Leberecht Thiele aus Königsfeld geht ans Telefon – doch an einem Freitag im Oktober spielen sich danach bemerkenswerte Szenen ab. Foto: Cornelia Spitz

Schockanrufe im Schwarzwald-Baar-Kreis haben eine neue Qualität. So perfide gingen die Betrüger noch nie vor. Leberecht Thiele und Claudia Geisler erzählen ihre Geschichte.

Es war eines der Top-Themen bei „Aktenzeichen XY...ungelöst“ und ist akut ein riesiges Problem auch im Schwarzwald-Baar-Kreis: Telefonbetrüger versuchen Senioren um ihr Erspartes zu bringen.

 

Einen unglaublichen Coup starteten Betrüger in der Region. Was Leberecht Thiele aus Königsfeld und seiner Tochter Claudia Geisler aus Villingen-Schwenningen widerfahren ist, hat eine neue Qualität.

Es war am 17. Oktober als bei Leberecht Thiele in Königsfeld das Telefon klingelte. „Anonym“ stand auf dem Display. „Ich hab’ noch kurz überlegt, ob ich drangehen soll.“ Verkehrsgeräusche im Hintergrund, der Mann am anderen Ende kam gleich zur Sache: „Wir nehmen gerade einen Verkehrsunfall auf...“ Seine Tochter sei die Verursacherin, habe eine rote Ampel missachtet. „Bedauerlicherweise“ ein Unfall mit Todesfolge – die Fahrerin sei zunächst geflüchtet und müsse nun dem Haftrichter vorgeführt werden. Einziger Ausweg: die unmittelbare Zahlung einer Kaution. „Und da gingen bei mir zum ersten Mal die Lampen an“, erinnert sich Leberecht Thiele an die Gefühlsachterbahn. Bei einem plumpen Schockanruf mit Betrugsabsicht blieb es jedoch nicht.

Unglaubliches Vorgehen

Der Mann am Telefon stellte eine Kaution in Höhe von 45.000 Euro in den Raum. „Da sind Sie bei mir an der falschen Adresse – ich bin Rentner auf DDR-Basis“, konterte Thiele, der längst den Betrugsversuch witterte.

Der andere ließ nicht locker – die Tochter habe Schmuck erwähnt, den er in Zahlung geben könne. „Etwa der Witwenring, den ich trage?“ – doch dann wurde der Betrüger besonders perfide: „Ich gebe Ihnen mal Ihre Tochter.“ Der Rentner erinnert sich: „Das war der Moment, in dem ich dachte, es ist vielleicht doch kein Fake.“ Kurz darauf hörte er – unmissverständlich – die Stimme seiner Tochter Claudia Geisler: „Vati, Vati, hilf mir doch bitte.“ Tonfall, Stimmlage, alles passte.

Täter kennen persönliche Details

Auch Claudia Geisler selbst kann es noch immer kaum glauben. Der Betrüger habe nicht nur gewusst, wie sie früher hieß, sondern ihr falsches Ich auch das typische Vokabular aus DDR-Zeiten verwenden lassen, das in ihrer Familie gebräuchlich war und wo der Papa „Vati“ gerufen wurde.

Doch Thiele besann sich, obwohl er sich „wie verrückt“ Gedanken gemacht habe. Seine Tochter sei zwar eine versierte Autofahrerin, habe aber häufig so viel Stress bei der Arbeit und sei „laufend unterwegs“ – Unfälle nicht ausgeschlossen. Trotzdem: Die horrende Forderung einer Kaution in Höhe von 45.000 Euro ans Amtsgericht, das öffnete dem Senior die Augen. Nun war er am Drücker: Er forderte den „jungen Mann“ auf seinen Namen zu nennen. Und er erinnert sich: „Da wurde das Verkehrsgeräusch plötzlich leiser, und er war weg.“

Senior kennt sich aus mit KI

Für Leberecht Thiele und seine Tochter Claudia Geisler sonnenklar: Da war Künstliche Intelligenz (KI) am Werk. Die Verbrecher müssen Gesprächsfetzen aus Telefonaten von Claudia Geisler mitgeschnitten haben – auch den einen oder anderen angeblichen „Werbe-Anruf“ könnten sie genutzt haben, in dem Angerufene mit Fragen geschickt in Gespräche verwickelt werden, um an Stimmproben zu gelangen.

Der 82-jährige Leberecht Thiele hat schon seit 1969 mit Computern zu tun und sich längst selbst mit dem Thema KI beschäftigt – so verfolgte er beispielsweise auch den Fall von Eckart von Hirschhausen. Der Komiker war Opfer geworden, im Internet kursierten Videos mit einem mit Künstlicher Intelligenz generierten Double des Komikers, das Werbung für Medikamente machte. Bei dem Königsfelder Senior waren die verhinderten Diebe offenbar an den Falschen geraten.

Was in solchen Fällen hilft

Noch ehe der 82-Jährige an besagtem Tag übrigens mit seiner Tochter telefoniert hat, alarmierte er die Polizei, die sofort kam und eine „Anzeige gegen unbekannt“ aufgenommen habe. „Wir können unserer Polizei vertrauen“, betont Thiele, er habe sich aufgehoben gefühlt nach dem dreisten Übergriff. Vater und Tochter erzählen ihre Geschichte ganz offen, um andere zu warnen.

Und was mindestens genauso wichtig ist: Claudia Geisler und ihr Vater Leberecht Thiele haben jetzt Codewörter vereinbart, die nur die beiden kennen. Ein probates Mittel, falls wieder einmal ein künstlich erschaffener Doppelgänger angeblich in der Klemme sitzt.