Museumsleiter Jan Merk (von links), Vorsitzender Markus Moehring, Ehrenvorsitzende Inge Gula und Vorstandsmitglied Heinrich Benner erinnerten an bedrohliche Situationen für den Museumsverein während des Nationalsozialismus. Foto: Boller

Der liberale Geist war den Nazis ein Dorn im Auge, doch wirklich habhaft konnten sie der Vorstandschaft lange nicht werden. Nach dem Krieg kam dem Verein diese Haltung zugute.

80 Jahre Museumsarbeit nach dem Krieg, Grund genug für Jan Merk, Leiter des Dreiländermuseums, den Vorsitzenden Markus Moehring, Vorstandsmitglied Heinrich Benner und die Ehrenvorsitzende Inge Gula, zum Mediengespräch einzuladen. Auch wenn die offizielle Wiederzulassung erst 1947 erfolgte – die Arbeit des Vereins begann bereits im Jahr 1946.

 

Während der Zeit des Nationalsozialismus musste sich der Museumsverein Lörrach unter schwierigen politischen Bedingungen behaupten. Nach dem Krieg kam ihm zugute, dass er sich nicht hatte vereinnahmen lassen: Die französische Militärregierung ließ den Verein als ersten in der Region bereits ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs wieder arbeiten.

Dass der Verein als „weitgehend unbelastet“ von der NS-Zeit beurteilt wurde, ist nach Einschätzung der heutigen Verantwortlichen vor allem dem Verhalten zweier Akteure zu verdanken. Eine zentrale Rolle spielten der Vereinsvorsitzende Julius Wilhelm sowie der Schriftführer des Vereins, der Jurist Friedrich Vortisch.

Juristische Manöver gegen die Kreisleitung

Vortisch stammte aus dem „liberalen Lörracher Ur-Adel“, wie es die Ehrenvorsitzende Inge Gula formulierte. Er geriet zunehmend ins Visier der Nationalsozialisten. Bereits 1938 wurde er in einem Drohbrief als „gemeiner Judenanwalt“ beschimpft – ein Schreiben, das heute auf der Internetseite des baden-württembergischen Landtags dokumentiert ist. Bis 1939 vertrat Vortisch jüdische Mandanten vor Gericht.

Dafür diffamierte ihn die nationalsozialistische Wochenzeitung „Der Stürmer“. Und die NSDAP-Kreisleitung in Lörrach beurteilte ihn 1940 als „unsterblichen Demokraten“. Was heute wie ein Lob klingt, hatte damals Konsequenzen: Die Behörden verweigerten Vortisch in der Folge seine Zulassung als Fachanwalt für Steuerrecht.

Gleichzeitig versuchte die Lörracher NSDAP-Kreisleitung, auch den Museumsverein politisch auf Linie zu bringen. 1942 verlangte sie, dass „mindestens 50 Prozent der Vereinsführung Parteigenossen“ sein müssten. Wie der heutige Vorsitzende Moehring schilderte, reagierte der Verein mit Verzögerungstaktik. Man ließ die Kreisleitung wissen, es sei derzeit unmöglich, die genaue Zahl der Parteimitglieder im Vorstand festzustellen, da sich einige Mitglieder an der Front befänden.

Museumsleiter Merk spricht von „juristischen Spitzfindigkeiten“, die möglicherweise entscheidend dazu beitrugen, den politischen Zugriff der Nationalsozialisten zumindest hinauszuzögern. Merk bilanziert: „Auch in der Diktatur gab es mitunter Spielräume, die nutzen konnte, wer dazu den Mut aufbrachte.“

Trotzdem geriet der Verein weiter unter Druck. 1943 sollte der Museumsverein schließlich aufgelöst werden. Bereits seit Kriegsbeginn war der reguläre Museumsbetrieb, da als nicht kriegswichtig angesehen, eingestellt worden, intern wurde die Sammlung aber weiter gepflegt.

1943 verlangte die NSDAP-Kreisleitung schließlich die Auflösung des Museumsvereins. Die Begründung fiel unverblümt aus: Hauptgrund sei der Vorsitzende Julius Wilhelm persönlich, der „für die Partei nicht tragbar“ sei.

In der Tradition des liberalen Bürgertums

Vorsitzender und Schriftführer reagierten mit einem letzten juristischen Manöver: Wilhelm trat zurück und aus dem Museumsverein aus, doch Vortisch erklärte der Kreisleitung, eine rechtswirksame Auflösung des Vereins sei wegen des Kriegs nicht möglich.

Als Nazi-Gegner standen Wilhelm laut Moehring nach dem Krieg bei den Franzosen viele Türen offen. Bereits im Sommer 1945 habe der Vorsitzende die im Rathaus hinterlegten Akten des Vereins zurückerhalten. Ab 1946 nahm der Verein inoffiziell seine Arbeit wieder auf, die Zulassung durch das Land Baden folgte ein Jahr später.

Für die Historiker Merk und Moehring steht die Geschichte des Museumsvereins ganz in der liberalen Tradition des Lörracher Bürgertums – untypisch für die Region, wo die Altertumsvereine üblicherweise eher konservativ eingestellt gewesen seien.