Zärtliche Berührung: Lotte Lasersteins Gemälde „Ich und mein Modell“ Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Heute stöhnen viele beim Begriff „queer“. Vor hundert Jahren waren queere Künstler wichtiger Teil der Avantgarde – und wurden danach doch vergessen.

Die Kampfansage der Guerilla Girls vor mehreren Jahren lautete: „Müssen Frauen nackt sein, um ins Museum zu kommen?“ Man könnte die Frage aber auch anders stellen: Warum dürfen nackte Frauen nur ins Museum, wenn sie von Männern gemalt wurden? Weil es in der Kunstgeschichte eben immer so war. Wenn nacktes Fleisch in den Museen hängt, so auf Gemälden von und für begehrende Männer.

 

Deshalb ist es eine kleine Revolution, dass jetzt in Düsseldorf weibliche Akte gezeigt werden, die Künstlerinnen mit eindeutig begehrlichen Blicken malten. „Queere Moderne“ nennt sich eine Ausstellung im K 20, die derzeit für Furore sorgt, weil sie Werke von 1900 bis 1950 zeigt, die von homosexuellen Künstlern stammen und erst jetzt ausgegraben wurden. Denn so viele vergessene Künstlerinnen und Künstler in der Vergangenheit entdeckt wurden – für diese marginalisierten Schätze hat sich die Kunstwissenschaft bisher nicht interessiert.

So war es eine detektivische Arbeit. Drei Jahre lang hat das wissenschaftliche Team nach Werken gesucht und wurde vor allem in Privatsammlungen fündig, denn im offiziellen Kanon und in den Museen wurden queere Positionen nicht berücksichtigt – dabei war die queere Community gerade in den 1920er-Jahren ein wichtiger Teil der Kunstszene. In der Pariser Bohème gehörten Liaisons mit beiderlei Geschlecht fast schon zum guten Ton, weshalb gerade wohlhabende Amerikanerinnen sehr gern nach Paris kamen und sich in den Bars und Galerien tummelten. Einige dieser schillernden Frauen führten auch Salons – wie die Autorin Gertrude Stein und ihre Partnerin Alice B. Toklas.

Selbst Künstler wie der Macho Pablo Picasso gingen in diesen illustren Kreisen selbstverständlich ein und aus und schätzten offenbar die inspirierenden Impulse dieser Menschen, die die starren Geschlechtergrenzen lockerten. Ohne die Dandys und Bohèmiens, die Sapphistinnen und Garçonnes hätte die Avantgarde sehr traurig ausgeschaut.

Inszenierter Selbstmord: „Der sterbende Dandy“ von Nils Dardel Foto: Moderna Museet, StockholmDer

Nicht alle Künstler wagten es freilich, ihr Begehren so deutlich zur Schau zu stellen wie es heterosexuelle Maler ganz selbstverständlich taten. Bei dem „Sitzenden Mann“ (1927) von Pavel Tchelitchew ahnt man eher, dass es in Wahrheit zwei Männer sind, die hier in einer Umarmung zu einem verschmelzen. Oder Ludwig von Hofmann: Als er 1913 badende Jünglinge malte, ließ er die Geschlechtsteile lieber weg, schließlich war Homosexualität unter Männern strafbar. So aber konnte Thomas Mann das Bild prominent in sein Arbeitszimmer hängen.

Gleichgeschlechtliche Liebe gab es zu allen Zeiten. Auch für Rosa Bonheur (1822–1899) war Fakt, dass sie sich für das „männliche Wesen“ einfach nicht interessierte. Sie war im 19. Jahrhundert eine der erfolgreichsten Tiermalerinnen, wobei Stiere ihr Lieblingsmotiv waren. Deshalb malte sie häufig im Schlachthaus und erhielt hierzu die Sondergenehmigung, Männerkleidung tragen zu dürfen. Ihr kam das gerade recht. In der Düsseldorfer Ausstellung hängt ein kurioses Porträt Rosa Bonheur, das ein Kollege angefertigt hatte. Sie fand es zu traditionell, weshalb sie sich kurzerhand einen Stier an die Seite pinselte.

Die Fülle der Künstler und Positionen in der Ausstellung macht bewusst, dass queere Kunst keineswegs ein Randphänomen ist und war. Zwischen den zahlreichen Unbekannten tauchen auch renommierte Namen auf: Hannah Höch etwa, die auf einer Collage von 1934 zwei strahlende Frauen zeigt, unter dem Titel „Auf dem Weg zum Siebten Himmel“. Sie war liiert mit der niederländischen Schriftstellerin Til Brugman, die man auf einem Gemälde Höchs sieht: kurze Locken, Anzug, Krawatte.

Die queere Lebenswelt fand auch in den Bars und Varietés statt, woran die Zeichnungen von Jeanne Mammen erinnern. Aber es gibt auch eine düstere Seite. Romaine Brooks hat ihre Geliebte, die russische Ausdruckstänzerin Ida Rubinstein, 1914 als „Traurige Venus“ gemalt. Deren bleicher Körper liegt schamhaft auf dem Bett, während durchs offene Fenster kühle Luft eindringt, als lauere schon der Tod. Kokett inszeniert „Der sterbende Dandy“ dagegen seinen Tod auf einem Bild des schwedischen Malers Nils Dardel. Er hält noch einen Spiegel in der Hand – ein Narziss bis in die letzte Stunde.

Es ist nicht einfach, in der Ausstellung im K 20 den Überblick zu behalten, da das Thema viele Facetten hat: Hier die dänische Malerin Lili Elbe, die eine der ersten Menschen war, die eine geschlechtsangleichende Operation vornehmen ließ. Dort eine gemalte Hommage an John Cages stille Performance „4’33„“, in der der schwule Komponist nur Stille präsentierte als Akt des Widerstands im repressiven Amerika der 1950er-Jahre. Gleichzeitig wurden die Werke aber auch Stilen wie Surrealismus oder Abstraktion zugeordnet, um zu belegen, dass sich auch diese Werke in den Kanon einschreiben lassen.

In einem nächsten Schritt wäre es interessant, die Ergebnisse dieser aufwendigen Forschung kulturhistorisch aufzurollen, denn die Tragweite der Motive lässt sich letztlich nur im gesellschaftlichen Kontext ermessen. Aber wer weiß schon, ob in Zukunft solche Ausstellungen noch möglich sein werden. Denn so erstaunlich lebendig und vielfältig die queere Szene vor hundert Jahren war, so erstaunlich ist leider auch, wie schnell und radikal in den Dreißigerjahren die Kehrtwende kam, und fortan alles, was von der vermeintlichen Norm abwich, oft sogar mit roher Gewalt bekämpft wurde.

Grenzen überwinden

Medizin
„Ich kämpfe gegen die Voreingenommenheit des Spießbürgers, der in mir ein Phänomen, eine Abnormität sucht“, schrieb die dänische Malerin Lili Elbe, die eine der ersten Menschen war, die eine geschlechtsangleichende Operation vornehmen ließ. Sie wurde 1930 im Magnus Hirschfeld Institut in Berlin durchgeführt.

Info
Ausstellung bis 15.Februar im K20 Düsseldorf, Di bis So 11 bis 18 Uhr geöffnet. adr