Ein fehlender Muskel, Darmkrebs, gebrochene Wirbel und drei Kreuzbandrisse – die Turnkarriere von Clay Mason Stephens schien schon mehrfach unmöglich. Doch dieser Tage ist der Australier mal wieder in Stuttgart an den Geräten.
Es war nicht allzu viel los in der Stuttgarter Porsche-Arena am Donnerstagabend. Doch ging das eine oder andere Mal trotz der überschaubaren Kulisse ein deutlich hörbares Raunen durch das Publikum – gefolgt von freundlichem Applaus. Zum Beispiel: Als Clay Mason Stephens seine Übung am Boden beendet hatte.
Bester war der Australier am Ende zwar nicht, doch auch sein siebter Rang reichte für den Finaleinzug. Zwar dürfen beim DTB-Pokal am Sonntag lediglich die besten Sechs pro Gerät im Endkampf turnen, allerdings gilt auch: Es darf immer nur ein Starter pro Nation dabei sein. Clay Mason Stephens profitierte (wie auch der Lokalmatador Timo Eder) davon, dass gleich drei US-Amerikaner vor ihm lagen.
Das Stuttgarter Publikum wird den 27-Jährigen also noch einmal zu sehen bekommen – wobei ja allein die Tatsache, dass sich Clay Mason Stephens immer wieder mit den besten Turnern der Welt misst, erstaunlich ist. So erstaunlich wie seine Geschichte.
Einen Teil davon kann jeder Zuschauer in der Porsche-Arena sehen – vor allem dann, wenn der Turner mal kurz mit freiem Oberkörper durch die Halle marschiert. Das machen die muskelbepackten Athleten gerne, doch wer beim Australier genauer hinschaut, erkennt einen kleinen, aber wichtigen Unterschied zu seinen Kollegen.
Drei Jahre alt war der kleine Clay, als festgestellt wurde, dass er unter dem seltenen Poland-Syndrom leidet. Bedeutet: Ihm fehlt von Geburt an der rechte Brustmuskel, weshalb er bei der Zusammenstellung der Turnelemente heute „clever“ vorgehen muss. Aber: Diese Beeinträchtigung hielt ihn nie davon ab, sportlich von klein auf aktiv zu sein. Was zu, aus seiner Sicht, „lustigen“ Situationen führte. So erzählte er einmal: „Ein Arzt sagte mir, ich würde in Sportarten wie Tennis, Schwimmen und Turnen nie gut werden können. Dabei waren das genau die drei Sportarten, die ich damals ausübte.“ Beim Gespräch in der Porsche-Arena erzählt er diese Geschichte ein weiteres Mal. Und auch davon, dass es nicht das letzte Mal sein sollte, dass er große Widerstände überwand.
Drei Kreuzbandrisse, sechs Operationen
Er beginnt, sie aufzuzählen – und kommt lange nicht zum Ende. Im Jahr 2016 wurde bei ihm ein Tumor diagnostiziert: Darmkrebs. Er wurde operiert, erholte sich, trieb seine Karriere als Turner weiter voran. Er berichtet von gebrochenen Wirbeln, ehe sich sein Knie erstmals meldete: Kreuzbandriss. Der erste, muss man dazu sagen. Denn diese Verletzung zog er sich zwei weitere Male zu. Der dritte, er war gerade erst wieder fit geworden, kostete ihn die angestrebte Teilnahme an den Olympischen Spielen 2021 in Tokio. Insgesamt kommt er auf sechs Knieoperationen.
„Die Zeit nach dem dritten Kreuzbandriss war die härteste“, erinnert er sich. Es herrschte die Coronapandemie – und die Zeit der Einsamkeit war entsprechend hart für den Australier, der 2018 dank eines Sportstipendiums an die University of Illinois in die USA gewechselt war. Dort saß er nun, verletzt – und weit weg von der Familie. Er fühlte sich „in jeglicher Hinsicht isoliert“. Das Karriereende schien besiegelt, sein Leben geriet aus den Fugen. Heute sagt Clay Mason Stephens: „Wieder zum Turnen zu gehen, hat mir vielleicht das Leben gerettet.“
Der Australier turnt bei Weltmeisterschaften, ist nun – nicht zum ersten Mal – in Stuttgart an den Geräten und sagt: „Das Feuer in mir für das Turnen brennt noch immer.“ Vielleicht sogar so heiß und hell wie nie zuvor. Denn seine eigene Geschichte und die Ansichten eines befreundeten Nachwuchsturners haben ihn gelehrt: „Das Wichtigste ist, gesund zu sein und Spaß zu haben. Ich habe heute so viel Freude am Turnen wie nie und bin so gut wie nie.“ Dafür braucht er eine gute Balance zwischen dem Leben innerhalb und außerhalb der Turnhalle.
2023 bestieg er den Kilimandscharo, 2024 zwei 6000er im Himalaya, dazu engagiert er sich in Nepal sozial. „Dinge“, hat er einmal gesagt, „können dir passieren.“ Das Entscheidende aber sei, wie man damit umgehe. Und, ja: „Verletzungen oder die Diagnose einer Beeinträchtigung können wie eine Straßensperre sein.“ Wie „große Hindernisse“, fügt er nun dazu. Aber dies sei jeweils nichts, was man nicht überwinden könne – „wenn du leidenschaftlich bist und deine Träume stark genug sind“. Das Wichtigste sei: sich für das zu entscheiden, was man wirklich will – und das dann auch mit Leidenschaft zu betreiben.
Der Australier, das war am Donnerstagabend in Stuttgart zu sehen, hat noch große sportliche Träume. Er will in den Finals bei den großen Events turnen, um Medaillen kämpfen. Und er will zu den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles – nachdem er Tokio und Paris jeweils knapp verpasst hat. Einen 7000 Meter hohen Berg möchte er auch besteigen, sein aber vielleicht wichtigstes Ziel ist: „Ich will andere Menschen inspirieren.“
Wer seine erstaunliche Geschichte kennt, weiß: Das hat er vermutlich schon erreicht.