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Earth Wind & Fire eröffnen in der Porsche-Arena die Jazz Open - Gespräch mit Philip Bailey.

Stuttgart - Mit Hits wie "Fantasy" und "December" wurden Earth Wind & Fire bekannt, auch Dank der extrem flexiblen Stimme ihres Sängers Philip Bailey. Heute um 20 Uhr eröffnet die Band mit ihrem einzigen Deutschland-Konzert 2010 das Festival Jazz Open. Im Vorprogramm: Memphis-Legende Booker T.

Mr. Bailey, Ihre Konzerte haben die Anmutung eines bunten Freudenfestes - als würden Sie den Geist des Aufbruchs wieder zum Leben erwecken, in dem die Band 1969 angefangen hat.

Der wird doch dringend gebraucht, gerade in der heutigen Welt mit all ihren Problemen! Wir gehen aber nicht zurück in eine bestimmte Geisteshaltung, uns geht es vielmehr darum, beständig zu sein in dem, wer wir sind und immer waren. Damals war eine Zeit des Wandels, in der es nicht nur um Bürgerrechte ging, es war auch die Hippie-Ära mit freier Liebe und all dem. Und ich war ein Hippie! Leider haben sich viele nach kurzer Zeit als sehr konservativ erwiesen und sehr bürgerliche Wege eingeschlagen. Davor hat uns die Musik bewahrt, wir sind unserer Philosophie immer treu geblieben.

Es scheint es so, als hätten Earth Wind & Fire R&B, Soul, Motown und Funk zusammengeführt. War Ihnen das damals selbst klar?

Wir waren immer offen für alle möglichen Einflüsse und nie festgelegt auf ein bestimmtes Genre oder einen bestimmten Stil. Wir haben alles in unsere Musik aufgenommen, was uns gefallen hat. Das ist es, was ich an meinem Beruf am meisten liebe: flexibel zu sein und nicht irgendwo festzustecken.

Hat Sie das dazugebracht, eine Solokarriere zu beginnen - und hat die vorübergehende Auflösung von Earth Wind & Fire in den 1980er Jahren etwas damit zu tun?

Wenn man nur in einer Formation spielt und nichts anderes macht, hat man irgendwann nichts mehr zu geben. Man fängt an, sich zu langweilen. Für mich ist es wichtig, mich herauszufordern, die stereotypen Ideen zu durchbrechen und Dinge auszuprobieren. Darum geht es in der Musik. Darum geht es im Leben. Als Earth Wind & Fire in den 1980ern auseinandergebrochen sind, hatten wir uns total in der Band verloren und mussten wieder persönliche Identitäten finden. Als wir das geschafft hatten, konnten wir wieder wertschätzen, was wir miteinander erreicht hatten, und wieder gemeinsam produktiv sein.

Sie haben einen immensen Stimmumfang von vier Oktaven - wann ist Ihnen bewusst geworden, praktisch alles singen zu können?

Country und Western habe ich noch nicht versucht, auch wenn ich beide sehr schätze (lacht). Ich habe am College einen Kurs für Opernbaritone besucht und dabei viel gelernt, allerdings nachher nie bei einer Oper mitgewirkt. Ich habe meine Möglichkeiten entdeckt und weiterentwickelt, je mehr ich gelernt habe, mein Instrument, das meine Stimme ist, zu verstehen und zu schätzen.

Welche Musik hat Sie in jungen Jahren nachhaltig beeindruckt?

Im Herzen bin ich ein Jazzer, die Bebop-Ära hat mich fasziniert, die John Coltranes und Miles Davis dieser Welt. Ich habe auch viel Gospel gehört, Mahalia Jackson zum Beispiel, und Motown, den Philly-Sound.

"Easy Lover" - immer wieder erhebend

Sie haben auch selbst schon eine Gospel-Platte aufgenommen.

Das war mein Tribut an was ich bin und was ich glaube. Ich bin Christ, das ist meine Passion und wichtig für mich, um mich erfolgreich durchs Leben zu navigieren.

Außerdem haben Sie 1984 eine Platte mit einem Engländer gemacht - Phil Collins.

Die Phenix Horns, der Bläsersatz von Earth Wind & Fire, waren damals mit ihm auf Tournee, sie haben uns miteinander bekanntgemacht. Da war gleich dieses Gefühl, dass wir etwas miteinander machen sollten, und daraus wurde dann "Chinese Wall". Das war eine großartige Zusammenarbeit, sehr kreativ, sehr professionell. Am 12. Juni hat er den Ascap-Songwriter-Award bekommen und wir haben gemeinsam "Easy Lover" gesungen - immer wieder ein erhebendes Gefühl.

40 Jahre sind eine lange Zeit - wie hat sich Ihr Blick auf Earth Wind & Fire verändert im Vergleich zu den 1970er Jahren?

Wir genießen unseren Beruf jetzt mehr als damals zu unserer Blütezeit. Wir sind nach 40 Jahren immer noch gut im Geschäft und international gefragt. Wenn wir zurückschauen, haben wir nichts zu bereuen, wir können alle unsere Songs noch erhobenen Hauptes spielen. Darüber bin ich sehr froh, mehr kann man nicht verlangen. Heute haben wir dafür eine größere Wertschätzung. Wir waren zu jung, als das alles losging, ich erst 21, als ich 1972 zur Band kam. Da hat man nicht die Erfahrung, um zurückzuschauen und in aller Tiefe zu verstehen, wie privilegiert man ist. Man hält alles für selbstverständlich. Erst später wird einem klar, wie glücklich man sich schätzen darf.

Was dürfen wir live erwarten?

Wir werden alle unsere Hits spielen mit allem drum und dran - hoher Energie, Gesang und Tanz. Nur eines können wir heute leider nicht mehr: durch den Saal fliegen wie in den 1970er Jahren.

Sie treten schon länger ohne den Bandgründer Maurice White auf - fehlt er Ihnen?

Er hat sich vor 20 Jahren von der Bühne verabschiedet und bleibt dabei. Trotzdem ist er ein Teil jedes Songs, den wir spielen, denn er ist der Gründer, der Anführer, der Konzeptgeber. Er und ich haben ja früher fast alle Stücke gemeinsam gesungen, für mich ist er also immer anwesend, auch wenn er nicht physisch auf der Bühne steht.