Auch am Mittwoch waren Polizeibeamte und die Kriminaltechnik am Tatort, um zu den Hintergründen der Familientragödie in Villingen zu ermitteln. Foto: Marc Eich

Fassungslosigkeit, Trauer und die große Frage nach dem „Warum?“: Nach dem tödlichen Familiendrama in Villingen sitzt der Schock in der Nachbarschaft tief. Bereits Stunden vor dem Fund der drei Leichen gab es eine Auffälligkeit.

Während am Dienstagabend die zahlreichen Blaulichter der Einsatzkräfte den Nachthimmel über der Hammerhalde durchzuckten, tauchte die Morgensonne die Straße am Mittwoch in ein friedliches Licht – ein irritierender Kontrast zu den schrecklichen Ereignissen. Die Stille wirkte fast surreal.

 

Bis auf ein Siegel der Polizei an der Haustüre des schmucklosen Einfamilienhauses deutet nichts auf das Familiendrama hin. Mehrere dieser Flachdachhäuser mit direkt angrenzenden Gärten befinden sich hier zwischen der Landstraße in Richtung Pfaffenweiler und der Hammerhalde, leicht zurückversetzt von der Straße „Am Affenberg“.

Die Wohngegend: gut situiert, ordentlich – die Auffahrt gefegt, die Hecken akkurat geschnitten, die Schneeschaufel lehnt an der Fassade. Stets bereit für den nächsten Einsatz. Nur eine Sache hat sich von außen seit Dienstagabend geändert: Die Rollläden sind auch tagsüber heruntergelassen. So soll das bisher traute Heim vor neugierigen Blicken geschützt werden.

45-Jähriger findet seine Familie tot auf

Die Polizei hatte noch in der Nacht ihre ersten Ermittlungen und Spurensicherungen an den toten Körpern beendet. Über Stunden hinweg begutachteten Ermittler und Kriminaltechniker die Leichen und die Auffindesituation, stellten einen möglichen Tathergang nach, um nachvollziehen zu können, was sich in dem Wohnhaus abgespielt haben könnte.

Klar ist: Um kurz vor 18 Uhr kam der 45-jährige Familienvater nach Hause. Möglicherweise nichtsahnend. Man mag sich kaum vorstellen, was dann passierte. Wie sich sein Leben vom einen auf den anderen Moment komplett auf den Kopf stellte. Der Mann fand die Leichen seiner Frau (45) und seiner Söhne (14 und 16). Er wählte den Notruf, Rettungskräfte und Polizei eilten herbei. Doch auch der Notarzt und die Sanitäter konnten nur noch den Tod der drei Menschen feststellen. Der Mann musste von Helfern der Psychosozialen Notfallversorgung betreut werden.

Messer als Tatwaffe gesichert

Schon früh deutet sich am Tatort an, dass die Mutter zunächst ihre beiden Söhne tötete und sich anschließend selbst umbrachte. Dazu dürften die Spuren gepasst haben, die man vor Ort vorfand: Die Mutter und die Kinder wiesen Stichverletzungen auf, ein Messer als mutmaßliche Tatwaffe konnten die Beamten im Haus sicherstellen. Das erklärte die Polizei am nächsten Morgen in einer Mitteilung. Noch am Abend hatten die Beamten auf Anfrage unserer Redaktion gemauert und keine Hintergründe zu den schrecklichen Ereignissen mitgeteilt.

Doch auch jetzt sind noch viele Fragen offen. Das direkte Umfeld und auch die Nachbarschaft suchen nach Antworten. Im Gespräch mit Anwohnern hört man immer nur eines: „Die waren alle freundlich, sie haben immer gegrüßt.“ Die quirligen Kinder hätten regelmäßig auf der Straße gespielt oder seien mit ihren Rädern umhergedüst. Auch einen Hund habe die Familie. Ein Bild, wie man es sich harmonischer kaum vorstellen könnte.

Fehlen der Kinder fällt am Dienstag auf

„Aber man weiß ja nie, was hinter der Fassade so ist“, sagt ein Mann, der die Gegend gut kennt. Seit mehreren Jahren habe die Familie dort gewohnt, man kenne sich deshalb – zumindest vom Sehen und zumindest so gut, dass man sich im Vorbeifahren zuwinkt. Das hätten auch die Söhne immer gemacht. Nur am Dienstagmorgen sei es anders gewesen, erzählt der Mann. „Ich habe die Kinder schon morgens nicht mehr gesehen – sonst sehe ich sie immer, wenn sie auf den Bus gehen“, berichtet er, und ergänzt: „Das ist mir aber erst im Nachhinein aufgefallen.“ Dann, als klar war, was sich in dem Haus abgespielt hat.

Um Licht ins Dunkel zu bringen, spielen für die Ermittler zwei wesentliche Aspekte eine Rolle, wie Polizeisprecher Marcel Ferraro am Mittwochvormittag am Tatort erklärt. So gilt es zunächst nach Gründen für die Familientragödie zu suchen. Schulden? Psychische Auffälligkeiten? Alles unklar. Die Familie, so heißt es, sei überaus unauffällig gewesen. Zumindest in den ersten Stunden nach der Tat drängen sich keine Motive auf.

Hoffen auf neue Erkenntnisse durch die Obduktion

Was aber bislang ebenso noch offen ist: Wie schaffte es die Mutter, die Jugendlichen zu töten? Wurden die 14 und 16 Jahre alten Jungs im Schlaf überrascht? Hierzu gebe es bislang keine Informationen, so Ferraro. Neue Erkenntnisse könnte die angeordnete Obduktion ergeben. Eventuell auch mit Blick auf ein mögliches Sedieren der Opfer.

Weitere Hinweise erhoffen sich die Beamten zudem von der weiteren Durchsuchung des Hauses, die am Mittwochvormittag stattfand. Nachdem die Spurensicherung an den Leichen abgeschlossen war, geht es darum, wie der Polizeisprecher erklärt, im weiteren Haus nach möglichen Hinweisen zu den Hintergründen der Tat zu erfahren. Eines ist aber schon jetzt klar: Es dürfte schwierig sein, Antworten für das Unerklärliche zu finden.

Das gilt auch für das Kriseninterventionsteam, das die Mitschüler der beiden Brüder am Mittwoch betreut. Die Opfer gingen in die neunte und elfte Klasse einer Schule in VS. Gemeinsam mit Seelsorgern versuchten Schüler und Lehrer dort den Vormittag über, die schrecklichen Ereignisse zu begreifen. Die schmerzhafte Lücken, die die Brüder dort hinterlassen, werden aber noch lange nachwirken.

Anmerkung der Redaktion: In der Regel berichten wir nicht über Suizid - es sei denn, die Tat erfährt durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. 

Suizidgedanken sind häufig eine Folge psychischer Erkrankungen. Wer Hilfe sucht, auch als Angehöriger, findet sie bei der Telefonseelsorge unter 0800/1110111 oder 0800/1110222 und unter www.telefonseelsorge.de. Eine Liste mit Hilfsangeboten findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: www.suizidprophylaxe.de.