Ehe-Experiment Swingerclub „Der Swingerclub wird deine kaputte Ehe nicht retten“

Petra Xayaphoum
Den Swingerclub zu besuchen kann auch verheerende Folgen für die ohnehin angeknackste Beziehung haben. Foto: KI/Midjourney/Sebastian Ruckaberle

Haus, Kinder, Karriere – und keine Lust mehr aufeinander. Larissa und Jakob wollten ihre Ehe im Swingerclub retten. Ein Protokoll über Libido, Eifersucht und verletzte Egos.

Larissa* und Jakob* waren 20 Jahre lang ein Paar, zehn davon verheiratet. Vor lauter Eigenheim, Kinder und Karriere blieb das Liebesleben der beiden auf der Strecke. Eine Depression, Affäre, gemeinsame Swinger-Phase und vier Jahre Paartherapie später ist Larissa wieder Single. „Der Swingerclub wird deine kaputte Ehe nicht retten“, weiß sie heute.

 

Dass ihre Ehe das gemeinsame Swingen nicht überlebt hat, hat jedoch wenig mit der Sache an sich zu tun. Vielmehr hat das Swingen nur wie ein Katalysator auf all die kleinen Brände gewirkt, die ohnehin schon an der Beziehung gekokelt haben. Und irgendwann, da brannte dann das ganze Haus. Aber von vorn, ganz vorn.

Vertrauensbruch statt Rückhalt

Sex mit neuen Partnern kann die eingeschlafene Paarbeziehung wieder ankurbeln. „Doch beide Parteien sollten es von sich aus wollen“, sagt Larissa*. Foto: IMAGO/YAY Images/IMAGO

Das als neuen Normalzustand zu akzeptieren, fiel der Stuttgarterin anfangs nicht leicht, und doch wurden über die Zeit Haus, Verpflichtungen, Kinder und Beruf wichtiger als die Paarbeziehung, wichtiger als die Lust. „Wir waren immer unterwegs, hatten immer Projekte und haben da super zusammengearbeitet. Aber was wir von der Liebe wollten, das haben wir nie erforscht“, sagt sie.

Paar beschließt, die Beziehung zu öffnen

Während der Pandemie brach das Konstrukt dann erstmals zusammen: Larissa erkrankte an einer Depression, statt Rückenwind bekam sie von ihrem Ehemann aber Druck. „Von diesem Vertrauensbruch habe ich mich nicht mehr erholt“, sagt die 47-Jährige. Sie floh in eine Affäre, die schlussendlich ans Licht kam und die angeknackste Partnerschaft auf die zweite Probe stellte.

„Aber statt wütend auf mich zu sein, hat mein Mann Verständnis gezeigt“, erinnert sich die Stuttgarterin zurück. Das Paar sprach sich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder aus und beschloss, die Beziehung zu öffnen, sich auf das Experiment Swingerclub einzulassen. „Wir wollten beide, dass die Beziehung wieder lebendig wird“, sagt Larissa. Heute muss sie über ihren eigenen Irrglauben schmunzeln. „Mit einer kaputten Beziehung in den Swingerclub zu gehen, ist eine ganz schlechte Idee. Aber im Nachhinein ist man immer schlauer.“

Ihr erster gemeinsamer Swingerclubbesuch fand in München statt. „Wir hatten uns einen kleinen Swingerclub ausgesucht, der inhabergeführt war. Unseren Freunden haben wir erzählt, wir seien auf Wellnessurlaub.“ Einen Partnertausch oder Gruppensex gab es beim ersten Besuch nicht. Doch für die Stimmung zwischen den beiden Partnern tat er erst mal das, was er sollte: Er entfachte das Feuer wieder, zumindest kurz. „Die Beziehung ist für drei Tage aufgelebt. Doch danach war wieder alles beim Alten.“

Der Swingermarkt kann brutal sein

Und ganz neue Probleme machten sich von Besuch zu Besuch bemerkbar. „Er war eingeschnappt, wenn ich mehr Spaß hatte als er“, erinnert sich Larissa. Wenn sie Sex mit anderen Menschen hatte, fühlte sich Jakob ausgeschlossen, ausgegrenzt und ignoriert. Zuhause dominierten zunehmend Neid- und Eifersuchtsdebatten ihr Zusammenleben. „Das Attraktivitätsgefälle zwischen uns ist groß. Bei mir standen Männer als auch Frauen Schlange, bei ihm nicht“, sagt die Swingerin. Die Zurückweisung, die Jakob im Club erlebte, verletzte und verunsicherte ihn.

Larissas Erfahrungen im Swingerclub hingegen waren positiv. „Ich hatte endlich das Gefühl, unter Gleichgesinnten zu sein“, sagt sie. Beim Gruppensex auf der großen Fläche konnte sie sich ganz dem Flow hingeben. „Die sexuelle Energie lässt einen alles drumherum vergessen“, schwärmt sie. Die Lust, die sie ein ganzes Jahrzehnt unter Verschluss gehalten hatte, konnte endlich aus ihr ausbrechen. Neid und Eifersucht spielten bei Larissa keine Rolle, im Gegenteil. „Ich finde es großartig, wenn mein Partner mit anderen Menschen Sex hat. Das macht mich sogar an.“ Dass Jakob sich mit der Situation unwohl fühlte, kam bei ihr nicht an. „Ich habe meinen Mann in dem Moment auch nicht mehr als emotionales Wesen wahrgenommen.“ Der Gefühlsaustausch, der sich über Jahre aus der Beziehung geschlichen hatte, hatte Spuren hinterlassen. Die Empathie füreinander war nicht mehr da.

Endlich wieder „cool und attraktiv“ sein

„Im Endeffekt hat Jakob viel, glaube ich, nur wegen mir mitgemacht“, weiß die 47-Jährige heute, „das ist keine gute Basis.“ Obendrauf habe sie im Swingerclub etwas gesucht, was sie in ihrer Beziehung nicht finden konnte: „Bestätigung.“ Dass es ihr bei den Affären und Swingerclubbekanntschaften nicht nur um Sex ging, hat sie mittlerweile über sich gelernt. „Ich wollte wieder als der coole und attraktive Mensch gesehen werden, der ich bin.“ Ihr Mann habe sie nicht mehr mit solchen Augen gesehen, in ihrer Beziehung sei sie sich zunehmend „verkehrt“ vorgekommen. Das Swingen offenbarte die unerfüllten Bedürfnisse, offenen Wunden und Unzufriedenheiten der beiden, die sich über Jahre entwickelt und verfestigt haben.

Befreiung nach dem Scherbenhaufen

Seit Kurzem leben die beiden Ehepartner getrennt. Jakob ist mit einer neuen Partnerin zusammen, Larissa führt eine neue Freundschaft-Plus. „Mit ihm war ich auch schon im Swingerclub – das war ein ganz anderes Erlebnis als mit meinem Mann.“ Der Sex und der Zärtlichkeitsaustausch mit anderen Menschen waren für beide Parteien völlig selbstverständlich, „danach hatte ich keine langen Gespräche im Nachhinein“, sagt sie sichtlich erleichtert. „Jeder kann machen, was er oder sie möchte – ohne Eifersucht, Szenen, ohne Dramen. Das ist, wonach ich gestrebt habe.“ Wie es ihr nun geht, nach all dem Hin und Her und dem neuen Singledasein? „Ich bin unfassbar glücklich.“

*Namen von der Red. geändert