Maurizio Marinella ist in seiner Heimatstadt Neapel eine Institution. Die von dem 65-Jährigen angebotenen Binder sind in aller Welt gefragt – selbst in Zeiten, in denen die Krawatte teils als überholtes Accessoire gilt.
Neapel - Mehr als sechs Monate war sein Laden während der Coronapandemie zu. „Es war eine Qual“, sagt Maurizio Marinella, Chef des neapolitanischen Krawattenherstellers E. Marinella. „Wir haben in der Zeit eine E-Commerce-Plattform entwickelt. Sie können nun online auch in Deutschland bestellen“, fügt er hinzu. Er verzieht ein wenig das Gesicht: „Das ist wohl die Zukunft“, meint er achselzuckend.
E. Marinella ist eine Institution in der Hafenstadt am Vesuv. Der nur knapp 20 Quadratmeter große Laden an der Küstenpromenade Via Riviera di Chiaia 287 hat viele Prominente aus- und eingehen sehen. Zu den Kunden zählten oder zählen Prinz Charles, Silvio Berlusconi, Ex-Fiat-Boss Gianni Agnelli, Barack Obama, Schauspieler Marcello Mastroianni, der Regisseur Lucchino Visconti, Ex-Kanzler Gerhard Schröder und seine Nachfolgerin Angela Merkel, die hier Halstücher kauft. Helmut Kohl ließ sich regelmäßig Binder in einer Überlänge von 65 Zentimetern kommen. „Das war ein Gigant“, sagt Maurizio. Es bleibt unklar, ob sich die Aussage nur auf die Körpermaße des Ex-Kanzlers bezieht. Dankschreiben an den Wänden zeugen von der Zufriedenheit der Prominenten. Demnächst darf sich Marinella wohl gar mit dem Titel eines Hoflieferanten des britischen Königshauses schmücken.
Einer der beliebtesten Neapolitaner
Die Einwohner der Hafenstadt haben Marinella gleich nach dem Wahl-Neapolitaner Maradona und dem Volksschauspieler Totò zum beliebtesten Neapolitaner gewählt – noch vor dem Stadtheiligen San Gennaro.
Marinella ist der Krawattenkönig, aber er ist mehr als das. Jeden Morgen um 5 Uhr steht er auf. Um 6 Uhr steht er im Laden, blättert die örtliche Zeitung durch, verschickt Geburtstagswünsche. Um 6.30 Uhr kommen die ersten Kunden, eher Bekannte, die bei ihm einen Cappuccino trinken, ein Sfogliatello, das typische Teighörnchen Neapels, verzehren, über Fußball diskutieren, Klatsch und Tratsch austauschen. Erst gegen 9 Uhr beginnt das „eigentliche“ Geschäft, aber Marinella trennt da nicht. Denn die Gastfreundschaft, das Miteinander, ist für ihn untrennbar damit verbunden.
In dem Laden aufgewachsen
Für ihn sind diese 20 Quadratmeter alles. Hier ist er aufgewachsen – im wahrsten Sinne des Wortes. Schon mit acht oder neun stand er den ganzen Tag im Laden, sollte alles aufsaugen und hätte doch so gern mit den Freunden Fußball gespielt. Von der nahen Promenade blickt man auf den Vesuv, und in der Ferne liegt Capri im Dunst, aber das war alles weit weg für ihn. „Es war hart, mein Vater war streng, aber es war sehr prägend, und ich habe Pflichtbewusstsein gelernt“, sagt er im Rückblick. Er studierte Wirtschaft in Neapel und übernahm den Laden. Dort steht er nun, stets untadelig gekleidet in Anzug und Krawatte. Nur heute, an einem Tag mit fast 40 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit, hat selbst er den Binder abgelegt.
Gegründet hat E. Marinella vor 107 Jahren sein Großvater Eugenio. Maurizio Marinellas Sohn Alessandro soll den Laden weiterführen. Er hatte mehr Freiheiten als sein Vater, durfte sogar in London studieren und ist längst in wichtige Entscheidungen eingebunden. Der 65-jährige Firmenchef wirkt jedoch längst nicht amtsmüde. Ihm ist auch nicht bange um die Zukunft des Binders. Krawatten würden heute zwar seltener getragen als früher. Doch jüngere Leute entdeckten den Schlips wieder als Mode-Attribut.
Seit der Wiedereröffnung brummt das Geschäft wieder
Marinella steht auch dann im Laden, wenn er wegen stinkender Müllberge auf der Straße davor nur ein oder zwei Binder pro Tag verkauft. Und seit der Wiedereröffnung brummt das Geschäft wieder. Es gibt sogar Marinella-Ableger in Mailand, Rom und Tokio. Auch von einem Laden in München träumt der Krawattenkönig, der auch Tücher, Taschen und Hemden im Sortiment hat.
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E. Marinella begann einst als Importeur britischer Luxus-Herrenbekleidung, die in Neapels Oberklasse sehr begehrt war. Von Spezialisten aus Paris ließ sich der Firmengründer zeigen, wie man Krawatten aus Seide per Hand so schneidet, füttert, näht und bügelt, dass sie die richtige Steifigkeit und Festigkeit, aber trotzdem Geschmeidigkeit zum Binden hatten. So werden die Krawatten noch heute, nur wenige Meter von seinem Laden entfernt, gefertigt, mit speziellen Seidenstoffen aus England: Rund 150 für etwa 200 Euro pro Stück sind es am Tag. Er könnte viel mehr verkaufen, aber es fehlt der Nachwuchs: „Es wird immer schwieriger, Näherinnen oder Näher zu finden, die eine solche handwerkliche Arbeit noch lernen wollen“, bedauert er. Der Umsatz dürfte bald wieder auf das Vorkrisenniveau von knapp unter 20 Millionen Euro zusteuern.
Marinella fühlt sich eng mit seiner Heimatstadt verbunden
Neapel – das ist nicht nur Camorra, Kriminalität und Chaos, Pizza, Mozzarella und der Vesuv. Neapel ist auch Marinella – und Marinella ist Neapel. Er fühlt sich eng mit seiner Heimatstadt verbunden. „Die reichen Neapolitaner wechselten früher dreimal am Tag die Garderobe“, erzählt er. „Sie wussten immer, wie man sich für welchen Anlass kleidet.“ Heute seien die Menschen immer in den gleichen Blau- und Grautönen gekleidet und nähmen sich nicht mal mehr Zeit für eine gründliche Auswahl der charakteristischen Marinella-Binder mit floralen und geometrischen Motiven – geschweige denn für einen kleinen Plausch, sagt er bedauernd.
Italiens Krawattenwirtschaft
Niedergang
Die Liberalisierung der Bekleidungsvorschriften im Berufsleben und zuletzt vor allem die Coronapandemie haben den Niedergang der Krawatte beschleunigt.
Absatz
Um rund 50 Prozent gingen die Verkäufe der italienischen Krawattenindustrie 2020 zurück. 2019 setzten Italiens Hersteller knapp unter 200 Millionen Euro um, 2005 waren es noch 485 Millionen Euro gewesen
Ausnahmen
Von dem Niedergang ausgenommen sind hochpreisige und handwerklich hergestellte Binder – wie die von Marinella, der immer wieder Übernahmeangebote erhält, aber nicht verkaufen will.