medizin. 2022 allerdings hat es mich dennoch richtig erwischt.

Inwiefern?

Ich war zu der Zeit in den USA unterwegs, mitten im Nirgendwo. Und plötzlich ging es mir elend. Ich lag mit Fieber, Schüttelfrost und wahnsinnigem Husten im Zelt. Aber mir war klar: Ich muss weiter, bis ich endlich in einen Ort komme.

Und dort sind Sie dann zum Arzt?

Nein, in eine Apotheke. Der Corona-Test war positiv. Zunächst habe ich überlegt, in ein Hotel einzuchecken. Aber tagelang in einem engen, muffigen Zimmer? Die Vorstellung fand ich gruslig. Also habe ich mich dann doch für die Natur entschieden und bin weitergezogen.

War das nicht leichtsinnig?

Ich hatte zuvor ein Telefonat mit einem Freund, der Intensivpfleger ist. Er meinte: Dein Körper ist aufs Wandern programmiert, mach das, aber mit weniger Kilometer als sonst. Und in der Tat, es hat funktioniert. Es ist erstaunlich, zu was der Körper alles fähig ist.

Auch der Geist ist bei Ihren sehr langen Touren gefordert.

Ich sage immer: Ob man einen Trail schafft, entscheidet sich zu 80 Prozent im Kopf und nur zu 20 Prozent in den Füßen. Frauen scheinen hier stärker zu sein. Sie machen zwar nur ein Viertel der sogenannten Trail-Wanderer aus, aber sie brechen seltener ab. Wenn es um Kurzstrecken geht, können Frauen in Sachen körperliche Fitness mit ähnlich trainierten, ähnlich alten Männern meist nicht mithalten. Je länger die Strecken sind, desto wichtiger werden jedoch andere Qualitäten.

Der Wille?

Ja, die Überwindung, das mentale Durchhaltevermögen. Männer sind leistungsorientiert, suchen den Wettbewerb – schneller, höher, weiter. Gibt es auf der Tour nichts Besonderes mehr zu erreichen, nichts mehr zu bezwingen, ist die Motivation weg – sie geben auf. Frauen hingegen, ich inklusive, müssen sich häufig nichts beweisen. Mir geht es nicht darum, einen Weg in Rekordzeit oder täglich so viele Kilometer wie möglich zu gehen. Hauptsache, ich bin draußen.

Kann somit jeder Langstrecken schaffen?

Absolut. Ich warne aber davor, unvorbereitet in die Wildnis zu gehen. Meine Strecken bereite ich akribisch vor. Da kommt mir mein Talent für Logistik und Planung zugute. Einsteiger sollten mit einem leichten Trail beginnen. Es muss ja nicht der völlig überlaufene Jakobsweg sein. Es gibt viele schöne, unbekanntere Routen. Wer einen langen, abgelegeneren Weg gehen will, sollte sich gründlich vorbereiten – im Kopf, körperlich und was die Ausrüstung betrifft.

Apropos Ausrüstung. Was haben Sie dabei?

Ich wandere sehr leicht, mit maximal fünf bis sechs Kilo Ausrüstung und Kleidung. Anders geht’s nicht. Ich beschränke mich somit auf das Lebensnotwendige. Unter anderem natürlich mein Zelt, Schlafsack, Isomatte. Insgesamt setze ich nicht auf teure Outdoor-Spezialprodukte. Mir tut’s die Fleecejacke vom Discounter. Zudem nutze ich Dinge variabel. Meine Wanderstöcke zum Beispiel sind auch die Stangen fürs Zelt. Aufs Gewicht drauf kommen noch Proviant und teils Wasser.

Was essen Sie denn unterwegs?

Die Perspektive verschiebt sich. Es geht nicht um Genuss, sondern um Kalorienzufuhr. Manche Leute sagen: Warum sammelst du unterwegs nicht Kräuter und Beeren? Sorry, ich brauche bis zu 5000 Kalorien pro Tag. Da müsste ich zehn Kilo Blaubeeren pflücken. In der Regel gibt’s daher morgens ein halbes Pfund Müsli mit kaltem Wasser angerührt. Mittags und abends je ein Tütengericht. Zwischendurch viel Schokolade – gern mal bis zu vier Tafeln am Tag. Und Kekse, Nüsse oder sonstige Snacks. Man muss allerdings anpassungsfähig sein, sich nach dem Angebot vor Ort richten. Manchmal gibt’s nur eine Tankstelle. Oft komme ich tagelang an keinem Laden vorbei.

Wie sieht’s mit Wasser aus?

Da kann man nicht alles bei sich tragen, das wäre viel zu schwer. Man trinkt also unter anderem aus Wasserstellen. Das kostet teils Überwindung, da wie gesagt auch mal verdreckt. Ich habe meist Getränkepulver mit, um den Geschmack erträglicher zu machen.

Sie sind fast immer allein unterwegs. Hatten Sie schon mal riskante Situationen?

