Oft ein harter Job: arbeiten in einem Security-Unternehmen. Foto: © Wayne H – stock.adobe.com

35-Jähriger zu einem Jahr und sieben Monaten Haftstrafe auf Bewährung verurteilt. 

Er putschte sich mit Kokain auf, war ein Verkehrsrowdy, schlug seine Prostituierte, hortete Anabolika und hatte oft eine Waffe griffbereit. Jetzt büffelt er auf seinen Meisterbrief und träumt von einem normalen Familienleben. Ein Kinodrehbuch? Nein. Notizen eines Amtsgerichtsprozesses.

Horb - Der 35-Jährige, wir nennen ihn Marlon C., trägt einen hellblauen Pullover, der zur OP-Maske passt. Er wirkt kleinlaut. Sagt auf Nachfragen nicht viel. Auch sein Anwalt macht keine großen Worte, erklärt nach der Verlesung der Anklage sogar, dass fast alle Anschuldigungen zutreffen.

Drogen, Waffen, Anabolika

Die Vorwürfe datieren aus den Jahren 2016 und 2017: Besitz und Weitergabe von Kokaingemisch in vier Fällen, mal ein, mal mehrere Gramm. Dann der Streit in der Gaststätte, bei dem Marlon C. eine Prostituierte geschlagen hat. Die Schläge räumt er ein – nicht aber, dass er sie in den Bauch getreten hat. Zwei Mal wurden bei Marlon C. Schusswaffen mit scharfer Munition gefunden. Daheim in seiner Wohnung in einem Horber Teilort hortete er verbotene Anabolika, also Mittel zum Muskelaufbau. Auto fährt er flott – aber ohne Führerschein.

Also ein typisches Kleingangster-Profil? Nein, denn die Geschichte von Marlon C. ist verzwickt und widersprüchlich.

Der Security-Unternehmer

Rückblende: Dienstag, 17. Juli 2018. Vorenthalten und Veruntreuen von Arbeitsentgelt lautet im Amtsgericht der Vorwurf gegen den damals 33-Jährigen, der mit seinem Security-Dienst in die Insolvenz geraten war. Er hatte in 33 Einzelfällen die Sozialabgaben von Mitarbeitern nicht weitergeleitet. Vor seiner Zeit als Security-Unternehmer hatte der 33-Jährige, der in einer Gemeinde im westlichen Landkreis aufgewachsen ist, richtiggehend geschuftet, um Geld zu verdienen: Fabrikjobs und am Wochenende Maschinen putzen.

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Die Nebenjobs faszinieren Marlon C. und öffnen Türen in neue Geschäftsfelder: Versicherung, Handelsvertretung für Handys – und Security. Das Geschäft mit der Sicherheit verspricht gute Verdienste. Marlon C. steigt als Unternehmer ins Geschäft ein – und hatte gleich Erfolg. Der Mitarbeiterstamm wächst auf 20. Doch der Auftragsdruck steigt, und während der Flüchtlingskrise 2015 kommen plötzlich Anfragen zuhauf – auch für Dienste in Flüchtlings-Aufnahmezentren in Baden-Württemberg. Dort mischen andere Security-Dienste mit, Überstunden werden häufiger, er tritt als Subunternehmer auf, improvisiert gegen Personalknappheit und geringe Bezahlung.

Absturz in die Insolvenz

Der Überblick geht verloren. "Wir waren alle überfordert. Ich am meisten", gesteht der Angeklagte damals.

2017 ist Schluss. Der Unternehmer zeigt sich selbst an. Die Solidarität zu seinen Mitarbeitern ("Man verbringt mit ihnen in den Camps mehr Zeit als in der Familie") ist ihm wichtig. Doch von 2013 bis 2015 hat er keine Sozialabgaben abgeführt. In dem Prozess geht es jetzt um insgesamt 55.000 bis 58.000 Euro.

Im damaligen Prozess wird Marlon C. zu zehn Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Dass es bis zum weiteren Verfahren am Dienstag so lange gedauert hat, liegt auch an der Justiz. Es hat einen Dezernatswechsel gegeben, sagt Richter Trick. Dinge seien zu lange liegen geblieben.

Die Prostituierte

Gut für den Angeklagten. Denn die Verzögerung wird in sein Urteil einfließen. Dazu noch einiges andere, das den ehemaligen Unternehmer weniger kriminell aussehen lässt. Sein Anwalt Thomas Bauch schildert: Marlon C. nahm damals Kokain, um sich aufzuputschen und im Fehlglauben, mit der Droge den beruflichen Stress besser verkraften zu können. Das habe zu einer Sucht geführt. Der Angeklagte – der nach eigenen Angaben seit Jahren keine Drogen mehr nimmt, keinen Alkohol mehr trinkt, nie geraucht hat und viel Sport treibt – habe es nicht nötig gehabt, mit Drogen zu handeln. "Er hatte das Geld damals ja bündelweise", so Bauch, der weiter berichtet: Die Frau, die Marlon C. geschlagen hat, war eine Prostituierte, die ihn immer wieder bedrängte, obwohl er ihr klargemacht hat, dass er nichts mit ihr zu tun haben will. Sie habe ihm sogar ein Baby angehängt. "Dabei lag der sexuelle Kontakt damals schon viel zu lange zurück." Dann hab er zugeschlagen, aus Ärger und Wut.

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Den Waffenbesitz seines Mandanten erklärt der Anwalt mit dem "Security-Mann"-Gefühl. "Er hat gemeint, das geht so." Als eine "Facette" dieses Lebensstils bezeichnet Bauch auch die Straßenverkehrs-Delikte und das Muskelmann-Gehabe (Anabolika).

Der Neubeginn

Das alles will Marlon C. hinter sich lassen. "Ich will Familie haben, Kinder, ein normales Leben." Er ist verheiratet, arbeitet als Büroangestellter in einem Securityunternehmen ("Das Einzige, womit ich mich gut auskenne"). Er verdient 1224 Euro netto, zahlt 680 Euro Miete und büffelt gerade für sein Berufsziel: Meisterbrief in "Schutz und Sicherheit". Mit 105 Euro monatlich muss er mindestens noch zwei Jahre seine Privatinsolvenz abstottern.

Das Urteil

Der Staatsanwalt plädiert auf ein Jahr und zehn Monate Haftstrafe, der Verteidiger auf ein Jahr und sechs Monate. Beides auf Bewährung. Richter Albrecht Trick liegt mit seinem Urteil dazwischen: ein Jahr und sieben Monate Haft auf Bewährung. In einer gemeinsamen Absprache, die das Verfahren verkürzt hat, waren sich die Juristen einig gewesen: Man bleibt an den unteren Grenzen des Strafmaßes. Auch, weil Marlon C. gestanden hat und seit dem Prozess von 2018 nicht mehr auffällig war. Richter Trick sagt zum Schluss: "Sie haben sich Ihre Chance erarbeitet und verdient."

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