Der Geschichte der Bergstraße 29 wird ein weiteres Kapitel hinzugefügt. Nach Bauernhaus, Volksbank und Ort der „Tanzschule Gayer“ kommt jetzt ein neuer Besitzer.
Den Rundbogen ziert ein Stein mit der Inschrift „1793“. „Das Haus stammt also noch von vor dem großen Stadtbrand“, kommt Peter Gayer auf die Katastrophe zu sprechen, die im Juli 1794 zu einem der einschneidendsten Ereignisse für Sulz wurde.
Angebracht ist der Stein am Haus in der Bergstraße 29. Und das Gebäude hat wahrlich viel erlebt. Die neueste Wendung: „Im Januar ist der Termin beim Notar, dann gehört es der Stadt“, erklärt der umtriebige Tanzlehrer. Denn dann wird die Immobilie an den Eigenbetrieb Soziales Wohnungs- und Baumanagement (SWB) übergehen.
Viele Funktionen
Doch was hat es mit dem stadtbildprägenden und denkmalgeschützten Haus auf sich? Einst als altes Bauernhaus erbaut, seien die Heuwagen durch den Rundbogen gefahren, dann sei die Ladung in die oberen Stockwerke verbracht worden: „Die Seilwinde ist immer noch da“, verrät Gayer.
Darunter befindet sich der „Hexenkeller“. „Als im Zweiten Weltkrieg die Bomben fielen, ist hier die Volksschule abgehalten worden“, kommt er auf ein weiteres Stück Geschichte zu sprechen. Danach habe das Gebäude zeitweise der Volksbank gehört, bis es an die Zeugen Jehovas ging, die dort ihren Betsaal einrichteten.
Umfassende Renovierung
1988 erwarb Gayers erste Frau das Haus, ein Jahr später war es dann als Tanzschule bezugsfertig. „Im Tanzsaal lag noch das alte Parkett der Bank“, erzählt er eine Anekdote. Den Platz, wo jahrelang der schwere Tresor gestanden habe, könne man an der Delle im Boden feststellen.
Es folgte die Sanierung des Treppenhauses, neue Fenster und Türen wurden eingebaut und auch besagter Schlussstein am Rundbogen mit dem Jahresvermerk wieder sichtbar gemacht – zuvor sei er von Putz verdeckt gewesen, verrät Gayer.
Wohnungen statt Tanzsaal
Seither konnten junge und alte Sulzer also lernen, wie man gekonnt das Tanzbein schwingt. Doch dann kamen Corona und mit der Pandemie auch Abstandsregelungen, die den Betrieb letztendlich unrentabel machten.
„2022 habe ich die Tanzsäle zurückgebaut, so dass mehrere Zimmer entstanden“, erläutert er den weiteren Fortgang. Zusätzlich wurden ein Aufenthaltsraum sowie Sanitärräume eingerichtet. Es folgte ein Zehnjahres-Vertrag mit dem Landratsamt zur Unterbringung von Flüchtlingen.
Immer noch aktiv
„Ich bin aus dem Beruf draußen, das ist jetzt meine Altersvorsorge“, kommt er auf den Verkauf an den städtischen Eigenbetrieb zu sprechen. So wurde aus dem einstigen „Tanzstudio 34“ in der Horber Neckarstraße – 1981 von ihm erbaut – die „Tanzschule TIN“ – Tanzen im Neckartal unter den Inhabern Jasmin Gayer und Markus Dreßler.
„Da ist ein Lebensabschnitt zu Ende gegangen“, beschreibt Gayer die Situation. Doch so ganz kann er es auch nicht lassen. „Jeden Samstag bin ich von 18 bis 20.30 Uhr weiterhin in Horb als Tanzlehrer aktiv“, spricht er von seiner Leidenschaft.
Was passiert zur Fasnet?
Doch diesem bewegten Leben müsse man eben auch Tribut zollen: „Nächsten Monat werde ich 74 Jahre und merke, dass es mit den Gelenken nicht mehr so geht“, sagt er. Aber auch wenn er nicht mehr so oft auf dem Parkett anzutreffen ist, könne man ihn doch regelmäßig hoch in den Lüften entdecken, verrät er.
„Ich bin jetzt bei den ‚Borkies‘, dem Gleitschirmclub in Sasbachwalden“, spricht Gayer, ein passionierter Flieger, von seinem Hobby. Namensgebend sei sprichwörtlich der Borkenkäfer gewesen. Mit seiner Erfahrung mit Motorflugzeug, motorisiertem Drachen und Gleitschirm passe er da gut hinein.
Und der „Hexenkeller“? „Es wäre toll, ihn als Fasnet-Besenwirtschaft zu nutzen“, findet Gayer. Schließlich sei das Flair in dem Keller einfach unschlagbar. Doch sieht er da noch ein Problem: „Wenn alle närrisch feiern wollen, wer steht dann hinter der Theke?“