Ein Glanzlicht des MPS: die Rittershow, in der Moana und Zerpensa erfolgreich das Drachenei verteidigen. Foto: Veronika Zettler

So viele Füße wie am Freitag haben wohl schon lange nicht mehr im Krebsbach Abkühlung gesucht: 35 Grad zeigte das Thermometer zum Auftakt des Mittelalterlichen Phantasie Spectaculums.

Schatten und Wasser waren begehrter als jedes Goldstück aus längst vergangenen Zeiten.

 

Drei Tage lang erstreckte sich hinter dem Laguna eine quirlige mittelalterliche Siedlung. Zwischen 130 Marktständen, dem Heerlager sowie mehreren Bühnen, Schau- und Kampfplätzen trafen sich Ritter und Räubertöchter, Gaukler, Drachenhüterinnen und magische Wesen.

Hannover, Würzburg, Bern oder Zürich: Händler und Besucher nahmen teils lange Anfahrten in Kauf. Aus Aachen und Gütersloh reisten die Jungs der „Nordmann Braterey“ an, um allerlei Fleisch vom Holzkohlegrill anzubieten. Der Aufbau ihrer rustikalen Taverne war zeit- und kraftaufwendig. Nicht weit entfernt gab es Met bei Franzi, Caro und Hanne, den „Schankweibern“ der „Alten Ziege“. Mit dem Anhänger am Auto sind sie aus dem Münsterland hergefahren.

Trotz vieler unterschiedlicher Herkünfte: „Wir sind wie eine große Familie“, so Horis El Hammamy, den man in der Szene nur als „Bruder Rectus“ kennt. Mit dem „Hässlichen Hans“ und „Schankwirt Carlos“ bildet er „Die Heilige Dreischeußlichkeit“, die bei der „Morgenmesse“ unter viel Beifall das Festival eröffnete. Nachdem die Lager begrüßt und trinkerprobte MPS-Besucher in den Ritterstand erhoben wurden, streifte die „ungelogen schlechteste Theatergruppe der Welt“ durch die Menge. Markus Gabriel alias „hässlicher Hans“, dessen Gesicht stets von einer kunstvoll geschminkten „Herpes accurata“ geziert wird, ist seit 27 Jahren in der Mittelalterszene aktiv. Gründliche Recherche und spontane Improvisation sind für ihn als leidenschaftlichen Geschichtenerzähler gleichermaßen wichtig. Wie er gehört auch Karl Großer alias „Schankwirt Carlos“ zu den Publikumslieblingen. Was Carlos am meisten begeistert? „Die Mittelalterszene bietet Platz für jeden. Jeder kann sich frei entfalten.“

Seid, was ihr wollt

So ähnlich hört man das von vielen. Von Rainer aus Bremen etwa, der an seinem Stand Holzspielzeug wie Schwerter, Schilde und Bögen verkauft. Beim MPS ist er seit der Premiere 1994 in Borken mit dabei. Ein Mittelalterfest sei „wie eine Flucht aus dem Alltag“. Das frühere Motto „Seid, was ihr wollt“ treffe ins Schwarze. „Hier kann man aus sich rausgehen, das ist besonders und daher lieb ich’s.“

Conny und Bruder Rectus haben schon viele mittelalterliche Festivals besucht. Foto: Veronika Zettler

Jedoch: Die Kauflaune der Besucher lasse zu wünschen übrig. Das sagen verschiedene Händler. Auch bei den zahlreich vertretenen eidgenössischen Mittelalterfans sitzt der Taler nicht mehr so locker wie früher, meint ein Fellverkäufer. Das bringt er auch mit den Eintrittspreisen zusammen – 58 Euro für Erwachsene am Freitag, 68 Euro am Samstag.

Conny und Bruder Rectus haben schon viele mittelalterliche Festivals besucht. Foto: Veronika Zettler

Darin enthalten ist allerdings ein umfangreiches Musikprogramm mit bekannten Bands der Mittelalter- und Folkszene: Versengold, Subway to Sally, Tanzwut, Kupfergold, dArtagnan, Mr. Hurley & Die Pulveraffen, Harmony Glen, Saor Patrol, Tir Saor, Mythemia, Kings Pipers und Heavysaurus.

Coole und offene Leute

Einblicke ins Lagerleben mittelalterlicher Truppen gibt das Heerlager: ein Zeltdorf, in dem Gruppen wie der „Bunte Haufen Basel“ lagern. Oder „Das bunte Volk vom Weiher“, zu dem Saphira und Gosi aus Wehr gehören. Sie „lagern“ zum ersten Mal und schwärmen von der offenen Aufnahme und netten Atmosphäre.

Kleine und große Mittelalterfans hatten ihren Spaß. Foto: Veronika Zettler

Wie sie sind Tausende Gäste dem Mittelalterfieber verfallen. Zum Beispiel Conny aus Furtwangen: „Kaum hat man sich gewandet, ist aller Stress vergessen.“ Oder Lucy und Xenia aus Chur. Erst seit zwei Jahren besuchen sie solche Events, dafür umso begeisterter. Auf rund 30 Festivals waren sie seither unterwegs und haben für verschiedene Kostüme aus Leinen, Leder und Wolle mehr als 3000 Euro in ihrem Lieblingskostümladen in Frauenfeld ausgegeben. Was das Tolle an Mittelalterfestivals sei? „Man trifft so viele coole und offene Leute, aber man wird nicht blöd angepöbelt. Der Vibe ist toll.“

Auch Narrenkai gehört zu den Publikumslieblingen. Foto: Veronika Zettler

Viele wollen das Festival alle drei Tage genießen und nächtigen deshalb im Zelt, Wohnwagen oder einfach auf den zurückgeklappten Autositzen. Duschen? „Geht auch mal ohne“, meint Xenia, „das gehört zu so einem Festival dazu.“