Andreas Maier und Gudrun Dreher haben ihr Schicksal angenommen und kümmern sich rührend um ihren Sohn Lars. Sie freuen sich über jeden kleinen Erfolg, den der junge Mann verbucht. Foto: Cools

"Zweifel und Krisen gehören zum Leben dazu", sagt Gudrun Dreher. Dass ihr Sohn Lars bei der Geburt zu wenig Sauerstoff erhalten hat und seitdem schwerbehindert ist, hat sie nicht verzweifeln lassen, sondern stärker gemacht.

Dunningen - Lars Dreher ist ein besonderer Mensch. Der 27-Jährige mag Action, Aufmerksamkeit und viele Menschen um sich herum, beispielsweise beim Einkaufen. Auch Bewegung bereitet ihm Freude, weswegen man ihn hin und wieder mit seinem Vater auf dem Rollstuhlfahrrad, einer Konstruktion aus Rollstuhl und E-Bike, durch die Gegend düsen sieht. "Langeweile mag er gar nicht. Da kann er dann quengelig wie ein kleines Kind werden", weiß seine Mutter.

 

Mit Lars’ Geburt hat sich Gudrun Drehers Alltag vor 27 Jahren um 180 Grad gedreht. "Unser Leben ist schon sehr anders als das der meisten Menschen", sagt sie. Kürzlich hat sie darüber im Rahmen des "Neuland"-Gottesdienstes in Fluorn gesprochen.

Ihre Schwangerschaft mit Lars und dessen Zwillingsbruder Nils verlief damals reibungslos. Doch während der Geburt kam es zu Komplikationen. Nachdem Nils bereits entbunden worden war, litt Lars unter Sauerstoffmangel und musste per Notkaiserschnitt auf die Welt gebracht werden. "Die Ärzte haben uns sofort darauf vorbereitet, dass das Auswirkungen auf seine Entwicklung haben würde. Trotzdem hatten wir Hoffnung, denn in der Entwicklung eines Säuglings kann noch viel passieren, auch wenn die Wahrscheinlichkeit, dass er schwerbehindert sein würde, sehr groß war", sagt Gudrun Dreher.

Beziehung zu Gott vertieft

Durch Nils hatte die Mutter den direkten Vergleich bei der Entwicklung und sah schnell, dass Lars erheblich eingeschränkt war. Während Nils gesund ist und mittlerweile studiert, benötigt Lars Dreher Betreuung rund um die Uhr.

Trotz Frühförderung und Physiotherapien kann der 27-Jährige nicht sprechen oder selbstständig gehen. Wenn er etwas essen möchte, kommuniziert er über einen Sprachcomputer, der mit Bildsymbolen arbeitet. Er braucht bei allen Dingen des Alltags Unterstützung. "Das Ganze hat uns als Familie stark getroffen. Wir waren erst 29 Jahre alt und hatten noch unser erstes Kind, eine Dreijährige, daheim", sagt Gudrun Dreher. Ihr Sohn Nils sei derweil mit der Situation aufgewachsen. "Er hat das gar nicht als schlimm wahrgenommen. Für ihn war Lars’ Zustand völlig normal. Er hat eine sehr enge Verbindung zu seinem Zwillingsbruder."

Für Gudrun Dreher und ihren Mann, die beide beruflich aus der Pflege kommen, war die Situation sehr schwierig. "Natürlich haben wir uns gefragt, warum es uns getroffen hat. Ich weiß aber aus meinem Glauben heraus, dass es dafür keine Antwort gibt", sagt Dreher, die schon immer sehr engagiert in der christlichen Kirchenarbeit war. Jeder Mensch erleide Schicksalsschläge. "Im Laufe eines Lebens kann so viel passieren. Es gibt einfach keinen Anspruch auf ein unversehrtes Leben", sagt sie.

Natürlich sei ihr Glaubensweg nicht geradlinig, sondern holprig verlaufen. Letztlich sei die Beziehung zu Gott jedoch nicht zerrüttet worden, sondern habe sich vertieft. "Irgendwann haben wir uns gesagt ›Okay, das ist passiert‹, uns berappelt und neu orientiert", sagt sie. In all den Jahren habe es immer wieder Höhen und Tiefen gegeben. Einige Zeit lang litt Lars immer wieder unter Atemwegsinfektionen und wurde auch einmal per Magensonde ernährt – eine schwere Zeit für die ganze Familie, die sie jedoch überstanden hat.

Und auch wenn Lars sehr schwer eingeschränkt sei, so gebe es kleine Erfolgserlebnisse. So könne er Gefühle recht gut ausdrücken und sich mittlerweile durch viel Therapie selbst innerhalb der Wohnung fortbewegen, wenn er irgendwohin wolle.

Begegnungen geben Kraft

Seit 2014 besucht er täglich von 8 bis 16 Uhr die Stiftung St. Franziskus und erhält dort Förderung und Beschäftigung. Die restliche Zeit über sind Gudrun Dreher und ihr Mann gefordert. "Wir müssen natürlich alles um Lars und seine Bedürfnisse herumstricken", sagt sie. Einer müsse sich immer um ihn kümmern. Bei ihrem Engagement für die Kirchengemeinde versuche sie möglichst, Lars miteinzubeziehen und mitzunehmen.

"Trotz allem versuche ich, eine Art Normalität herzustellen", erklärt Dreher. Sich im Haus verschanzen, komme nicht in Frage. Dass man den einen oder anderen komischen oder mitleidigen Blick auf der Straße zugeworfen bekomme, könne sie mittlerweile gut ausblenden. "Es gibt auch sehr viele nette Menschen, die das Gespräch suchen. Diese positiven Begegnungen geben einem Kraft."

Solange sie es noch können, wollen sich Gudrun Dreher und ihr Mann um Lars kümmern. Aber man müsse auch an die Zukunft denken. Später soll Lars dann im Heim unterkommen. "Wir sind mit ihm in einem fortlaufenden Entwicklungsprozess, bestehend aus vielen Therapien. Er wird nie selbstständig leben können, aber wir wollen so viel Eigenständigkeit wie möglich mit ihm erarbeiten." Lars könne sich beispielsweise selbst etwas aus dem Kühlschrank holen.

"Trotz des Schicksalsschlags hat sich für mich bestätigt, dass wir Unterstützung durch Gott erhalten", ist sich Gudrun Dreher sicher. An ihrer Leidenschaft fürs Reisen haben sie und ihr Mann festgehalten. Zwar kann es mit Lars nicht auf Bergtouren gehen, aber Strandurlaub gefällt auch dem 27-Jährigen, der gern im Wasser ist, gut. Zuletzt hatte die Familie eine gute Zeit auf Korsika. "Und wir werden uns auch weiterhin nicht unterkriegen lassen."