Noch nie. Wandern ist ja kein Extremsport, zumal, wenn man das Klettern meidet. Ich bin zudem mit Handy und GPS ausgerüstet. Falls Sie sexuelle Übergriffe meinen: Wer lauert in einem Wald am Arsch der Welt auf seine Opfer? Begegnungen mit Bären sind da wahrscheinlicher. Insgesamt halte ich das Leben in der Großstadt für gefährlicher. Ich sehe teils tagelang keinen einzigen Menschen. Und nachts, in meinem Zelt, bin ich quasi unsichtbar. Ich bin mal aus Versehen in eine nächtliche Militärübung geraten. Selbst da hat mich niemand entdeckt.

Und Sie fühlen sich nie einsam?

Nein, gar nicht. Das hat einen einfachen Grund: Ich mag mich selbst wirklich verdammt gern. Ich schätze zwar Gesellschaft, die habe ich dann ja während meiner Wanderpausen. Auf Tour bin ich aber bewusst alleine, schon weil es weniger Konfliktpotenzial birgt. Generell haben wir meiner Meinung nach das Alleinsein verlernt.

Wird Ihnen nie langweilig?

Langeweile kenne ich nicht. Für Abwechslung sorgen unterwegs Hörbücher, Podcasts und Telefonate mit Freunden. Ich bin zudem extrem neugierig und kann mich für so ziemlich alles interessieren. Zum Beispiel war ich mal auf dem Fernwanderweg GR 14 durch die Wälder der belgischen Ardennen unterwegs. Dort war im Zweiten Weltkrieg ein Teil der Front. Jetzt bin ich Expertin für die Ardennenoffensive vom Winter 1944.

Landschaft hingegen halten Sie für überschätzt.

Sie ist für mich zweitrangig. Es ist der Weg, der im Vordergrund steht, das Erlebnis an sich. Der Schweiß, der Dreck, die Entbehrung. Wir kennen als Gesellschaft keinen Diskomfort mehr. Dabei wäre es für jeden wichtig, sich immer mal wieder auf Unbekanntes einzulassen, sich zu fordern, an Grenzen zu gehen und sie zu überwinden. Im asiatischen Raum, wo ich ja zuletzt unterwegs war, nennt man das Misogi – eine selbst gewählte Herausforderung mit offenem Ausgang.

Wie lang wollen und können Sie sich diesen Herausforderungen noch stellen?

Das werde ich inzwischen oft gefragt. Ich bin gesund. Zudem mache ich das, wofür unser Körper ursprünglich gedacht war: Ich gehe, statt jeden Tag stundenlang am Rechner zu sitzen. Unsere Urahnen waren als Nomaden ständig in Bewegung. Sogar mit Gewicht auf dem Rücken. Denn anders als Tiere, die ihre Beute sofort fressen, kann der Mensch seinen Proviant einteilen und kilometerweit tragen. Dass man einst früh starb, lag weniger an Verschleiß, sondern eher an mangelnder Hygiene und medizinischer Versorgung.

Gibt es keine natürliche Grenze?

Man ist nie zu alt zum Wandern. Den Rekord auf dem Appalachian Trail, der durch die Appalachen 3500 Kilometer lang von Georgia nach Maine führt, hält ein Mann, der ihn mit 83 Jahren gegangen ist. Der Herr will die Tour jetzt, mit 90, noch mal wagen. Ich bin 58. Da würde ich sagen, ich habe noch mindestens ein Vierteljahrhundert vor mir.

Zur Person

Vor dem Wandern
Christine Thürmer, geboren am 9. Juli 1967, ist im fränkischen Forchheim aufgewachsen. Nach dem Abitur ging’s nach Berlin zum Studium der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Hochschule der Künste. Im Anschluss arbeitete sie als Managerin, war unter anderem für die Sanierung von in Turbulenzen geratenen Unternehmen zuständig.

Beim Wandern
Nachdem sie arbeitslos geworden war und ein Freund einen Schlaganfall hatte, war es für Thürmer Zeit, ihr Leben radikal zu ändern – sie nennt es nicht aus-, sondern umsteigen. Bei einem Urlaub im Yosemite-Nationalpark in den USA hatte sie das durchgängige Wandern auf Fernwegen kennengelernt – und war fasziniert. Im April 2004 ging sie ihren ersten Fernwanderweg: den Pacific Crest Trail in den USA, in fünf Monaten 4277 Kilometer von Mexiko nach Kanada. Seitdem ist sie sechs bis acht Monate im Jahr auf der ganzen Welt zu Fuß unterwegs. Die meiste Zeit schläft sie auf ihren Touren in ihrem Zelt. Wanderpausen
In der übrigen Zeit wohnt Christine Thürmer in einer Plattensiedlung in Berlin, schreibt Bücher und tritt deutschlandweit mit ihrer Live-Show auf. Ihr neues Buch „Hiking Asia“ ist kürzlich im Piper-Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 18 Euro. Am Dienstag, 10. November 2026, gastiert sie um 20 Uhr im Theaterhaus in Stuttgart. (ina)